Wie
die
Revolution
sich
selbst
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Nicht ganz drei Monate lang herrschte in Bremen der Arbeiter- und Soldatenrat. Das Experiment scheiterte am Realitätsverlust der radikalen Köpfe

15. 11. 1918: Verkündung der Machtübernahme durch den Arbeiter- und Soldatenrat vom Balkon des Bremer Rathauses; die Fahne wurde nachkoloriert

Von Bernd Langer

Schon bevor der Arbeiter- und Soldatenrat im November 1918 in Bremen die Macht übernimmt, hat sich die Stadt zu einer linksradikalen Hochburg gemausert, die sich am Bolschewismus orientiert. Das hat mit der SPD zu tun, die in Bremen seit jeher als besonders links gilt, vor allem aber mit Johann Knief – und der Geschichte um den russischen Emigranten Radek.

Karl Radek, geboren als Karol Sobelsohn in Lemberg in Österreich-Ungarn, tritt 1904 der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL) bei. Diese Organisation ist 1893 unter Rosa Luxemburg und ihrem damaligen Lebensgefährten Leo Jogiches gegründet worden. Nach den schweren Ausein­andersetzungen in Warschau während der russischen Revolution von 1905 emigriert Radek nach Deutschland, wo er sich seit 1908 als Journalist in der sozialdemokratischen Presse einen Namen macht. Wie Rosa Luxemburg gehört Radek zum linken Flügel der SPD. Allerdings ist ihr persönliches Verhältnis von Antipathie bestimmt.

Als 1912 ruchbar wird, das Radek polnisches Partei- und Gewerkschaftseigentum in Höhe von 350 Rubel veruntreut haben soll, kommt es zum endgültigen Bruch. Umgehend wird er aus der SDKPiL ausgeschlossen, was gleichzeitig den Ausschluss aus der SPD bedeutet. Wer fortan Partei für Radek ergreift, muss in ein gespanntes Verhältnis mit der Parteimehrheit in der SPD und speziell zu Rosa Luxemburg geraten.

Zu den Fürsprechern Radeks zählt vor allem die Bremer SPD. Die hanseatischen Genossen widersetzen sich dem Parteiausschluss von Radek und geben dem Geächteten ab September 1912 den Posten eines Redakteurs bei der Bremer Bürger-Zeitung, deren Chefredakteur Alfred Henke für die SPD im Reichstag sitzt und Bremen zu einem Anziehungspunkt für viele linke Intellektuelle macht. Bedingt durch den Kriegsbeginn emigriert Radek in die Schweiz, wo er sich dem Kreis um Lenin anschließt. Mit den Bremer Genossen bleibt Radek aber in ständiger Verbindung.

Der konsequenteste Unterstützer von Radek in Bremen ist Johann Knief. Zunächst Volksschullehrer und im Bremischen Lehrerverein engagiert, ist Knief seit 1905 Mitglied der SPD. Im November 1911 kehrt er dem Lehrerberuf den Rücken und widmet sich mit all seine Kraft der sozialdemokratischen Bewegung. Er wird politischer Redakteur der Bremer Bürger-Zeitung.

Bereits 1914 wird Knief eingezogen und kommt an die Westfront, wo er im Oktober 1914 nervlich zusammenbricht. Von dem Kriegstrauma wird er sich nie mehr gänzlich erholen. Im Februar 1915 als dienstunfähig entlassen, zieht sich Knief einige Zeit aus der Politik zurück und lebt mit seiner Frau Käthe und seinen zwei kleinen Söhnen auf dem Land. Im Oktober 1915 kehrt er in die Bremer Bürger-Zeitung als zweiter Redakteur zurück und wird schnell zum führenden Kopf eines Zusammenhanges, der sich Internationale Sozialisten Deutschlands (ISD) nennt.

Für Knief und die Internationalen Sozialisten sind die Bolschewiki Vorbild. Perspektivisch kann es daher nur um die Bildung einer revolutionären Partei gehen. Um diesen Prozess voranzubringen, versuchen die Linksradikalen in Bremen im Laufe des Jahres 1916, die Parteiorganisation der SPD zu übernehmen. Tatsächlich gelingt es ihnen in einer Generalversammlung im Dezember 1916, ihren Antrag auf Beitragssperre für die Mutterpartei durchzusetzen. Dagegen wehrt sich die SPD-Parteileitung in den Personen von Frie­drich Ebert und Otto Wels.

Die Minderheit der vorstandstreuen Sozialdemokraten gründet den Sozialdemokratischen Parteiverein Bremen, während die Mehrheit im Sozialdemokratischen Verein Bremen verbleibt und insgesamt aus der SPD ausgeschlossen wird. Knief verliert (wie auch Henke) seinen Posten bei der Bremer Bürger-Zeitung und die Parteiorganisation der Bremer SPD ist forthin gespalten.

In diesem Vorgang sehen sich die Linksradikalen politisch auf dem richtigen Weg, allerdings wird Knief zu diesem Zeitpunkt mit einem ganz persönlichen Konflikt konfrontiert: Seit April steht er vollständig mittellos dar. Seine Frau kann nicht akzeptieren, dass ihr Mann für seine politischen Ideale sein Einkommen und damit das der Familie rücksichtslos aufs Spiel setzt.

Gleichzeitig findet Knief in der 16 Jahre jüngeren Charlotte Kornfeld eine politische Kampfgefährtin und die große Liebe. Als er dies seiner Frau bekanntmacht, kommt es zum Bruch und einem Trennungsstreit, der Knief bis zum Ende seines Lebens beschäftigen wird.