Armeniens Kirchenführer vor Gericht: Seine Heiligkeit Karekin II. erscheint persönlich
Kirchenoberhäupter sind im Kaukasus unangefochtene Autoritäten. Doch Armeniens Regierung zerrt ihren Katholikos vor Gericht. Es geht auch gegen Russlands Einfluss.
dpa | In einem Machtkampf zwischen Regierung und Kirche in Armenien ist das orthodoxe Kirchenoberhaupt Karekin II. vor Gericht gestellt worden – ein bislang einmaliger Vorgang in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Der Katholikos und mehrere mitangeklagte Bischöfe erschienen persönlich zum ersten Prozesstermin in Etschmiadsin nahe der Hauptstadt Jerewan, wie Reporter berichteten.
Hintergrund ist ein jahrelanger Streit mit Ministerpräsident Nikol Paschinjan, dessen proeuropäische Regierung im Juni mit absoluter Mehrheit wiedergewählt worden ist.
Die Anklage legt Karekin zur Last, sich über das Urteil eines weltlichen Gerichts hinwegzusetzen. Dieses verlangt die Wiedereinsetzung eines abgesetzten, Paschinjan-treuen Bischofs. Weigert sich der Kirchenführer weiterhin, drohen ihm bis zu zwei Jahre Haft. Das Gericht nahm in geschlossener Sitzung die Personalien auf und beendete dann den Verhandlungstag, wie ein Gerichtssprecher mitteilte.
Unmut über Anklage gegen Katholikos
Die orthodoxen Kirchen in Armenien und Georgien im Südkaukasus zählen zu den ältesten der Welt, ihr kultureller und gesellschaftlicher Einfluss ist bis heute groß. „Unseren geistigen Bruder, seine Heiligkeit Karekin II., vor Gericht vorzuladen, ist unannehmbar und muss verurteilt werden“, sagte ein anderer Bischof, Aram, nach Medienberichten.
Die Liste der Konflikte zwischen dem Kirchenoberhaupt und Paschinjan ist lang. Karekin II. legt dem Regierungschef die militärische Niederlage Armeniens 2020 im Krieg gegen Aserbaidschan zur Last, ebenso die kampflose Preisgabe des armenischen Siedlungsgebietes Bergkarabach 2023.
Regierung sieht russischen Einfluss in Kirche
Paschinjan nennt die Kirchenführer Einflussagenten Russlands, während er sein Land aus dem Moskauer Machtbereich lösen und Richtung EU führen will. Er bestreitet Karekins Recht auf die Kirchenleitung und will der orthodoxen Kirche interne Reformen verordnen. Die russlandfreundliche Opposition im Parlament von Jerewan hat angekündigt, den Prozess genau zu beobachten.
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