Medikamente wirken bei Frauen und Männern unterschiedlich. Dem trägt die Forschung nicht angemessen Rechnung, kritisiert eine Forscherin.von MONIKA SCHMIDTKE

Studien für Stiche: Medizin muss auch auf das Geschlecht angepasst werden. Bild: dpa
BERLIN taz | Die Erkenntnis, dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken, hat sich mittlerweile auch im Arzneimittelgesetz niedergeschlagen: Die Studien-Population für Arzneimittelstudien muss seit fünf Jahren Männer und Frauen in einem angemessenen Verhältnis berücksichtigen. Doch es gibt immer noch zu wenig Studien dieser Art, kritisierte Katrin Janhsen, Professorin für Pharmakologie und Toxikologie an der Uni Osnabrück, bei einem Fachgespräch des Deutschen Frauenrats zum Thema "Gender in der Medizin" in Berlin. Zudem erreichten die Ergebnisse dieser Studien ÄrztInnen und PatientInnen oft nicht.
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Janhsen plädiert dafür, in die nächste Novelle des Arzneimittelgesetzes einen neuen Passus aufzunehmen: Pharmaunternehmen sollen ihre verfügbaren Fachinformationen aus den Studien ÄrztInnen, ApothekerInnen und anderem medizinischen Fachpersonal zugänglich machen müssen.
Zu wenig Studien gibt es, weil Frauen als "schwierige" Probandinnen gelten. Sie könnten während der Studien schwanger werden, die Folgen für die Säuglinge sind unabsehbar - und der Pharmakonzern für etwaige Missbildungen haftbar.
Daneben gibt es aber auch zwei methodische Gründe, warum Frauen in Studien oft nicht berücksichtigt werden und unterrepräsentiert sind: der weibliche Zyklus sowie die Tatsache, das viele Frauen die Anti-Baby-Pille einnehmen.
Diese beiden Faktoren haben sowohl einen Einfluss auf Hormone als auch auf die Stoffwechselenzyme und können so die Ergebnisse verfälschen, so die Befürchtung. Janhsen dagegen meint: "Die Praxis zeigt, dass man diese Faktoren durchaus in Studien einplanen kann".
Genauere Zahlen über den Einbezug von Frauen in Medikamentenstudien gibt es noch nicht - unter anderem, weil die Zulassungsverfahren sehr lange dauern. Auch gelten die Vorschriften nur für Neuzulassungen.
Aber gerade bei schon lange gebräuchlichen Mitteln stellen sich oft fatal andere Wirkungen ein. Als Beispiel nennt Janhsen Morphin. Bei Frauen wirkt das Schmerzmittel deutlich stärker als bei Männern. Sie können schon bei einer 30 Prozent niedrigeren Dosierung Atemstörungen bekommen.
Auch der Betablocker Metoprolol, der auch zur Migräne-Vorbeugung eingesetzt wird, wirkt anders: Viel mehr Frauen kommen wegen erheblicher Nebenwirkungen ins Krankenhaus als Männer - obwohl das Mittel gegen Herzkreislaufkrankheiten nicht weniger Männern verschrieben wird -, sondern eher weniger Frauen. "Pillen müssen passen", nannte Katrin Janhsen ihren Vortrag deshalb.
Allerdings sollten Patienten jetzt keinesfalls selbst ihre Medikamente dosieren, sondern sich an die Empfehlung des Arztes halten, warnt Janhsen. Sie erklärt, dass allein schon durch das durchschnittlich geringere Gewicht von Frauen Medikamente ganz andere Wirkungen haben können als bei Männern.
Zusätzliche Faktoren sind die unterschiedliche Fett- und Wasserverteilung, und auch die zwischen den Geschlechtern ungleich verteilten Stoffwechselenzyme und Hormone könnten zu Unter- oder Überdosen bei der Medikamentierung führen. Daher seien auch genauere Informationen über die Wirkungen von Medikamenten bei beiden Geschlechtern notwendig - die dann auch bei den ÄrztInnen ankommen müssen.
MONIKA SCHMIDTKE
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