Frauen erhalten zwei bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer, heißt es in einem neuen Bericht. Bei Mitteln gegen Herzinfarkt werden sie hingegen vernachlässigt.von Kristiana Ludwig

Klein, bunt und besonders oft an Frauen verschrieben: Pillen. Bild: dpa
BERLIN taz | Wenn Frauen zum Arzt gehen, bekommen sie zwei- bis dreimal mehr Rezepte für Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Antidepressiva als Männer. Das schreibt die Krankenkasse Barmer GEK in ihrem aktuellen Arzneimittelreport, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Die starken Medikamente würden zudem häufig falsch eingesetzt, etwa um „Alltagssymptome oder Missbefindlichkeiten“ zu behandeln, sagte Gerd Glaeske, Gesundheitsforscher an der Universität Bremen und Autor der Studie.
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Die Folgen der Falschbehandlungen seien oft fatal: Von 1,5 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland seien zwei Drittel Frauen. Psychologische Beratungsstellen klagten über Patientinnen, die bereits als Süchtige kämen, sagte Glaeske. Typischerweise begännen weibliche Karrieren der Medikamentensucht im Alter zwischen 45 und 50 Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus seien.
Die Reaktion auf diese Substanzen sind bei Frauen laut Studie oft gefährlicher als bei Männern: Das Risiko für eine spätere Pflegebedürftigkeit steige mit der Einnahme von unverträglichen Medikamenten. Glaeske forderte eine Negativliste, die Ärzte über Wirkstoffe informiert, die speziell Frauen schaden.
Warum Ärzte gerade bei Frauen zu einer Fehlbehandlung mit Psychopharmaka neigen, darüber wird im Report lediglich spekuliert. Eine Vermutung besagt, dass Frauen ein größeres Mitteilungsbedürfnis haben als Männer und emotionaler reagieren. Außerdem sei die Hemmschwelle, zum Arzt zu gehen, bei Frauen niedriger, auch würden sie offener über Belastungen sprechen. Ärzte reagierten auf diese Probleme dann oft sehr drastisch.
In einer weiteren These werden Medikamente als Ersatzdroge zum Alkoholmissbrauch der Männer bezeichnet. Inwieweit diese Gründe oder etwa Rollenklischees Ursache falscher Diagnosen sind, will die Barmer für ihren nächsten Arzneimittelreport untersuchen, versprach Barmer-Vizevorstand Rolf-Ulrich Schlenker.
Allerdings bekämen auch Männer nutzlose und zum Teil gefährliche Präparate verschrieben. So warnte Gerd Glaeske vor dem Cholestrinsenker Inegy, der zur Vorbeugung eines Herzinfarktes „keinen belegten Nutzen“ habe und unter dem Verdacht steht, krebserregend zu sein. Auch Schmerzmittel und Kombipräparate – wie etwa Kopfschmerztabletten mit Koffein – würden zu häufig eingesetzt und in zu großen Mengen verkauft. MedizinerInnen sollten neue Arzneimittel kritisch prüfen und nicht auf das Marketing der Hersteller hereinfallen, forderte Glaeske.
In einem Punkt blieben Frauen aber von Überdosierungen weitestgehend verschont: Weil Durchblutungsprobleme zumeist bei Männern vermutet würden, sterben mehr Frauen als Männer an einem Herzinfarkt, noch bevor sie in ein Krankenhaus eingewiesen werden.
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