Auf Kreuzfahrt in Patagonien

Am Ende der Welt

Nachts wird es stürmisch, als das Schiff durch die engen Kanäle zum Pazifik steuert, um den den 1.400 Meter breiten Pia-Gletscher an zu steuern.

Berge vor einem See

Gletscher, urwüchsige Natur und eisigen Strand.  Foto: imago/Westend61

Am Morgen des dritten Tages stehen wir in orangeroten Schwimmwesten an der Reling der „Stella Australis“ und können unser Glück nicht fassen. Vor uns funkelt in schönstem Sonnenschein ein Gletscherpanorama von überirdischer Schönheit. Eisklumpen schwimmen verstreut auf dem Meer. Gleich werden wir ins Schlauchboot steigen und gegenüber dem mächtigen Pia-Gletscher landen. Schroffe Bergspitzen ragen aus seiner Mitte in die Höhe. Unter der Steilwand hat sich ein See gebildet, der im Winter gefroren ist.

Sprachlos vor Andacht lauschen wir den geologischen Erklärungen unseres Expeditionsführers Francisco Cardenes. Nach einer Weile schlägt er vor, dass wir unsere Begeisterung mit einem gemeinsamen Schrei ausdrücken. Und der Gletscher reagiert! Mit lautem Krachen löst sich ein Stück der Eiswand und fällt klatschend in den See. Ein Zufall natürlich, und dennoch magisch.

Im subarktischen magellan’schen Urwald

Tief im Süden Patagoniens waren wir im Hafenstädtchen Punta Arenas an Bord der „Stella Australis“ zu einer fünftägigen Expedition durch die Fjorde Feuerlands bis nach Kap Hoorn und Ushuaia aufgebrochen – eine der einsamsten und rauesten Gegenden der Erde. Das kleine Kreuzfahrtschiff mit gerade mal 200 Passagieren und 62 Besatzungsmitgliedern ist von der chilenischen Reederei Cruceros Australis für Fahrten durch enge Kanäle und für extreme Wetterbedingungen gebaut worden. Ein komfortables Wohlfühlschiff ohne Wellness-Oasen, Pools und Luxus-Boutiquen, aber mit großen Panoramafenstern in allen Kabinen. Aus 17 Nationen kommen diesmal die Gäste, darunter 30 Deutsche.

Kreuzfahrten: Die „Stella Australis“ fährt von September 2015 bis April 2016 einmal wöchentlich ab Punta Arenas nach Kap Hoorn. Die Tour endet dann nach fünf Tagen in Ushuaia, dem argentinischen Teil Feuerlands. www.australis.com.

Veranstalter: Die Kreuzfahrten von und nach Kap Hoorn haben auch verschiedene deutsche Reiseveranstalter in ihrem Programm, zum Beispiel Gebeco (www.gebeco.de), Dertour Kreuzfahrten (www.dertour.de) oder Diamir Reisen (www.diamir.de).

Allgemeine Informationen: Turismo Chile (www.chile.travel)

Die Reise wurde unterstützt von LATAM Airlines Group, Turismo Chile und Cruceros Australis.

Der erste Ausflug geht in die Ainsworth-Bucht mit dem Marinelli-Gletscher, der sich weit zurückgezogen hat. Per Schlauchboot erreichen wir den subarktischen magella n ’schen Urwald, wo noch vor 100 Jahren die Eisdecke eines der größten Gletscher der Darwin-Kordillere endete. Um 14 Kilometer ist er abgeschmolzen. Moose, Flechten und Pilze haben sich auf den nackten Felsen angesiedelt, und im heutigen Alberto de Agostini Nationalpark ist ein Südbuchenwald entstanden. Nie wurde hier Holz geschlagen.

Wir wandern auf Stegen durch ein torfmoorartiges Feuchtbiotop mit mehreren Seen und Bächen und lauschen hinter dem Dickicht schmaler Baumstämme dem Plätschern eines Wasserfalls. An den stacheligen Calafate-Büschen hängen rote Beeren. Marmelade und Saft zum Frühstück wird daraus gemacht. Bevor wir zum Schiff zurückkehren, schenkt Barkeeper Marcello heiße Schokolade mit einem Schuss Whisky aus – ein Ritual nach jedem Ausflug.

Bis Kap Hoorn gibt es keine Dörfer

Auf der ganzen Strecke bis zum legendären Kap Hoorn gibt es keine Dörfer. Nur Gletscher, urwüchsige Natur und eisigen Strand. Deshalb sind die Magellan-Pinguine auf den Tucker-Inseln, zu denen wir nachmittags mit dem Schlauchboot hinausfahren, kein bisschen scheu. Sie haben zwei schwarze Streifen auf der Brust und watscheln in Gruppen leicht schräge gegen den Wind umher.

Männchen und Weibchen sind nicht zu unterscheiden. Manchmal flattern sie heftig mit ihren Flossen oder drehen sich wie ein aufgezogener Kreisel. Ihre Stimmen klingen ein wenig wie das Plärren von Affen. Bald werden sie fort sein wie die Kormorane, die in den Nischen mächtiger Felsen hausen, und die großen Skua, die chilenischen Raubmöwen. Im Winter sieht man hier keine Vögel mehr.

Nachts wird es stürmisch, als das Schiff durch die engen Kanäle zum Pazifik steuert. Es scheppert so heftig in der Kajüte, dass ich erwache. Wie auf mächtigen Wogen schwanke ich im Bett hin und her. Stockfinster ist das Panoramafenster, und tief unten wirbelt schäumende Gischt. Die Nacht endet mit einem glamourösen Sonnenaufgang.

Es ist jener dritte Tag, an dem wir zu Füßen des 1.400 Meter breiten Pia-Gletschers stehen werden. Er hat sich in den letzten 15 Jahren nicht verändert, sagt Expeditionsführer Francisco Cardenes und steigt mit uns die steilen Felsen hinauf zum schönsten Blick über das weiße Bergpanorama. Man sieht, wie sich die riesige Gletscherzunge von der Gebirgskette bis ins Meer hinunter schiebt.

Später am Nachmittag gleitet die „Stella Australis“ an der majestätischen Allee der Gletscher entlang, einer der Höhepunkte dieser Kreuzfahrt. Die mächtigen Eisriesen tragen die Namen europäischer Länder, aus denen die Eroberer Feuerlands kamen: Espa ñ a, Francia, Italia, Holanda, Alemania …

Tausende Jahre haben auf dem entlegenen Archipel Menschen gelebt. Als die ersten Europäer 1520 mit ihren Schiffen bis zum windumtosten Kap Hoorn am Ende der Welt vorstießen, trafen sie auf Eingeborene, die sich nackt in Holzkanus durch die Fjorde bewegten. Unter den mehr als 100.000 Ureinwohnern gab es verschiedene Volksgruppen. Sie wurden nahezu komplett ausgerottet, durch Epidemien, die die Eroberer einschleppten, durch brutale Missionierung und durch gezielte Tötungen. Von den Ureinwohnern haben nur 12 Kawesqar-Indianer überlebt und eine einzige Frau der Yamana-Seenomaden, auch Yaghan genannt.

Von den Ureinwohnern hat eine Frau überlebt

„Ihr Name ist Cristina“, sagt Francisco, als wir am vierten Tag frühmorgens in der wunderschönen Wulaia-Bucht auf der Insel Navarino an Land gehen. „Sie muss heute 87 Jahre alt sein.“ Hier befand sich eine der größten Siedlungen der Yaghan, jener Kanuten, die an den Küsten Feuerlands nackt auf Robbenjagd gingen, während die Frauen im eiskalten Wasser nach Muscheln und Krebsen tauchten. Kleidung kannten sie nicht.

Gegen die Kälte schützten sie sich mit dem Öl der Robben, das sie mit Gräsern und Klee mischten. Es gibt noch Spuren aus jener Zeit. „Vor acht Jahren fanden wir hier einen halben Meter unter der Erde eine schöne Harpune aus Walknochen“, berichtet Francisco. „Die Harpune war 5.000 Jahre alt.“

An Bord des Forschungsschiffes HMS Beagle unter Kapitän Robert FitzRoy landete der junge Naturforscher Charles Darwin im Januar 1833 in der Wulaia Bay. Über seinen ersten Anblick eines Wilden notierte er: „Es war ein nackter Feuerländer, sein langes Haar wehte umher, sein Gesicht war mit Erde beschmiert. In ihren Gesichtern liegt ein Ausdruck, der, glaube ich, all denen, die ihn nicht gesehen haben, ganz unbegreiflich wild vorkommen muss. Auf einem Felsen stehend stieß er Töne aus und machte Gestikulationen, gegen welche die Laute der domestizierten Tiere weit verständlicher sind.“

Manch einer bleibt seekrank zurück

Tatsächlich besaßen die Yaghan eine Sprache, die aus mehr als 33.000 Wörtern bestand. Ein anglikanischer Missionar, der unter ihnen lebte, hat sie ins Englische übersetzt. „Aia“ bedeutet „Bucht“. Es gibt in Feuerland immer noch viele Wörter, die auf „aia“ enden. „Cristina, die letzte reinrassige Überlebende, kümmert sich intensiv um den Erhalt der Yaghan-Sprache und lehrt sie ihren vielen Enkel und Urenkel“, weiß Francisco. Sie lebt heute in dem kleinen Ort Puerto Williams, 70 Kilometer von der Wulaia-Bucht entfernt an der Nordküste der Navarino-Insel, jenseits der Route der „Stella Australis“.

Nachmittags, auf der letzten Etappe der Expedition, sind alle in Hochspannung. Werden wir am umtosten, mythischen Kap Hoorn, wo Atlantik und Pazifik aufeinander stoßen, an Land gehen können? „Das entscheide ich mit der gesamten Crew erst kurz vorher“, sagt Jaime Hurra, der argentinische Kapitän der „Stella Australis“.

Nicht nur die Stärke, sondern auch die Richtung des Windes sei ausschlaggebend. Er schicke 12 bis 14 Leute mit den Booten hinaus, um die Bedingungen zu checken, dazu fünf Froschmänner in Tauchanzügen im Wasser am Fuße des Felsens. Vor der Südspitze des Kontinents sanken mindestens 800 Schiffe, bis der Panamakanal 1914 die lebensgefährliche Passage ablöste.

Manch einer bleibt seekrank auf dem Schiff zurück, als die Schlauchboote in wogender See auf das Kap zusteuern. Eine Mutprobe, aus dem Boot direkt auf die untere Stufe einer steilen Holztreppe zu klettern, die mit 160 Stufen am fast senkrechten Felsabbruch hinaufführt.

Zu unserem Erstaunen ist das Kap bewohnt. Manuel Canepa, Offizier der chilenischen Marine, lebt hier für ein Jahr mit seiner Familie in einem Häuschen nebst angeschlossenem Leuchtturm. Der Vierzigjährige ist zuständig für die Kontrolle des Schiffsverkehrs und für meteorologische Tätigkeiten. Alle zwei Monate bringt ein Versorgungsschiff Lebensmittel. Der Offizier, seine Frau und die vierzehn und zwei Jahre alten Kinder dürfen die Insel nur im Notfall verlassen. Bei Hurrikan ist das Haus die Notunterkunft.

Ganz oben auf der 424 Meter hohen Kuppe des Basaltfelsens ragt die aus Stahlplatten montierte Skulptur des chilenischen Bildhauers José Balcell in den bleiernen Himmel. Im Gedenken an die gestorbenen Seemänner war in der Mitte wie ein geöffnetes Fenster die Silhouette eines fliegenden Albatros zu erkennen – jenem Sturmvogel, in dem die Seelen der Seeleute dem Mythos nach weiterleben. So war es jedenfalls bis zum November 2014, als ein Orkan die eine Hälfte des Albatros-Denkmals mit sich riss. Uns bleibt ein Gefühl des Stolzes, sich getraut zu haben, per Schlauchboot am Kap Hoorn anzulegen und hinaufzusteigen zu diesem wildesten Ort am Ende der Welt.

 

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