Aus Le Monde diplomatique

Frauen schlagen zurück

Vor 100 Jahren wurden Feministinnen verfolgt und mit Steinen beworfen. Doch sie trainierten Kampfsport und bildeten Bodyguard-Gruppen.

Eine Gruppe Frauen steht beieinander, eine trägt eine Trommel

Für Gleichberechtigung wird immer noch gekämpft: eine Demonstration von Suffragetten in London 2012. Foto: imago

Vor Kurzem kam der britische Film „Suffragette – Taten statt Worte“ in die Kinos – ein rührselig erzähltes Sozialdrama über die erste große Frauenbewegung der Geschichte. Schade, dass sich die Macherinnen nicht getraut haben, aus dem Genre auszubrechen und die wagemutigen Aktionen der Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht mit Mixed-Martial-Arts-Schauspielerinnen in Szene zu setzen.

Emmeline Pankhurst (1858–1928), die charismatische Anführerin der Bewegung, war eine Verfechterin des gewaltlosen Widerstands gewesen, bevor sie 1903 mit ihren Töchtern Christabel und Sylvia die Women’s Social and Political Union (WSPU) gründete. Weil sie im Handgemenge einen Polizisten angespuckt hatte, wurde Christabel 1905 zum ersten Mal verhaftet. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu willkürlichen Verhaftungen der drei Pankhurst-Frauen und anderer WSPU-Aktivistinnen.

Nachdem eine Demonstration mit brutaler Polizeigewalt niedergeschlagen worden war, setzte die WSPU ab 1910 auf gezielte Aktionen: Die von den Zeitungen als „Suffragetten“ bezeichneten Aktivistinnen schlugen Fensterscheiben ein, zündeten vereinzelt Landhäuser von Reichen an, verwüsteten Golfplätze und plünderten die Royal Botanic Gardens.

Die Sachbeschädigungen waren jedoch nichts im Vergleich zu der von Männern ausgeübten Gewalt. Tagtäglich verfolgten sie die Aktivistinnen bis nach Hause und an den Arbeitsplatz, schikanierten sie auf offener Straße und bewarfen sie auf Demonstrationen mit Steinen. Unter den spöttischen Blicken der Polizisten, die nur darauf warteten, selbst zum Zuge zu kommen, stiegen sie bei den Frauenversammlungen auf die Tribünen, um die Rednerinnen zu verprügeln.

Im Hungerstreik zwangsernährt

Als die Aktivistinnen im Gefängnis in den Hungerstreik traten, um als politische Gefangene anerkannt zu werden, wurden sie zwangsernährt. Da sich darüber aber auch immer mehr (männliche) Bürger empörten, erließ die Regierung 1913 den „Cat and Mouse Act“: Wenn die Frauen zu stark geschwächt waren, wurden sie entlassen; doch sobald sie wieder zu Kräften gekommen waren, kamen sie wieder ins Gefängnis.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von Le Monde diplomatique. LMd liegt immer am zweiten Freitag des Monats der taz bei und ist einzeln im taz-Shop bestellbar: Gedruckt oder digital (inklusive Audio-Version). Das komplette Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe finden Sie unter www.monde-diplomatique.de.

Das grausame Katz-und-Maus-Spiel zielte darauf ab, die Köpfe der Bewegung auszuschalten. Um das zu verhindern, kamen die Samurai ins Spiel: Im Jahr 1900 hatte der Ingenieur und Japanreisende Edward William Barton-Wright in London eine Kampfschule eröffnet, in der er sein Selbstverteidigungssystem „Bartitsu“ (ein Kofferwort aus seinem Familiennamen und Ju-Jutsu) unterrichtete – eine Art Vorläufer der modernen Mixed-Martial-Arts aus Ju-Jutsu, Boxen, Ringkampf und Savate (französisches Boxen).

Besonders beliebt waren die beiden japanischen Meister Tani Yukio und Uyenishi Sadakazu. Das Sportlehrerehepaar Edith und William Garrud war von einer öffentlichen Vorführung so begeistert, dass sie sich sofort an Barton-Wrights Schule einschrieben, die zwei Jahre später allerdings schon wieder schloss. Uyenishi gründete daraufhin sein eigenes Institut, die School of Japanese Self-Defense. Als der Meister nach Japan zurückging, übernahmen die Garruds den Lehrbetrieb. Edith Garrud (1872–1971) unterrichtete dort Kinder und Frauen in Ju-Jutsu und eröffnete gleichzeitig im Londoner East End ein Dojo für die Suffragetten der WSPU und der Women’s Freedom League, einer 1907 gegründeten Abspaltung der Union.

Dass Frauen überhaupt Sport trieben, war schon ein politischer Akt. Die nur ein Meter fünfzig große Edith Garrud führte mit Begeisterung vor, dass körperliche Geschicklichkeit der plumpen Gewalt überlegen ist. Auf Demos trat sie in Schaukämpfen gegen einen als Polizisten verkleideten Komparsen an. Sie spielte in dem ersten englischen Kampfkunstfilm (“Jiujitsu Downs The Footpads“, 1907) mit, schrieb eine Komödie gegen häusliche Gewalt (“What Every Women Ought to Know“, 1911) und veröffentlichte Artikel in der WSPU-Zeitschrift Votes for Woman. Garrud war sich auch nicht zu schade, auf die Gefängnismauern von Holloway zu klettern, um lauthals singend ihre Unterstützung für die eingesperrten Suffragetten zu bekunden.

Weibliche Bodyguards gegen Polizisten

Um die Demonstrantinnen gegen polizeiliche Übergriffe zu schützen, richtete die WSPU auf Anregung von Sylvia Pankhurst einen Sicherheitsdienst ein. So entstand 1913 der „Bodyguard“, eine Gruppe von etwa vierzig Frauen, die von Edith Garrud trainiert wurden. An der Spitze der Bodyguards stand Gertrude „Gert“ Harding (1889–1977), eine Kanadierin, die erst ein Jahr zuvor nach London gekommen war und sofort Berühmtheit erlangt hatte, nachdem sie in den Royal Botanic Gardens ein paar seltene Orchideen herausgerissen hatte. Die Polizei war zunächst von einem männlichen Übeltäter ausgegangen, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau die hohe Gartenmauer überwunden hatte.

Die Bodyguards versteckten unter ihren Kleidern Ziegelsteine, Gymnastikkeulen oder Schlagstöcke, die sie der Polizei weggenommen hatten. Trotz zahlreicher Knochenbrüche, Wunden und Beulen übertrafen sie sich gegenseitig an Mut und Einfallsreichtum, um ihre zahlenmäßige Unterlegenheit auszugleichen. Sie legten die Strecken der Demonstrationszüge fest, organisierten Unterschlupfe und verkleideten sich als Emmeline Pankhurst, um die Polizisten in die Irre zu führen.

Die Frauen stellten im wahrsten Sinne des Wortes die Autoritäten bloß, indem sie den Polizisten die Hosenträger klauten.

Die Presse berichtete über ihre Heldentaten und nannte sie „Amazonen“ oder „Suffrajitsu“, während sich die Minister die Haare rauften: Die Frauen stellten im wahrsten Sinne des Wortes die Autoritäten bloß, indem sie den Polizisten die Hosenträger klauten. „Was unsere Kämpferinnen betrifft“, schrieb Emmeline Pankhurst in einer Würdigung ihrer Beschützerinnen, „so sind sie in bester Form und sehr stolz auf ihre Leistungen [...]. Unsere Kameradin, der sie den Schädel eingeschlagen haben, weigerte sich, die Wunde nähen zu lassen, denn sie wollte eine möglichst sichtbare Narbe behalten. Das ist wahrer Kriegerinnengeist!“

Auch der Polizei gelang der eine oder andere Coup. 1913 verhaftete sie Emmeline Pankhurst bei ihrer Rückkehr aus den USA noch auf dem Schiff, um den am Ufer wartenden Bodyguards zuvorzukommen. Meistens verließ sich die Polizei aber nur auf ihre Übermacht und Brutalität, wie 1914 bei einer WSPU-Versammlung in Glasgow. Zunächst war es Emmeline Pankhurst gelungen, die Polizisten auszutricksen, indem sie sich unter das Publikum mischte. Doch kaum hatte sie die Tribüne betreten, warfen sich fünfzig Polizisten vor den Augen von viertausend entsetzten Zuschauer*innen auf die Rednerin, die von dreißig Bodyguards verteidigt wurde. Nach der „Schlacht von Glasgow“ setzten sich viele bislang Unentschlossene für die Sache der Suffragetten ein.

Nachdem Großbritannien in den Krieg gegen Deutschland eingetreten war, beschloss Emmeline Pankhurst die Aktionen der WSPU zu beenden und die Bodyguard-Truppe aufzulösen. Sie rief dazu auf, die nationalen Anstrengungen zu unterstützen. Diese Strategie, mit der sie die Rolle der Frauen als Staatsbürgerinnen hervorheben wollte, um die Rechtmäßigkeit ihrer Forderungen zu unterstreichen, trug 1918 Früchte: Acht Millionen Engländerinnen über dreißig bekamen das Wahlrecht zugesprochen.

Kampf gegen gebrochene Zehen

Pankhursts patriotischer Appell führte allerdings zum Bruch mit ihrer Tochter Sylvia, die sich den Rätekommunist*innen anschloss, die gegen den Krieg waren. Emmeline, die eine Heidenangst vor einer kommunistischen Revolution hatte, trat sogar der konservativen Partei bei.

Edith Garrud unterrichtete noch bis 1925 gemeinsam mit ihrem Ehemann Ju-Jutsu. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals nahmen sich einige Frauen die „Jujutsuffragetten“ zum Vorbild, wie etwa die Sozialistin und Psychiaterin Madeleine Pelletier. Nachdem sie 1908 in London auf einer Demonstration gewesen war, verteidigte Pelletier in ihrer Zeitung La Suffragiste die Militanz ihrer englischen Schwestern: „Es ist zwar kein Argument, ein Fenster einzuschlagen, aber was soll man tun, wenn die öffentliche Meinung nicht auf Argumente hört, sondern nur auf eingeschlagene Fensterscheiben?“

Und nicht zu vergessen die Dichterin Qiu Jin (1875–1907), die „erste chinesische Feministin“, die gegen den grausamen Brauch des Füßebindens kämpfte, bei dem den Mädchen die Zehen gebrochen wurden. Qui Jin, die chinesische und japanische Kampfkünste beherrschte, unterrichtete außerdem Sport an Mädchenschulen. Sie ermutigte ihre Schülerinnen, einen Beruf zu erlernen, und löste damit einen Skandal aus. Die Revolutionärin wurde schließlich wegen versuchten Staatsstreichs angeklagt und 1907 zum Tode verurteilt.

„Der Angreifer entscheidet, ob Gewalt eingesetzt wird; wir entscheiden, gegen wen sich diese Gewalt richten wird“, schreibt die österreichische Trainerin Irene Zeilinger in ihrem „Kleinen Handbuch der Selbstverteidigung für alle Frauen, die von blöder Anmache die Nase voll haben“. Nach diesem Motto haben die mutigen Pionierinnen politischer und feministischer Selbstverteidigung bereits vor über hundert Jahren gehandelt.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

 

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