Aus der Sonderausgabe „Charlie Hebdo“

Marine Le Pen mit Hitler-Intimfrisur

Vier Museen für komische Kunst haben ein virtuelles Museum für Karikaturen von „Charlie Hebdo“ installiert. Die Reaktionen sind positiv.

Bild: Andreas Prüstel

BERLIN taz | Wie soll man bloß reagieren? Diese Frage hat unmittelbar nach den Anschlägen von Paris viele beschäftigt – besonders aber die, die sich beruflich mit komischer Kunst beschäftigen. Achim Frenz, Leiter des caricatura museums frankfurt, sagt, es sei kaum möglich gewesen, adäquat zu reagieren: „Wie man es macht, ist es falsch.“

Bereits kurz nach den Attacken seien Forderungen an seine Institution herangetragen worden, sie sollten doch jetzt unbedingt eine Mohammed-Ausstellung zeigen. „Das haben wir natürlich abgelehnt. Wir wollten keine Quote auf Kosten von Kollegen machen“, sagt Frenz.

Der 58-Jährige ist Mitherausgeber des Satiremagazins Titanic, das von ihm geführte Museum für Komische Kunst ist eng verbunden mit dem Werk der Neuen Frankfurter Schule. Unmittelbar nach dem 7. Januar 2015 war man noch im Schockzustand. Mit dem Zeichner Georges Wolinski war auch ein Kollege ermordet worden, mit dem man früher zusammengearbeitet hatte.

Die Fragen aber blieben: Was müssen wir jetzt zeigen? Was dürfen wir (noch) zeigen? Schwierige Fragen, die sich neben den Museen auch Medien und öffentliche Einrichtungen stellten – und die eigentlich schon seit Beginn des Karikaturenstreits 2006 nicht mehr nur nach medienethischen, sondern auch nach sicherheitspolitischen Gesichtspunkten entschieden werden. „Die Angriffe auf die legendäre französische Satirezeitung hatten nun aber eine ganz andere Qualität“, sagt Frenz, „es wurden schließlich Redakteure und Zeichner wegen ihrer Meinungsäußerung in ihren Büros gezielt hingerichtet.“

Knutschende Imame und eine nackte Marine Le Pen

Erst einmal haben die Frankfurter gemeinsam mit drei weiteren Museen – der Caricatura Galerie für Komische Kunst Kassel, dem Cartoonmuseum Basel und dem Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch in Hannover – entschieden, was sie inhaltlich machen wollten: informieren. Über Charlie Hebdo. Über französische Karikaturgeschichte. „Die meisten waren vor einem Jahr ‚Charlie‘, aber die Wenigsten kannten Charlie, erklärt Frenz, „das wollten wir ändern.“

Im Juli 2015 haben die vier Museen die Website “Museen für Satire“ gelauncht. Es ist eine schlicht gestaltete Seite, die ausgewählte Cartoons und Karikaturen von Charlie Hebdo aus den Jahren 2010 bis 2015 – mit deutscher Übersetzung – zeigt. Man kann sich durch die Bereiche Religion, Gesellschaft und Politik klicken und sieht eine nackte Marine Le Pen mit Hitler-Intimfrisur, knutschende Imame oder böse Cartoons zur Flüchtlingskrise.

Die Geschichte Charlie Hebdos und dessen Vorgängerheftes Hara-Kiri (bis 1970) wird nacherzählt, ein ganzer Reiter ist dem Thema „Laizismus in Frankreich“ gewidmet. „Die französische Art von Satire wäre in Deutschland gar nicht denkbar, sie ist um einiges radikaler“, sagt Frenz, „als ich das erste Mal ein Hara-Kiri-Heft in der Hand hatte, dachte ich: Ich glaube nicht, was ich sehe.“ Französische Zeichner waren es, die die Karikatur der Moderne erst möglich machten, mit Honoré Daumier als Pionier der heutigen Satire wurde sie im 19. Jahrhundert als wirkmächtige Kunstform etabliert.

Keinerlei Drohungen trotz größtem Verbreitungsgrad

Es geht den Seitenbetreibern aber auch um Aufklärung. Denn wer die Charlie-Hebdo-Zeichner für einen Haufen islamophober Karikaturisten hält und so das Morden relativiert, der kann auf dieser Website etwa eine von Le Monde erhobene Auswertung aller Titelblätter des wöchentlich erscheinenden Heftes zwischen 2005 und 2015 nachlesen.

Mehr als drei Viertel widmeten sich den Themenspektren Politik, Wirtschaft und Soziales. Nur 38 Titelblätter hatten Religion zum Thema, überwiegend ging es um die christlichen Religionen. Ganze sieben Cover setzten sich mit dem Islam auseinander – beziehungsweise eher mit islamistischen Extremisten. „Es ist falsch, wenn man glaubt, dass die Satiriker von Charlie Hebdo sich hauptsächlich mit dem Islam beschäftigen würden“, sagt Frenz im Gespräch, „sie sind Teil einer laizistischen Gesellschaft – ihre Satire wendet sich gegen jede religiöse Autorität.“

Warum das Projekt „nur“ online stattfindet? Warum keine Gemeinschaftsschau aller Museen? „Es war recht schnell klar, dass das eine Online-Geschichte werden soll“, sagt Martin Sonntag von der Kasseler Caricatura. „Im Netz haben wir den größten Verbreitungsgrad. Und es sprachen auch einige pragmatische Gründe gegen eine Ausstellung: Alle beteiligten Museen haben Jahrespläne, die man nicht mal eben umschmeißen kann.“ Besonders am Anfang sei die Resonanz groß gewesen. Die Reaktionen: fast nur positiv. Keinerlei Drohungen. Nun überlegt man, wie die Website weiterentwickelt werden kann.

Das Problem Sicherheit

Zum Problem, so darf man mutmaßen, wäre bei einer Ausstellung in einem der Häuser der Sicherheitsaspekt geworden. Mehrere Schauen mussten 2015 abgesagt werden: Das Musée Hergé im belgischen Louvain-la-Neuve hat im Januar 2015 eine Tribute-Schau für Charlie Hebdo gecancelt, im August 2015 fiel eine in London geplante „Draw Mohammed“-Schau aus.

Eine Kölner Schule wurde Anfang Februar vom konservativen islamischen Dachverband Ditib allein dafür angefeindet, dass in einer Schülerausstellung das erste Charlie-Hebdo-Titelbild nach den Anschlägen gezeigt wurde. Und dies sind nur einige Ereignisse. Im Museum Frankfurt ist auch nichts wie vor den Anschlägen – das Haus wird polizeilich überwacht; einen Notfallknopf gibt es auch.

Vom kurzfristigen Reflex, nach der man „jetzt erst recht“ Mohammed-Karikaturen ausstellen müsse, hält Martin Sonntag wenig. Kunst, die „provoziere um des Provozierens willen“, sei für ihn nicht interessant, sagt der 47-Jährige. Im Gegenteil, er halte satirische Kunst, die nur aus solchen Motiven heraus entstehe, für fragwürdig: „Wenn die Karikaturen ausschließlich darauf aus sind, Tabus zu brechen, so spricht das nicht für sie“, meint Sonntag, „die Zeichnungen müssen immer begründbar sein, es muss Haltung dahinterstecken, es muss so etwas wie ‚Hinterland‘ vorhanden sein.“

Ob die Tabus und Grenzen von Satire sich verschieben nach Ereignissen wie in Paris, fragen wir ihn. „Es gibt die klassischen Tabubereiche wie Religion und Sex“, sagt Sonntag, dann aber kämen schon die nächsten: „Männer, Frauen, Häuser, Kinder, Autos, Bäume, Straßen, Gebäude … wenn man alles abhängt, was irgendeiner doof findet, dann hängt nichts mehr.“

In Kassel, wo der Verein Caricatura bereits seit 1984 besteht, hat man auch schon so seine Erfahrungen mit religiösen Fundamentalisten gemacht – allerdings mit jenen christlichen Glaubens. Im Jahr 2002 ging eine Bombendrohung bei einer Ausstellung des österreichischen Künstlers Gerhard Haderer ein.

Grund: Bilder aus seinem Buch „Das Leben des Jesus“. 2012 gab es wieder Aufregung um Jesus, als der Karikaturist Mario Lars ausstellte: Das Plakat zur Schau zeigte einen ans Kreuz genagelten Jesus, dem eine Stimme aus dem Himmel zuflüstert: „Ey … du … ich hab deine Mutter gefickt.“ Zahlreiche christliche Verbände beschwerten sich. Gegen Martin Sonntag und Mario Lars sind acht Anzeigen wegen Blasphemie gestellt worden. Die Verfahren wurden jedoch gar nicht erst eröffnet, da der Richter den Straftatbestand nicht erfüllt sah.

Neue religiöse Gefühle

„Schlimm wird’s, sobald es um Dogmatismus, Fanatismus, Alleingeltungsanspruch geht“, sagt Sonntag. Im Zuge des Karikaturenstreits, so glaubt er, hat auch die Empörung in anderen religiösen Gruppen wieder zugenommen. Seit in diesem Diskurs das Kriterium „religiöse Gefühle“ eine Rolle spiele, hätten sich offenbar auch die Christen erinnert, dass sie solche hegten.

Es stellt sich also für die Institutionen der komischen Kunst weniger die Frage, was man nun anders machen muss, als vielmehr, wie man genau so weitermachen kann. Ohne die berühmte „Schere im Kopf“, aber mit klarem „gesellschaftspolitischen Auftrag“, wie Achim Frenz es sagt. Man solle sich ganz auf das konzentrieren, was die Satire stark mache: Parodie, Überzeichnung und Komik. Denn wenn sie gut sei, dann dürfe die Satire tatsächlich alles.

 

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