Seit den jüngsten islamistischen Anschlägen hat Gewalt zwischen Christen und Muslimen über 80 Tote gefordert. Brennpunkt: die multikulturelle Metropole Kaduna.von Katrin Gänsler

Durch Bombenanschlag zerstörte Shalom-Kirche in Kaduna. Bild: reuters
COTONOU taz | Niemand verlässt das Haus. Nach einer kurzen Lockerung hat Gouverneur Patrick Yakowa am Dienstag wieder eine 24-stündige Ausgangssperre für den nordnigerianischen Bundesstaat Kaduna eingeführt.
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Damit soll nach den verheerenden Ausschreitungen, die am Sonntag nach den Anschlägen der islamistischen Miliz Boko Haram auf drei Kirchen in der Stadt Kaduna sowie der Universitätsstadt Zaria begannen und innerhalb von drei Tagen über 40 Tote forderten, endlich wieder Ruhe einkehren.
Einigermaßen ruhig ist es am Mittwochmorgen in Kaduna, jener Stadt, die einst das Zentrum Nordnigerias war. Doch gerade in jenen Vierteln, wo Christen und Muslime zusammenleben, geht die Angst vor einem neuen brutalen Gewaltausbruch um, berichten Stadtbewohner.
Imam Sani Isah arbeitet für das Interfaith Mediation Centre, das sich für einen Dialog zwischen den Religionen einsetzt und vielfach ausgezeichnet wurde.
Als die ersten Nachrichten von den islamistischen Anschlägen und den christlichen Gegenangriffen durchsickerten, wurde er in ein eilig geschaffenes Komitee des Gouverneurs berufen.
Zwei Nächte schlief er kaum, ständig klingelte sein Handy. „Christen in muslimischen Vierteln haben angerufen und von vermeintlichen Angriffen berichtet und umgekehrt“, erzählt er. Wenn die Polizei dann ausrückte, stellte sich oft heraus, dass es nicht ganz stimmte. „Es wird fürchterlich viel geredet.“
Eines will Imam Sani Isah klarstellen: „Es gab hier keine Kämpfe zwischen Christen und Muslimen.“
Nachdem der islamistische Selbstmordattentäter versucht hatte, in Kaduna eine christliche Kirche in die Luft zu sprengen, hätten Christen Muslime angegriffen.
„Viele sind weggelaufen oder haben sich verteidigt. Kämpfe sehen anders aus.“ Im Laufe der Tage hat sich das dann spiegelbildlich wiederholt: Angreifer seien dann Muslime gewesen.
Dennoch ist Nigerias Regierung beunruhigt. Am Dienstag rief Vizepräsident Namadi Sambo zum Krisengipfel in der Hauptstadt Abuja. Um die Gewaltspirale zu beenden, soll einmal mehr auf Gespräche gesetzt werden, hieß es. Außerdem müssten die religiösen Führer eingebunden werden.
Doch genau das geschieht in Kaduna schon seit vielen Jahren. Die ersten blutigen Unruhen erlebte die Stadt bei der Einführung des islamischen Scharia-Rechts durch die Provinzregierung im Jahr 2000.
Viele hundert Menschen starben. Seitdem schaffen unzählige nichtstaatliche Organisationen und staatliche Komitees nachhaltig Frieden. Trotzdem werfen Ausschreitungen den Bundesstaat mit rund 7 Millionen Einwohnern immer wieder zurück.
„Kaduna ist etwas Besonderes. Es ist Mini-Nigeria. Alle ethnischen Gruppen leben hier. Außerdem sind Christen und Muslime etwa gleich stark“, so der Imam. „Nigeria ist extrem schwierig zu regieren. Das Gleiche gilt für Kaduna.“
Zu Kämpfen ist es nicht nur in Kaduna gekommen, sondern auch in Damaturu, Hauptstadt des Bundesstaats Yobe. Die Stadt war in den vergangenen Monaten immer wieder Anschlagsziel von Boko Haram. Jetzt soll auch dort eine Ausgangssperre die Gewalt einigermaßen eindämmen.
Bei Kämpfen zwischen Boko Haram und einer Spezialeinheit des Militärs sollen auch dort seit Montagabend mindestens 40 Menschen ums Leben gekommen sein.
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