Ausstellung „Vulture“ in Berlin: Kunst wie perfekte Kadaver
Antwort auf dringliche Fragen der Gegenwart: Der Berliner Projektraum Scherben zeigt Werke von Sigmar Polke, Dylan Spasky und Mickael Marman.

Und jetzt kommt’s, der Laden auf der Leipziger, in dem die Kunst so kickt, dass es Zeit und Raum zerlegt, wo der Blitz quasi eingeschlagen hat, heißt passend wie einfach: Scherben. In dieser Nische, die den Namen Scherben trägt, stand ich also und fragte mich, was ich mich bei jeder wirklich echten Gegenwartskunst fragen muss: Was ist Gegenwart eigentlich? Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht gefunden. Dafür kann ich erzählen, wie es dazu kam, dass mich diese Frage schlagartig überfiel.
Da ist also dieser Raum, Scherben, mit seinen verspiegelten Fenstern, den ausgelegten Pressetexten in nüchterner Courier-Schrift, und das Wichtigste, die Ausstellung selbst, „Vulture“. Und Vulture, der Geier, funktioniert eigentlich sehr gut als Metapher, um die Spannung einzufangen, die diese Ausstellung beherrscht:
Die in drei Ecken verteilten Kunstwerke – Fotografien von Sigmar Polke, Collagen von Mickael Marman und Skulpturen von Dylan Spasky – geben, etwas vulgär gesagt, perfekte Kadaver ab. In ihrer materiellen Rohheit sind sie abstoßend und anziehend zugleich, über ihnen zieht lauernd der Geier seine Kreise.
„Vulture“ bis 31. August. Scherben, Leipziger Str. 61, Fr.–So. 14–18 Uhr
Grausame Endlosschleife
Für Dylan Spaskys Schwamm-Skulpturen trifft dieses Bild besonders zu. Das lebensgroße Bambi-Reh, was mal Dekor war, jetzt aber ohne Plastikhülle fast nackt und ausgeliefert wirkt, genauso der gehäutete Teddybär oder die Delphin-bedruckte Trinkflasche am Boden, die das immer gleiche Wasser aus dem Becken um sie herum erst aufsaugt und dann wieder ausspuckt – eine grausame Endlosschleife.
Alles Spielerische an diesen Objekten ist pervertiert. Sie haschen in ihrer schrillen Trash-Ästhetik zwar weiter nach unserer Aufmerksamkeit – lassen uns geiern –, aber nur bis die Falle zuschnappt, unsere Aufmerksamkeit in der Obszönität ihres Anblicks erstarrt oder sich in sinnlosen Kreislaufbewegungen totläuft. Und ist das nicht unsere Gegenwart? Der Orange Man? Tiktok? Lohnarbeit? Weltflucht?
Mickael Marmans Malereien funktionieren ähnlich, die collagierten Zeitungsschlagzeilen krallen nach unserer Aufmerksamkeit, verblassen aber in einer wüsten, abstrakten Farblandschaft, führen ins Nirvana. Und dann ist da noch Sigmar Polke – eigentlich ein Gegenwartskünstler avant la lettre – und seine druckerschwarzen, magisch beiläufigen Negativ-Fotografien aus den 1970ern.
Wie der Schatten einer nebulösen Vergangenheit legen sie sich über den Rest des Raums, eine Kontinuitätslinie zwischen diesem Gestern und dem Heute lässt sich allerdings nicht ziehen. Das schale Gegenwartsgefühl in Spaskys und Marmans Arbeiten bleibt ohne klärenden Kontext, Polkes Präsenz lässt es ausschließlich plastischer wirken.
Auf meine Frage, was die Gegenwart eigentlich ist, werde ich hier also keine Antwort bekommen – und das ist auch gut so. Wenn ich aber Dylan Spaskys fragiles, pissgelbes Schwamm-Bambi sehe, weiß ich zumindest: Der Lack ist ab. Die Gegenwart wird sich ihren Weg schon bahnen. Für einen Moment. In einer Nische, die Scherben heißt. Und ist das nicht das Beste, was wirklich, echter Gegenwartskunst in Berlin gerade passieren kann?
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