Ausstellung zu Dealern in Berlin

Drogenhändler im Museum

In Berlin-Kreuzberg eröffnet eine Ausstellung über Dealer im Görlitzer Park. Bereits im Vorfeld gab es Streit. Wird Drogenhandel in der Schau glorifiziert?

Fotos von Herkunftsorten der Dealer sollen dem Besucher eine neue Perspektive eröffnen. Foto: André Wunstdorf

Beim Betreten der Ausstellungsfläche fällt der Blick unmittelbar auf die im Raum verteilten braunen Pappfiguren, die silhouettenhaft menschliche Körper darstellen. Linker Hand reihen sich Aufsteller aneinander, übersät mit Ausdrucken zahlreicher Zeitungsartikel. Bei Betrachtung dieser wird deutlich, was es mit der Ausstellung auf sich hat: Alle Artikel beschäftigen sich mit dem wohl berüchtigtsten Drogenumschlagplatz Berlins – dem Görlitzer Park in Kreuzberg. Ideologisch und moralisch hart umkämpft, beherrscht er seit einigen Jahren die Schlagzeilen nicht nur der Hauptstadtpresse.

Die am Dienstag, den 21.11.2017, eröffnende Ausstellung des amerikanisch-französischen Künstlers Scott Holmquist, „Andere Heimaten – Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“, hat sich zum Ziel gesetzt, dem kontroversen Thema einen anderen Blickwinkel beizufügen – und eckte damit bereits vor ihrer Eröffnung an. Ein Ankündigungstext des Museums sorgte für Aufruhr.

Vor dem Hintergrund der ewigen Widersprüche der hiesigen Drogenpolitik und der vielfältigen Widerstände würden die „Drogenverkäufer unerschrocken und tapfer im öffentlichen Raum“ arbeiten, heißt es darin. Ende Oktober, als der Künstler noch mitten in den Vorbereitungen stecke, meldete die Bild gewohnt reißerisch: „Das gibt’s nur in Berlin: Museum feiert Drogendealer“. Der CDU-Politiker Burkhard Dregger, innenpolitischer Sprecher der Fraktion im Abgeordnetenhaus, geißelte die Ausstellung – natürlich ungesehen – im selben Artikel als „Ausdruck vollkommener Verkommenheit“.

Und es ging weiter: Anfang November thematisierte auch die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg die Ausstellung. Da das Museum Kreuzberg eine bezirkseigene Fläche ist, forderte sie die komplette Absage der Ausstellung. Zwar wurde der Antrag abgelehnt, dennoch sprang auch die AfD in der hitzigen Debatte auf den Empörungszug auf.

Der Dealer – eine gesamtgesellschaftliche Hassfigur?

Bisher sei es inhaltlich kaum um die Ausstellung an sich gegangen, bedauert deshalb Stéphane Bauer, Leiter des Fachbereichs Kultur des Bezirks, bei der Pressekonferenz wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung. Weil eine Vielzahl von Presseanfragen das Museum erreichten und um „Druck vom Kessel der Springer-Presse zu nehmen“, habe man entschieden, vorab diesen Pressetermin anzusetzen.

Die Ausstellung „Andere Heimaten – Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“ eröffnet heute im Museum um 19 Uhr im Friedrichshain-Kreuzberg Museum am Kottbusser Tor, Adalbertstr. 95a. Sie ist bis zum 14. Januar zu sehen. www.fhxb-museum.de.

Informationen über die Ausstellung und das geplante Begleitprogramm unter www.andere­heimaten.website

In der nicht abreißenden Diskussion über den Görli sei oftmals nur noch von den „dealenden Afrikanern“ zu lesen, so Bauer weiter – sie seien zu einer gesamtgesellschaftlichen Hassfigur avanciert. Die Macher der Ausstellung, der in Berlin lebende Künstler Scott Holmquist und sein Büro, erkennen darin – so erklärt es der umstrittene Text – postkoloniale Abstraktionen, die sich in rassistischen Zugschreibungen und Anfeindungen manifestieren würden.

Ein krasses Beispiel gefällig? Unter den zahlreichen ausgestellten Zeitungsartikeln, insgesamt sind es 400, die sieben Aktenordner füllen, findet sich ein Bericht einer rechtspopulistischen Internetseite mit der Überschrift „Der N* in seiner natürlichen Umgebung: dem Görlitzer Park“. Holmquist erklärt den kritisierten Satz, der aus einem von ihm verfassten Text stammt, nur undeutlich: Drogenverkäufer verkörperten für ihn eine gesellschaftliche Funktion. „Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft mit ihnen interagiert.“

Als sich der Konflikt um den Görli im Jahr 2015 zuspitzte, begann Holmquist hier und in der ebenfalls als Dealerparadies verschrienen Hasenheide Interviews zu führen. Knapp 160 Menschen, die offensichtlich Drogen verkauften, sprach er, oft in Begleitung des gambischen Journalisten und Flüchtlingsaktivisten Moro Yapha, an. Viele seien auf Distanz gegangen, dennoch entstanden letztlich viele Interviews.

Die andere Seite der Silhouette

So wuchs das Konzept der buchstäblich im Zentrum der Ausstellung stehenden Pappfiguren, die jeweils anonymisiert die Geschichte eines jener Menschen erzählen, die hier in Berlin nur noch als Drogenverkäufer wahrgenommen werden. Informationen über die Herkunftsorte sollen die materiellen Gegebenheiten ihrer Herkunftsländer veranschaulichen. Ein drittes Element der Ausstellung bildet ein simuliertes Reiseportal, in dem Besucher nachvollziehen können, wie bequem sich die umgekehrte Migrationsroute für Europäer darstellt – oftmals per Direktflug, höchstens mit Umstieg in Paris.

Geht man um die Silhouetten herum, die einem bei Betreten des Raumes eine leere Fläche präsentieren, und zeigt damit Interesse für die andere Seite der anonymen Person – so fallen zuerst bunte Fotos ins Auge. Sie zeigen Straßenszenen aus afrikanischen Städten und Dörfern sowie Satellitenaufnahmen der Ortschaften.Ein in der Herkunftssprache des Interviewten verfasster Text beschreibt das Abgebildete, auf dem Boden liegen Übersetzungen bereit, die vom Besucher mitgenommen werden können.

Ausstellungsmacher Scott Holmquist: „Dealer verkörpern eine Funktion in unserer Gesellschaft. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft damit integriert.“ Foto: André Wunstdorf

Ebenfalls auf jeder Ausstellungstafel abgebildet ist eine Karte, welche die Migrationsroute der Person nachzeichnet. Auch hier spielt Holmquist mit der von ihm beabsichtigten Perspektivverschiebung und überrascht so den Betrachter: Anstatt von Süd nach Nord verläuft die Route hier von West nach Ost – die Karten wurden schlicht um 90° gekippt. Weil die Ausstellung schon jetzt ein Politikum ist, ist beim vorgeschobenen Pressetermin auch die Politik vor Ort.

„Kunst lebt von Freiheit. Sie soll provozieren.“

Die grüne Kulturstadträtin Clara Herrmann stellt gleich zu Beginn klar, es gehe in der Ausstellung „weder um die Glorifizierung von Drogen noch ihres Verkaufs“. Sie stärkt dem Konzept der Ausstellung demonstrativ den Rücken: „Der Bezirk braucht Kunst, die sich Themen annimmt, die den Kiez bewegen und zum Nachdenken anregen. Kunst lebt von Freiheit, sie soll provozieren und manchmal auch irritieren.“

Während die Ausstellung den in ihrem Titel erhobenen Ansprüchen nur bedingt gerecht wird, hat sie dieses künstlerische Ziel bereits erreicht: Sie irritiert, sie provoziert – nicht nur Politiker, auch vielen Journalisten ging es beim Pressetermin erneut einzig und allein um diesen einen, so hochgehängten Satz der „unerschrockenen und tapferen“ Dealer.

Wenn die Ausstellung am Dienstag, den 21.11.2017, Eröffnung feiert, verbreitert sie gleichzeitig auch den diskursiven Raum rund um das Thema Drogenverkauf im und um den Görlitzer Park. Grau bleibt sie hingegen, da der Besucher nur sehr wenig über die anonymisierten Dealer erfährt. Das mag an einem Berufsrisiko ihrerseits und der vorauseilenden Vorsicht des Künstlers liegen, nicht allzu tief in ihre Privatsphäre einzudringen. Dennoch weckt der Titel größere Erwartungen, mehr über sie als Personen zu erfahren.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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