Autorin Yaa Gyasi über ihren Debütroman

„Wir sind Äste desselben Baumes“

Romane können etwas wiederherstellen, das verloren war: Die Schriftstellerin Yaa Gyasi über ihr Debüt „Heimkehren“, die Geschichte ihrer Familie und Toni Morrison.

Porträtfoto der ghanaisch-amerikanischen Autorin Yaa Gyasi

„Ich war sieben, als ich meine erste Geschichte schrieb“, sagt Yaa Gyasi Foto: Michael Lionstar

taz am wochenende: Yaa Gyasi, Sie haben sieben Jahre an diesem Roman gearbeitet, sind aber noch so jung. Also müssen Sie ungefähr 20 gewesen sein, als Sie damit anfingen?

Yaa Gyasi: Stimmt. Es begann mit einer Reise nach Ghana, auf der ich Cape Coast Castle besuchte.

Die Festung, in der die Engländer Sklaven gefangen hielten, die für den Transport über den Atlantik bestimmt waren.

Ja. Ich machte eine ganz normale touristische Führung durch die Festung mit, und was ich dort erfuhr, entzündete irgendwie meine Fantasie. So begann es. Ich hatte diese Recherchereise eigentlich wegen einer ganz anderen Idee begonnen. Aber als ich dort in der Festung stand, wusste ich auf einmal, worüber ich wirklich schreiben wollte.

wurde 1989 in Ghana geboren und zog als Zweijährige mit ihren Eltern in die USA. Sie wuchs in Alabama auf und studierte Englisch und Kreatives Schreiben in Stanford sowie an der University of Iowa. Ihr erster Roman, „Heimkehren“ (Dumont Verlag, aus dem Amerikanischen von Anette Grube, 416 S., 22 Euro), wird in einem Atemzug mit Colson Whiteheads „Underground Railroad“ genannt. Die episch angelegte Familiensaga reicht über sieben Generationen und mehr als zwei Jahrhunderte zurück und verbindet die Geschichte der amerikanischen Nachkommen von Sklaven mit afrikanischer Geschichte.

Sie waren Studentin im Fach Creative Writing, oder?

Ich war gerade auf dem College in Stanford, zwischen dem zweiten und dem dritten Collegejahr. Englisch mit Schwerpunkt Creative Writing war mein Hauptfach.

Also müssen Sie vor diesem ersten Roman schon andere Dinge geschrieben haben. Short Storys?

Ja, klar. Ich habe praktisch mein ganzes Leben lang Kurzgeschichten geschrieben.

Ihr ganzes Leben? Wann haben Sie angefangen?

Ich war sieben, als ich meine erste Geschichte schrieb. Sie hieß „Just me and my dog“. Es gab damals eine Fernsehsendung „Reading Rainbow“ mit LeVar Burton als Moderator, darin ging es um Kinderbücher. Das war meine Lieblingssendung. Und sie veranstalteten jedes Jahr einen Schreibwettbewerb, für den war diese Geschichte. Ich gewann zwar nicht, wurde aber immerhin lobend erwähnt und bekam eine Urkunde. Die Geschichte wurde nie veröffentlicht, aber trotzdem war sie so etwas wie meine erste Arbeit. Seitdem schreibe ich, und irgendwo tief in mir wusste ich immer, dass ich eines Tages Schriftstellerin sein wollte.

Bei Ihrer Lesung in Berlin wurde es etwas anders erzählt. Dass Sie mit 17 Jahren Toni Morrison lasen, und …

… das war das erste Mal, dass ich auf eine Autorin stieß, die über Dinge schrieb, die mich wirklich sehr tief interessieren – und dass ich verstand, dass Schreiben tatsächlich ein richtiger Beruf sein kann.

Also hatte es gar nicht so viel damit zu tun, dass Toni Morrison ein schwarzes, weibliches Idol für Sie war?

Doch, auch. Das hatte alles miteinander zu tun. Zu sehen, dass man auf diese Weise über Schwarze schreiben und damit erfolgreich sein konnte. Eine schwarze Frau wie Toni Morrison war mir vorher noch nicht begegnet. Insofern war es ein Wendepunkt, zu sehen, was überhaupt möglich war.

Aber Sie waren tatsächlich schon 17, als Sie Toni Morrisons Bücher kennenlernten? Das heißt, Schullektüre war sie also nicht gewesen.

An meiner Schule jedenfalls nicht.

Was haben Sie denn in der Schule gelesen?

Hm, lassen Sie mich überlegen. Ich erinnere mich an eine Menge vikto­ria­nischer Literatur, die ich sehr mochte. Die Brontë-Schwestern. Erstaunlicherweise kaum zeitgenössische amerikanische Literatur. Faulkner haben wir gelesen, Hemingway.

Ihr Roman „Heimkehren“ handelt von der Geschichte schwarzer Menschen in Nordamerika und von Ihrer afrikanischen Herkunft. Ist es sehr wichtig für Sie, dass die Protagonisten in Ihren Büchern schwarz sind?

Ich könnte mir nicht vorstellen, nicht über Schwarze zu schreiben. Für mich ist es wichtig. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass ich den Großteil meiner Jugend damit verbracht habe, Bücher über weiße Menschen zu lesen. Das gab mir das Gefühl, dass Literatur etwas ist, das eben von Weißen handelt.

Heißt das, dass die Hautfarbe Ihrer Protagonisten ein Thema an sich ist? Oder sind die eben einfach schwarz?

Ich glaube nicht, dass es mir in diesem Roman um diesen Unterschied ging. Ich hatte etwas gefunden, was mich sehr interessierte, und wollte es so ganzheitlich darstellen wie möglich. Idealerweise sollten wir, denke ich, eines Tages aber dahin kommen, dass schwarze Autoren über was auch immer schreiben können und genauso respektiert werden wie weiße. Was mir aufgefallen ist: Wenn in Amerika schwarze Autoren den Pulitzerpreis gewonnen haben, dann war es immer für diese großen Romane über die Sklaverei – auch zum Beispiel bei Colson Whitehead und Toni Morrison. Aber die weißen Pulitzerpreisträger haben alle möglichen Arten von Romanen geschrieben: einen Roman über einen Uhrmacher. Oder über eine Person, die eine Affäre hat. Über egal was. Das endgültige Ziel sollte auf jeden Fall sein, dass es so für alle wird. Dass man schreiben kann, worüber auch immer, und dass man von schwarzen Autoren nicht nur Geschichten über Rasse oder über die Sklaverei erwartet.

Sie meinen, das ist das Ziel, aber noch funktioniert die Gesellschaft nicht so?

Genau. So ist es überhaupt noch nicht.

In Ihrem Roman kommt die Sklaverei zwar vor, aber er handelt von etwas anderem, nämlich von der historischen Verbindung der schwarzen Amerikaner mit dem afrikanischen Kontinent. An seinem Ende stehen zwei Personen, Margaret und Marcus, die, ohne es zu wissen, von den Schwestern abstammen, die wir zu Beginn des Romans kennengelernt haben. Das ist ein starkes Symbol.

Ja, da habe ich natürlich ziemlich starke Symbolik verwendet, um die Verbindung zwischen den Afroamerikanern und den afrikanischen Einwanderern in Amerika aufzuzeigen. Der Gedanke, dass wir zwei Äste desselben Baumes sind, war mir sehr wichtig und dass es uns möglich ist, uns gegenseitig anzunähern und – also zumindest im Roman – dazu beizutragen, etwas wiederherzustellen, das verloren war.

Aber diese Wiederherstellung geschieht im Roman tatsächlich nur auf diese symbolische Art. Marcus fühlt, dass da etwas ist, aber ihm fehlt das Wissen.

Ja, es muss ja symbolisch bleiben. Inzwischen gibt es DNA-Tests, die man machen kann, um auf diese Weise zumindest Aufschluss darüber zu bekommen, aus welcher Region in Afrika die Vorfahren einst kamen. Aber für Marcus im Roman hätte es keine Möglichkeit gegeben, zu wissen, dass seine Urururgroßmutter einst Sklavin war und in genau demselben Verlies gefangen gehalten wurde, in dem er als Tourist steht.

Wie ist das eigentlich: Wissen die Leute es normalerweise, wenn sie von ehemaligen Sklaven abstammen, oder hat man gar keine Ahnung? Haben Sie zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass bei Lesungen oder anderen Gelegenheiten Leute zu Ihnen kamen, um über ihre Familiengeschichte zu sprechen?

Ab und zu sind Leute gekommen und haben mir erzählt, dass sie ihre DNA haben untersuchen lassen. Es gibt ein Unternehmen in Amerika, „23 and me“, das diese Tests macht. Ich weiß nicht, wie spezifisch das ist, ob man vielleicht nur ganz grob die Gegend in Afrika herausfindet, aber man bekommt wenigstens eine ungefähre Ahnung. Einmal erzählte eine Leserin, sie habe herausgefunden, dass eine Ururgroßmutter von ihr als Sklavin auf einer Plantage gearbeitet hat. Aber das ist die große Ausnahme.

Sie haben in einem Interview über das Kapitel mit Quey gesagt, dass es am schwierigsten zu schreiben war, weil Sie über diese Periode nicht sehr viel wussten. Quey ist im Roman der Sohn eines Engländers und einer Afri­kanerin, der bereits im frühen 19. Jahrhundert nach England zur Schule geschickt wurde. Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Eigentlich gar nicht. Dieses dritte Kapitel ist das einzige, das ich nicht in der chronologischen Reihenfolge geschrieben habe. Ich hatte etwa ein Drittel davon, merkte dann, dass ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich tat, und machte lieber mit dem vierten Kapitel weiter. Das dritte Kapitel, so wie es jetzt ist, unterscheidet sich sehr von der ersten Fassung. Es war zuerst … Also, der Rest des Romans basiert natürlich auch auf meiner Fantasie, aber ich hatte wenigstens das Gefühl, dass die Handlung gut von historischem Wissen gepolstert war. Hier war das nicht so; ich hätte nicht sagen können, ob es tatsächlich historisch korrekt war.

Vielleicht gibt es Leute, die Ihren Roman lesen und Lust bekommen, genau diese Periode genauer zu erforschen.

Ja, vielleicht! Das ist eine wirklich interessante Sache mit diesen Kindern von englisch-afrikanischen Paaren, die damals schon in England zur Schule gingen. Ich hatte vorher noch nie davon gehört. Ja, ich fände es toll, wenn jemand zum Beispiel dieses Interview lesen würde und denkt, hey, das ist doch ein interessantes Forschungsthema. Leider, oder zum Glück, bin ich keine Historikerin. Für mich wäre es aus vielen Gründen nicht die Art von Arbeit, die ich machen könnte; aber wenn jemand sich des Themas annähme: Das Buch würde ich sehr gern lesen!

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