BR-Chef und der bayrische Wahlkampf

Die Macht des TV-Duells

Wer in Bayerns Politik etwas erreichen will, muss an Sigmund Gottlieb vorbei. Beim TV-Duell könnte der Chef des Bayerischen Fernsehens sogar die Wahl entscheiden.

Wie einflussreich ist er? Bild: dpa

2002 sicherte sich Gerhard Schröder trotz miserabler Bilanz in der Mutter aller TV-Duelle gegen Edmund Stoiber die paar tausend Stimmen, die er für eine zweite Amtszeit brauchte. 2005 machte er sich bei ähnlicher Gelegenheit so sehr über Angela Merkels "Professor aus Heidelberg" lustig, dass er sie in die große Koalition nötigte. Roland Koch sah beim Duell mit Andrea Ypsilanti im Januar nicht wirklich gut aus und darf seitdem nur noch vertretungsweise regieren. Und in Bayern? Alles weitere heute 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen. bhü

Sigmund Gottlieb lehnt sich zurück auf seine Ledercouch und redet über die bayerische Landtagswahl. Kaum hat er zwei Wörter gesagt, schon klingt es, als stünde die Welt am Abgrund, als lauere hinter dem nächsten Busch schon das ganz große Unheil.

Da seien die immer neuen finanziellen Belastungen, sagt Gottlieb. "Es gibt bei vielen Menschen die Sorge, nicht über die Runden zu kommen." Und: "Wie sicher sind wir in einer globalisierten Welt", in der sozialer Absturz und der internationalen Terrorismus drohten? Das seien die Themen um die es wirklich gehe bei der bayerischen Landtagswahl.

Spontan fragt man sich, ob man jetzt noch beim Interview in Gottliebs Büro sitzt oder schon hineingeraten ist in einen dieser berühmten Sigmund-Gottlieb-Kommentare, wie er sie alle paar Wochen mit ernster Miene in den "Tagesthemen" vorliest: über den Führungswechsel in der SPD ("Gewaltige Fliehkräfte drohen die SPD zu zerreißen") oder die Festnahme von Terrorverdächtigen ("Der Terror ist mitten unter uns"). Gottlieb macht immer die ganz großen Fässer auf: Globalisierung, Terror, Zukunftsängste.

Sigmund Gottlieb ist aber nicht nur der - statistisch nachgewiesen - fleißigste Kommentator der "Tagesthemen". Er ist auch als Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens der mächtigste Journalist im Freistaat.

Bayerns erstes TV-Duell

Die privaten Sender interessieren sich, abgesehen von ein paar Minuten im Nachmittagsprogramm, nicht für Landespolitik. Die Zeitungen erscheinen - bis auf die Süddeutsche Zeitung - jeweils nur in kleinen Regionen des Landes. Wer eine politische Botschaft hat und damit möglichst viele bayerische Bürger erreichen will, der muss an Sigmund Gottlieb vorbei.

Das ist nicht neu. Aber etwas ist besonders bei dieser Landtagswahl: Es gibt zum ersten Mal in Bayerns Fernsehgeschichte ein live gesendetes Streitgespräch zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten und seinem Herausforderer. Gottlieb moderiert es.

Vor allem Bayerns SPDler fiebern dem Termin heute Abend schon seit Wochen entgegen. Denn ihr schlagfertiger Spitzenkandidat Franz Maget trifft auf den amtierenden Ministerpräsidenten Günther Beckstein von der CSU, der auf Bühnen und vor Kameras häufig unsicher und spröde wirkt. Wenn Maget beim TV-Duell die erwartet gute Figur macht, so hoffen die Sozialdemokraten, könnten sie vielleicht zehn Tage vor der Wahl die entscheidenden Prozente aufholen, um die absolute Mehrheit der CSU endlich zu brechen. Aber da ist noch Sigmund Gottlieb.

Als es 2002 zum ersten großen TV-Duell zwischen Schröder und Stoiber kam, war Gottlieb als Moderator im Gespräch. Die SPD intervenierte. "Der Gottlieb macht es nicht", sagte damals SPD-Wahlstratege Matthias Machnig. Da könne ja genauso gut Stoibers Spindoctor persönlich die Fragen stellen. Solche Etiketten werden Sigmund Gottlieb immer wieder angeheftet. "Stoibers Lieblingsjournalist" sei er gewesen und bis heute ungebrochen CSU-nah.

Es ist Freitagnachmittag, gut eine Woche vor dem großen Abend, und Sigmund Gottlieb sitzt entspannt auf dem großen schwarzen Sofa seines Chefredakteursbüros. Er sieht lockerer aus als im Fernsehen. Er trägt Jeans und ein Polohemd und lächelt freundlich.

Als Kind habe er einmal Fernfahrer werden wollen, erzählt Gottlieb. Er habe fremde Regionen sehen wollen, die Weite erfahren. Als er älter wurde, merkte er, dass sich das mit dem Beruf des Journalisten auch ganz gut erreichen lässt. Gottlieb wurde 1951 in Nürnberg geboren, sein Vater war Lehrer, seine Mutter Hausfrau. Gleich nach dem Abitur wurde er freier Mitarbeiter bei der Nürnberger Zeitung. Schon damals schrieb Gottlieb die großen gesellschaftspolitischen Kommentare.

Mit der politisierten Stimmung an seiner Universität wollte er sich Anfang der 1970er-Jahre kaum auseinandersetzen. Gottlieb lebte sich lieber journalistisch aus. Er volontierte beim konservativen Münchner Merkur, interviewte den alten Kurt Georg Kiesinger und den jungen Gerhard Schröder und moderierte nebenher die Nachrichtensendung im Bayerischen Fernsehen. Gottlieb sprach regelmäßig den Wochenkommentar. Er wechselte zum ZDF nach Bonn, und als das "heute-journal" einen neuen, jungen Moderator suchte, war auch ein gewisser Günther Jauch im Gespräch. Die Stelle ging an Gottlieb. "Das war ein CSU-Posten", beschwerte sich Jauch später in der Zeit.

"Das war eine Gnade der Biografie", findet Gottlieb. Er stand vor der Kamera, als am 9. November 1989 die Mauer fiel, und war live dabei, als im Dezember Helmut Kohl seine umjubelte Rede vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche hielt.

Gottlieb ist immer dabei

Seit 1991 ist Gottlieb beim Bayerischen Fernsehen, seit 1995 Chefredakteur. Seitdem ist er live vor Ort, wenn der Papst Bayern besucht. Oder er sitzt zusammen mit dem Politikforscher Heinrich Oberreuter im Studio, wenn die CSU, wie diesen März, eine Schlappe bei der Kommunalwahl einfährt.

"Die Situation in der CSU ist so schlimm, der Professor Oberreuter und der Sigmund Gottlieb wissen gar nicht mehr, was für eine Meinung sie haben dürfen", lästerte der Fastenprediger Michael Lerchenberg in diesem Jahr beim traditionellen Starkbieranstich am Münchner Nochherberg. "Es ist ein Märchen, dass da jemand in einer Partei oder einem Ministerium sitzt, zum Telefon greift und Anweisungen erteilt", sagt Gottlieb. "Es hat nie einen gezielten Einfluss auf unser Programm gegeben."

Er sei auch kein CSU-Mann, erklärt der Chefredakteur. Natürlich sei er interessiert an der Partei, aber das müsse er auch. Immerhin hätten 2003 über 60 Prozent der Bevölkerung CSU gewählt. Aber nahe stehe er der Partei deshalb nicht. "Jeder, der meine journalistische Arbeit kennt, käme wohl nicht auf diese Idee", meint Gottlieb.

Es gibt aber auch ein Interview von ihm, das er 2001 der Zeitung Die Welt gegeben hat. Er finde, dass Edmund Stoiber eine gute Politik mache, sagte er damals ganz offen. Es gibt auch "Tagesthemen"-Kommentare von ihm, in denen er Erwin Hubers Pläne zur Pendlerpauschale als "neue soziale Kompetenz" feiert, als Zeichen, dass man sich "um den kleinen Mann" kümmere. Und wenn man den Blick wandern lässt in Sigmund Gottliebs Büro, dann sieht man unter seinem Schreibtisch ein kleines Holzkistchen stehen. Es sieht aus wie eine Schachtel, die Firmen benutzen, wenn sie ihren Geschäftspartnern zu Weihnachten oder zu Jubiläen eine Flasche Wein als Geschenk zukommen lassen. Auf dem Kästchen sind drei große Buchstaben aufgedruckt: "CSU".

"Wir sind Vermittler", sagt Gottlieb. "Wir haben eine Kamera, wir haben ein Mikrofon und wir stellen die Fragen, die die Menschen auch stellen würden. Der Rest entzieht sich unserem Einfluss."

Über eine unfaire Behandlung kann sich die Opposition im Gegensatz zu mancher Regionalzeitung beim Bayerischen Fernsehen auch nicht beschweren. Es gibt ein Duell, live und eines gegen eins, obwohl die eine Partei bei der vergangenen Wahl über 60 Prozent der Stimmen geholt hat und die andere nicht mal 20. Über Günther Beckstein und Franz Maget hat der Sender jeweils ein halbstündiges Porträt ausgestrahlt. Beide waren recht positiv. Und wenn Sigmund Gottlieb in seiner Talkshow "Münchner Runde" die ewigen Politiker-Ausflüchte nicht mehr hören mag und rüde dazwischenfährt, dabei immer lauter wird, bis er eine knackige Antwort bekommt, nimmt er auf Parteizugehörigkeiten recht wenig Rücksicht. Er sehe seine Aufgabe als Journalist vor allem darin, die großen Zusammenhänge zu erklären, wegzugehen von der ewigen Vereinfachung und Personalisierung, erklärt Gottlieb. "Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die Orientierung brauchen. Darum bemühen wir uns. Wir haben eine Dienstleistungspflicht."

Sigmund Gottliebs großes Vorbild ist Peter Scholl-Latour, sagt er. Der habe ihm immer imponiert, weil er nicht nur als Reporter vor Ort war, sondern dabei immer auch wie ein Gelehrter die großen Zusammenhänge erklärte.

Vielleicht klingen deshalb Gottliebs Kommentare auch oft etwas martialisch. Die SPD am Abgrund, der Hindukusch am Scheideweg. Die Themen sind verschieden, die Rhetorik ähnlich. Vielleicht muss man so reden, wenn man nur zwei Minuten vor der Kamera hat, um die ganze Welt zu erklären und dabei ein Gefühl von Weite und Größe zu erzeugen.

Wahrscheinlich würde Franz Maget beim TV-Duell heute Abend ja gerne etwas Schlaues zur Bildungspolitik sagen und Günther Beckstein etwas zum bayerischen Mittelstand. Aber Sigmund Gottlieb wird wieder gnadenlos nach den großen Zusammenhängen stochern: die Globalisierung, der Terrorismus, die Ängste vor sozialem Absturz. All die Themen eben, die Bayern gerade bewegen.

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