Beratung durch Computerprogramme

Ein Chatbot für Flüchtlinge

Ein 19-Jähriger entwickelte einen Bot, der Falschparker vor Knöllchen retten soll. Jetzt will er damit Flüchtlingen beim Asylantrag helfen.

Roboter und Mensch gucken sich an

Künstliche Intelligenz oder doch lieber Menschenverstand? Foto: Imago/Steffen Schellhorn

Joshua Browder ist 19 Jahre alt. Aufgewachsen ist er in einem Stadtteil Londons. Diesen September wird er ein Studium in Wirtschaft und Informatik beginnen. Soweit klingt das nach einem ganz normalen Teenager. Googelt man ihn jedoch, dann findet man seinen Namen nicht nur in Artikeln namenhafter Medienhäuser, wie der Washington Times, des Guardians oder des Independet wieder – sondern auch als Programmierer einer Website. „Robin Hood des Internets“, nennt ihn BBC deshalb. Ein 19-jähriger Retter der Bedürftigen?

Für bislang rund 160.000 Londoner und New Yorker ist er das. Denn seine ursprüngliche Mission war es, vermeintliche Falschparker vor einem Knöllchen zu bewahren. Diese Hilfe hat man in London nötig, denn für ein mal falsch parken kann man, laut Daily Mail, schon mal umgerechnet bis zu 145 Euro blechen. Wer wissentlich falsch parkt, dem kann auch Joshua nicht helfen. Wer allerdings zu kleine Parkplätze findet, kein „Parken verboten“-Schild sieht oder eine Klausel auf dem Strafzettel nicht versteht, für den hat er einen Chatbot entwickelt – einen „Robo-Anwalt“, für die, die sich keinen echten leisten können. Auf Joshua Browders Website DoNotPay kann man mit diesem Bot chatten, der Fragen zum Parkvorgang stellt. Wenn er ein Schlupfloch gefunden hat, bietet er einen fertigen Antrag auf Erlassung des Knöllchens an, den man dann an das zuständige Amt schicken kann – mit angeblich 64 prozentiger Erfolgsquote. Der Bot kann mittlerweile auch dabei helfen, sich die Kosten für einen gecancelten Flug rückerstatten zu lassen.

Der junge Entwickler hat sich allerdings noch höhere Ziele gesteckt, als Falschparker vor dem Schuldenberg zu retten: Er möchte seinem Robin Hood Image alle Ehre machen und „nicht nur für die Rechte von Verbrauchern kämpfen, sondern für Menschenrechte“. Den ersten Schritt hat er bereits getan: Seine Entwicklung hilft HIV-positiven Menschen dabei, ihre Rechte zu wahren. Sie können ihrem Sexualpartner mithilfe des Bots im Vorhinein ein Dokument zusenden, in dem dieser von der Erkrankung in Kenntnis gesetzt wird. Somit soll, laut Webseite, ausgeschlossen werden, dass ein Sexualpartner hinterher vor Gericht gehen kann weil er nichts von der Krankheit wusste.

Flüchtlingshilfe auf Robo-Art

Browder arbeitet bereits an seinem nächsetn Hilfsprojekt: Er will vor allem syrischen Flüchtlingen mit einer veränderten Version des Chatbots dabei helfen, einen Asylantrag zu stellen. Mit dieser Hilfestellung trifft der junge Entwickler auch hierzulande einen Nerv. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) steht bei der Bearbeitung von Asylanträgen immer wieder in Kritik: Es sei überlaufen, die Mitarbeiter schlecht ausgebildet. Aktuell bleiben rund 460.000 Asylanträge unbearbeitet, wie die taz kürzlich berichtete. Wer einen Asylantrag im Erstaufnahmelager ausfüllen möchte, muss sich außerdem auf einen Dolmetscher verlassen, der das Beamtendeutsch übersetzt. Könnte ein Bot dafür sorgen, menschliche Fehler zu vermeiden und Ordnung in das Chaos zu bringen?

Die neue Version des Chatbots wird nicht direkt in das Asyl-System eingreifen, wie sie es bei den Knöllchen tut. Stattdessen soll der Bot Flüchtlingen im Chat Informationen über ihr Recht auf Asyl bieten. In Großbritannien will der Entwickler auch dabei helfen, mögliche Folgen für das Asylsystem nach dem Brexit kenntlich zu machen, wie er dem Onlineportal Quarz erzählt.

In Deutschland gibt es bereits einige Webseiten, die dabei helfen sollen, den Ablauf des Asylverfahrens zu verstehen. So zum Beispiel die Seite des Informationsverbunds Asyl und Migration und die des Münchner Flüchtlingsrats, die Informationen bereitstellen. Der Kölner Flüchtlingsrat hat außerdem mithilfe einiger Filmemacher einen Film über die Anhörung beim Bamf produziert – in 14 Sprachen.

Hilfsplattformen sind wichtig

Bernd Mesovic, Stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl ist skeptisch, wenn es um automatisierte Hilfen bei Asylanträgen geht: „Die Hektik der deutschen Rechtsgebung ist im Inland schon schwer zu greifen, wie soll ein Roboter da mitkommen?“. Es habe immerhin einen Grund, warum Beratungsstellen und Anwälten die Türen eingerannt werden. Der Entwickler müsste schon sehr nah mit deutschen Juristen zusammenarbeiten und immer die neuesten Entwicklungen kennen: „Man hat eine große Verantwortung, keine falschen Informationen preiszugeben“. Außerdem gebe es Formulierungen, die häufig keine direkten Übersetzungen haben und erklärt werden müssten. Trotzdem seien solche Hilfsplattformen wichtig, um den Menschen den groben Ablauf zu erklären. Ein echtes Gespräch, vor allem wenn es um Einzelfälle geht, könne das aber wahrscheinlich nicht ersetzen: „Viele surfen vor einem Arztbesuch auch durch Internetforen. Beruhigt sind sie danach trotzdem nicht“.

Das zeigt sich auch bei einem anderen Chatbot, den zwei niederländische Programmierer speziell für Flüchtlinge entwickelt haben. Er soll psychologische Hilfe leisten, wenn sonst keiner da ist, wie die digitale Plattform Tech Insider bereits 2015 berichtete. Der Bot chattet mit Flüchtlingen, die über ihre Probleme sprechen möchten. Sollte sich während des Gesprächs zeigen, dass der Flüchtling gefährdet ist, sendet der Chatbot eine Nachricht an einen zuständigen Psychologen, denn psychologische Beratung kann er nicht ersetzen.

Joshua Browder möchte noch in diesem Jahr beide Versionen seiner Chatbots auch in Deutschland einführen. Dass seine Idee so große Wellen schlägt, bringt das eigentliche Problem zum Vorschein: Der, der dafür zuständig sein müsste, Straßen korrekt zu beschildern, Parktickets verständlich zu beschriften und Flüchtlinge über ihre Rechte aufzuklären ist der Staat – und kein Chatbot, programmiert von einem Schüler.

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