Berlinale – “Saint Amour“

Drei Männer, balzend

Als Schauspieler ist es schwer, neben ihm zu bestehen: Gérard Depardieu glänzt auf der Berlinale in „Saint Amour“.

Benoît Delépine und Gustave Kervern in Lederjacken und mit Sonnenbrillen.

Führen Regie und spielen mit: Benoît Delépine, Gustave Kervern.  Foto: Benoît Delépine, Gustave Kervern/Berlinale

Drei Männer kämpfen um die Aufmerksamkeit einer Frau. Man hat das im Kino schon unzählige Male gesehen, aber selten so anrührend direkt wie in „Saint amour“. Die Frau (Céline Sallette) sitzt am Steuer eines Autos und in ihre Blickachsen über die Schulter oder durch den Rückspiegel drängen sich die Gesichter des jungen, gut aussehenden Mike (Vincent Lacoste), des nicht mehr jungen, nicht schönen Bruno (Benoît Poelvoorde) und das von Gérard Depardieu, der keine Beschreibung braucht.

Sie strengen sich alle drei an, nett zu wirken, wenn die Kamera sie in den Blick nimmt. Dementsprechend angespannt wirkt ihr Lächeln, dementsprechend deutlich werden ihre Selbstzweifel, aber während Mike und Bruno einen gewissen Übereifer ausstrahlen, lehnt sich Depardieu vorsichtig zurück und wirkt um so stärker durch seine Zurückhaltung. Mit der gleichen Taktik spielt Depardieu als Schauspieler hier einmal mehr die Gesamtheit seiner Kollegen an die Wand.

„Saint amour“ läuft wohl deshalb außer Konkurrenz, weil Filme mit Depardieu mittlerweile ein eigenes, inkompatibles Genre bilden. Der Plot wirkt so wie ein bloßer Vorwand, um Depardieu beim Schauspielern zuschauen zu können. Wobei das Wunderbare darin besteht, dass man ihn nie schauspielern sieht. Kaum ein Darsteller wirkt in jeder neuen Rolle derart übergangslos selbstverständlich und natürlich, bis in den letzten Zentimeter seines unfasslich umfangreichen Körpers hinein.

20. 2., 10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, 20. 2., 12 und 18 Uhr, Friedrichstadtpalast, 21. 2., 22.15 Uhr, Berlinale Palast

So hat es Benoît Poelvoorde, auch er ein Instinktschauspieler, vergleichsweise schwer, sich neben „dem Dicken“ zu behaupten. Genau das aber macht das Regieduo Delépine und Kervern schlauerweise zum Konflikt ihres Films, indem sie Poelvoorde den unglücklichen Sohn des von Depardieu verkörperten Bauern spielen lassen.

Die Handlung beginnt auf einer Agrarmesse, wo Poelvoordes Bruno sich sinnlos betrinkt, was den sentimental werdenden Vater dazu anregt, auf dessen Wunsch hin auf eine Weintour durch ganz Frankreich aufzubrechen.

Ab da agiert Lacoste als Taxifahrer Mike und Puffer zwischen ihnen. Begegnungen mit allerlei Sonderlingen (Michel Houellebecq hat ein Cameo als Zimmervermieter) und verschiedenen Frauen (unter anderem Chiara Mastroianni) säumen ihren Weg. Die surrealistische Willigkeit der Frauen, sich einem oder gar allen dreien zu erbarmen, entlarvt den Film zwar als leicht überreifen Männerkitsch, aber auch darüber hilft Depardieus generöse Menschlichkeit hinweg.

 

Vom 11. bis 21. Februar finden in Berlin die 66. Internationalen Filmfestspiele statt. Die taz ist live dabei und berichtet mit täglich drei Sonderseiten. Eine Auswahl finden Sie hier.

19. 2. 2016

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