Berliner Bezirke müssen sparen

Die Jugendlichen wollen ihre Betreuer behalten

Friedrichshain-Kreuzberg diskutiert, ob Jugendklubs neu ausgeschrieben werden sollen. Die Jugendlichen und Mitarbeiter sind dagegen.

Die Besuchertribüne war voll: Rund 200 Kinder, Jugendliche und Mitarbeiter der Jugendklubs in Friedrichshain-Kreuzberg haben sich am Dienstagabend in die Sitzung des Jugendhilfeausschusses gequetscht. Auf der Tagesordnung stand die Entscheidung, ob der Bezirk weiterhin Jugendfreizeiteinrichtungen betreiben soll oder ob dies ab Juli 2010 freie Träger übernehmen. Doch es wurde nicht abgestimmt, der Diskussionsbedarf war zu groß.

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Monika Herrmann (Grüne) ist dafür. Denn die Jugendbezirksstadträtin muss sparen: 500.000 Euro pro Jahr in diesem Bereich, verlangt der Senat. "Wir versuchen händeringend, die Mittel zu wuppen", sagte sie. Um die Summe einzusparen, könnten vier Einrichtungen geschlossen werden. Doch Herrmann hat eine andere Idee: Sie will das Angebot an freie Träger übergeben. 55 bezirkliche MitarbeiterInnen würden ihren bisherigen Arbeitsort verlieren und anderswo eingesetzt - wenn sie nicht beim freien Träger anfangen wollen.

"Wir versuchen, das Angebot draußen auf Kosten der Mitarbeiter zu erhalten", sagte Herrmann. Freie Träger sollen in Zukunft 186.000 Angebotsstunden für rund 3,8 Millionen Euro pro Jahr liefern. Standards würden in Leistungsverträgen festgeschrieben. "Da werden keine wichtigen Angebote wegfallen", so Herrmann. "Wenn wir im Jugendhilfeausschuss entscheiden, dass etwa die Hausaufgabenhilfe im Treff ,Feuerwache' essenziell ist, steht sie nicht zur Disposition." Gespart werden solle auch nicht bei der Bezahlung der Mitarbeiter, sondern nur durch weniger Verwaltung.

Widerstand kommt vor allem von den Betroffenen, die 4.000 Unterschriften gegen die Pläne Herrmanns an die Stadträtin übergaben. Die Beschäftigten und auch Jugendliche durften vor dem Ausschuss sprechen. Ein Besucher des Deutsch-Türkischen Kindertreffs Wasserturm warnte, dass nach der Reform die Jugendlichen nicht mehr in die Klubs gehen würden: "Mein Vertrauen haben die jetzigen Betreuer." Sie hätten ihn von einer kriminellen Laufbahn abgehalten, die er eingeschlagen habe, nachdem in den 90ern die Villa Kreuzberg zugemacht habe. Diese sei mittlerweile ein Restaurant und kein Jugendklub mehr. Ein ähnliches Schicksal befürchte er auch für die jetzt betroffenen Häuser. "Neue Leute bei uns, das bringts nicht", sagte der junge Mann unter dem Beifall der Protestler. "Den Bruch in den Beziehungen wird es geben, wenn die Beschäftigten nicht wechseln", gab Herrmann zu. Das sei der Preis für die Einsparungen.

Vor November wird der Ausschuss wohl nicht entscheiden. SPD und Linke äußerten sich in der Diskussion skeptisch.

Friedrichshain-Kreuzberg hat 10 kommunale Jugendklubs, aber schon jetzt 25 in freier Trägerschaft und 6, die in Kooperation von Bezirk und privaten Anbietern betrieben werden. Die Umstrukturierung steht auch allen anderen Bezirken bevor, außer Lichtenberg, wo das Kommando schon an Freie übergeben wurde.

 

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