Berliner Freifunker über WLAN für alle

"Wir brauchen nur Strom und Dächer"

Zwei Berliner Freifunk-Aktivisten über dezentrale Netzstrukturen, rechtliche Hürden und warum sie ihrem Bürgermeister gerne eine Antenne aufs Dach setzen würden.

Ein Freifunk-Router in der Berliner c-base.  Bild: Clemens Wigger

taz: Wie sicher sind meine Daten im Freifunknetz?

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cven: Es gibt diesen Spruch: "Als Freifunker kennst du alle sexuellen Vorlieben deiner Nachbarn."

Das wirbt nicht gerade für euch ...

Wetterfrosch: Aber die Telekom weiß das doch auch alles! Ich verschlüssele mich überall.

cven: Auch Freifunk muss man "richtig" machen, darauf weisen wir alle immer hin.

Wie betreibt ihr euer Netz?

Freifunk verbindet mehrere Router zu einem dezentralisierten Netz, in dem Daten frei ausgetauscht werden können. Das Netz hat keine zentrale Verwaltung und dient keinem kommerziellen Interesse, sodass es auf Eigeninitiative ausgebaut und gewartet werden kann. Optional kann mittels Freifunk-Routern auch ein Internetanschluss unter sehr vielen Menschen geteilt werden. 

Vorteile: Die Strahlenbelastung durch Freifunkrouter ist geringer als bei konventionellen Geräten. Der Datenverkehr ist gleichberechtigt, sodass Down- und Upload gleich schnell verlaufen. Per Freifunk können u.a. Lokalradios oder Veranstaltungsübertragungen realisiert werden.

Nachteile: Geteilte Internetanschlüsse können je nach Nutzung langsamer sein, als konventionelle Anschlüsse. Private Daten sind eben wie in kommerziellen Netzen nur durch Verschlüsselung geschützt.

Störerhaftung: Wenn der Inhaber eines Internetanschlusses sein WLAN-Netz nicht verschlüsselt, haftet er für Urheberrechtsverstöße, die über das von ihm angebotene Netz begangen werden.

WLan Berlin 2012: Die rot-rote Koalition verwarf 2009 nach längerer Diskussion erste Modelle eines gebührenfreien WLANs im Stadtzentrum. Die kommerzielle Variante hätte den Ampelfunk gestört, der Freifunk-Entwurf widersprach der Vorstellung eines zentralisierten, kommerziellen Netzes. Das Vorhaben wurde trotzdem in den rot-schwarzen Koalitionsvertrag aufgenommen.

***

Die Interviewten: Wetterfrosch und cven sind Aktivisten der Berliner Freifunkinitiative, die zur formellen und rechtlichen Unterstützung den Förderverein Freie Netze e. V. gegründet hat. Die Freifunker fördern freien Datenaustausch innerhalb von nichtkommerziellen Netzwerken und organisieren regelmäßige Informationsveranstaltungen in dem Berliner Treffpunkt c-base, wo sie auch technische Ausstattung zum freien Funken anbieten. 

 

cven: Wir installieren Router mit einer selbstentwickelten Open-Source-Software auf Dächern, die dann einer gesamten Nachbarschaft drahtlosen Zugang zum Freifunknetz ermöglichen. Optional können somit auch private Internetanschlüsse zugänglich gemacht werden.

Dieser Text ist entstanden in der taz.akademie im Rahmen des 1. taz Panter Workshops Online "Internet Hauptstadt Berlin" für angehende Journalisten.

Trägt das anarchistische Züge?

Wetterfrosch: Eigentlich ist das doch eine ganz bürgerliche Idee: Wir wollen einfach anonyme Kommunikation.

cven: Aus dem zuerst rein technischen Ansatz "dezentral" wurde später ein politischer Begriff. Wir waren zu Beginn auch überrascht über die vielen politischen Fragen.

Was war denn der Ursprungsgedanke der Freifunkinitiative?

cven: Am Anfang stand weniger ein Gedanke als vielmehr die Not, schwarze Löcher in der DSL-Versorgung einiger Berliner Stadtteile zu überbrücken. Wir brauchten einfach Internet. Bis heute kommen die meisten Interessierten aus diesem Grund zu uns.

Wie groß ist euer Netz?

cven: Wir hatten mal rund 400 Router im Netz. Die Zahl stagnierte allerdings, nachdem die ersten Anbieter von offenem WLAN infolge von illegalisierten Downloads Abmahnungen bekamen. Seitdem ist es in Berlin im Vergleich zu anderen Städten eingeschlafen.

Also müssen Freifunker mit Strafen rechnen?

Wetterfrosch: Es gibt bei der derzeitigen Rechtslage drei Möglichkeiten: sein Netz gar nicht zu teilen, auf Auslandsserver auszuweichen oder das angebotene Netz mit Filtern zu versehen. Ist aber alles auch kein richtiges Internet. Zurzeit klagt erstmals ein von Abmahnungen Betroffener gegen die sogenannte Störerhaftung. Davon erhoffen wir uns ein Grundsatzurteil.

cven: Der Arzt, der Michael Jackson umgebracht hat, kriegt vier Jahre Haft. Wer seine Songs teilt, kriegt fünf!

Dabei hatte sich bereits der frühere Wirtschaftssenator mit eurem Netzentwurf befasst.

cven: Dieses "Wir kuscheln mal mit der Wirtschaft, wir kuscheln mal mit dem Senat" – da halte ich nichts von. Dieses Top-down-Modell funktioniert nicht, auch rein technisch nicht. Der Senat versteht unter "frei" auch nicht Open Source, sondern lizenzierte, private Software.

Wie bewertet ihr dann Wowereits jüngste WLAN-Versprechungen?

cven: Es gibt innerhalb vom Ring noch nicht einmal flächendeckende DSL-Leitungen. Bevor der über WLAN redet, soll der erst mal Kupfer in die Erde schmeißen. Danach wäre es ganz einfach: Die Anonymität im Netz muss gewährleistet werden.

Also schließt ihr eine Zusammenarbeit mit dem Senat nicht gänzlich aus?

cven: Die haben sich hohe Ziele gesteckt. Wenn sie die verwirklichen wollen, erwarte ich, dass sie nochmal auf uns zukommen. Es wäre ziemlich einfach: Wir brauchen nur Strom und Dächer.

Wetterfrosch: Wir würden auch dem Wowi gerne eine Antenne aufs Rote Rathaus schrauben.

 

"Das Internet ist zu weit und zu bunt, um es in 18 Beiträgen abzubilden", schreiben die angehenden Journalisten in ihrem Editorial. "Wir haben es trotzdem versucht."

 

Die taz.panterstiftung hat 20 junge Journalisten zu einem viertägigen Workshop vom 19. bis 22. Januar 2012 eingeladen, um über das Thema "Internethauptstadt Berlin" zu schreiben. Herausgekommen ist ein Querschnitt der Berliner Online-Szene – und dessen, was sie in jüngster Zeit hervorgebracht hat.

 

27. 01. 2012

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