Besetzung des Hambacher Forsts

Die letzte Räumung

Nach inzwischen zwei Wochen sind alle Baumhausdörfer mindestens teilweise geräumt – bis auf Lorien. Hier geht die Polizei rabiat vor.

PolizistInnen stehen AktivistInnen im Hambacher Forst gegenüber

Lorien: Die letzte Bastion Foto: dpa

HAMBACHER FORST taz | Das letzte von der Räumung unberührte Baumhausdorf im Hambacher Forst ist umgeben von einer Menschenkette. Lang ist die Mauer aus eingehakten Menschen zwischen den Räumfahrzeugen und der Besetzung. „Ham-bi bleibt, Ham-bi bleibt“, rufen etwa 200 bis 300 Menschen. PolizistInnen bilden ihre eigene Kette entlang der Menschenmauer, rücken vor, rücken nach.

Kurz wartet man noch, dann gehen die BeamtInnen vor, die meisten augenscheinlich verhältnismäßig. Doch es gibt auch andere Szenen. Mit Schilden schlägt man Menschen – auch ausgewiesene Presse – auf Arme und Kopf, mit der Faust ins Gesicht, reißt an Haaren, lässt niemanden zu den Seiten raus. Menschen werden zusammengeschoben, können nicht weg und nicht zurückweichen, im Rücken Zelte und Barrikaden. PolizistInnen schieben weiter, Menschen fallen um, andere treten auf sie drauf, Panik bricht aus.

Zuvor hatte die Polizei die Leute aufgefordert, die „Versammlung“ freiwillig zu verlassen. Das hatten sie nicht getan, im Gegenteil, die Kette noch verstärkt. Nach zwei Wochen Räumung sind alle Baumhausdörfer mindestens teilweise geräumt – bis auf Lorien. Hier konzentriert sich nun der Widerstand gegen die Räumung, die offiziell mit Brandschutz begründet wird. In den letzten zwei Wochen ist die Räumung von Osten nach Westen vorgerückt. Lorien ist die westlichste Besetzung.

„Was hier passiert, ist so schlimm“

Um mit den Räumfahrzeugen an die Häuser heranzukommen, muss man Bäume fällen – um an die Bäume heranzukommen, muss die Polizei die Menschenkette auflösen. Was auch gelingt. Am Ende sind die AktivistInnen verstreut. Im Sicherheitsbereich harrt noch eine Sitzblockade unter einem Baumhaus aus, die PolizistInnen umstellen sie weiträumig. Dann wird auch sie geräumt.

Unter den Menschen, gegen die die PolizistInnen hier vorgehen, ist auch eine 62-Jährige. Blond, Perlenkette, bürgerlich. „Ich war bis vor drei Wochen eigentlich unpolitisch“, sagt sie. „Ich habe nicht mal viel mitbekommen. Aber was hier im Hambacher Wald läuft, ist gegen Recht und Ordnung.“ Herbert Reul, der Innenminister, instrumentalisiere die Polizei, sagt sie. „Ich erlebe hier, dass man über alle Regeln geht und alles machen darf. Wir haben friedlich gesessen, sollten dann gehen, aber ich konnte nicht schnell genug aufstehen. Die Leute werden geschlagen.“

Und: „Meine Tochter und ich, wir sind zum ersten Mal hier bei so was. Was hier passiert, ist so schlimm.“ Nachdem die Protestierenden geräumt sind, spannt man einen Sicherheitsbereich ab, wie immer. Und während die Räumung von Lorien beginnt, versammelt sich an den Absperrungen weiterer Protest. „Ich werde nicht wiederkommen“, sagt die 62-Jährige. “Das macht mir zu viel Angst. Aber ich bin jetzt bereit, mich zu organisieren.“ Wo genau, das wisse sie noch nicht. Aber sie werde es tun. Denn was ihr noch mehr Angst mache, sei der Eindruck, wie man hier mit BürgerInnen umgehe.

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Der Hambacher Forst ist umkämpft. RWE will ihn für den Abbau von Braunkohle abholzen. Aktivist*innen wollen das verhindern und haben ihn besetzt.

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