Bilanz eines Ex-Odenwaldschullehrers

Erziehung nach der Päderastie

Warum die Odenwaldschule nicht nur eine Päderastenanstalt war, sondern auch ihre pädagogischen Ziele nie erreicht hat. Und warum sie das überwinden muss.

Trügerisches Winteridyll: Die Odenwaldschule im Heppenheimer Ortsteil Oberhambach.  Bild: dpa

Die Gründer der Odenwaldschule haben die Ziele der Pädagogik in dem Spruch "Werde der, der du bist" subsumiert. Dieser Spruch ist zugleich ein Versprechen. Es wird jedem Kind gegeben, das der Obhut der Pädagogen überantwortet wird. Versprechen sind verbindlich und müssen eingelöst werden, jedenfalls muss alles für deren Einlösung getan werden.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Jede Stunde im Leben eines Heranwachsenden dient seiner Orientierung in der Wirklichkeit und seinem Bemühen, sie zu verstehen. Es handelt sich um einen fortschreitenden Prozess der Bewusstwerdung der äußeren Welt zur Bewusstwerdung der inneren Welt. Wie dieser Prozess sich entfaltet, hängt nicht von Zufällen ab, vielmehr wird er von Personen mitbeeinflusst, die der Jugendliche als Vorbilder wahrnimmt.

Der Identitätsfindungsprozess "Werde der, der du bist" ist somit davon abhängig, wie die Vorbilder in alltäglichen Situationen agieren, reagieren und was sie ausdrücklich vertreten. Im Mikrokosmos eines Internats verläuft dieser Prozess in einem hermetischen Raum. Im Kontext des Internats Odenwaldschule ist dieser hermetische Raum das Konstrukt der "OSO-Familie", also der spezifischen Heimpolitik, Schüler und Lehrer und Familien direkt zusammen wohnen und leben zu lassen. Dieser Hermetik kann sich ein Kind nur sehr schwer entziehen. Seine Orientierung ist also vornehmlich darauf angewiesen, wie es den Pädagogen gelingt bzw. misslingt, die Werte der Humanität tagtäglich nachvollziehbar zu verwirklichen. Die Sichtbarmachung ebendieser Werte sorgt für die Einlösung des Versprechens. "Werde der, der du bist".

In der deutschen Pädagogik besteht jedoch eine Tradition der "schönen Rede". Der prominenteste Protagonist dieser Tradition ist Hartmut von Hentig. Diese Tradition zeichnet sich vornehmlich dadurch aus, dass der Redner lauter Bekenntnisse zum Besten gibt, die auch noch ideologisch eingefärbt sind. Dabei ist die wissenschaftliche Verifizierbarkeit völlig unbedeutend. Die schön artikulierte, mit Vehemenz, Pathos und Larmoyanz durchsetzte Verbalität findet stets Rezipienten, die das Gehörte als die Beschreibung einer wunderbaren Pädagogik begreifen. Alle Hentig-Schüler beherrschen die Gabe der schönen Rede bzw. die Gabe, Sand in die Augen der Zuhörer zu streuen, wofür sie den Beifall von den sogenannten progressiven Pädagogen bekommen.

In diesem Kontext war Gerold Becker ein Meister der Poetisierung von Pädagogik. Ein Meister darin, eine weltliche Schule in eine weltanschauliche Schule umzuwandeln. Statt realisierbarer pädagogischer Konzepte bot er Rhetorik. Statt Pädagogik Ideologie. Seine Gesänge berauschten die Zuhörer. Viele Mitarbeiter der Odenwaldschule Ober-Hambach, kurz OSO, konnten sich selber darin spiegeln, sich als Teilhaber einer großartigen Schule beweihräuchern. Die Außenstehenden waren glücklich zu wissen, dass auf dieser Erde doch Traumschulen Wirklichkeit werden können. Die Becker'sche Dichtung verdichtete sich zu einer einzigartigen Täuschung, der man hingebungsvoll erlag.

Diese vollendete Täuschung und die Abwesenheit einer Aufklärung über die Charakteristika von Päderasten hat uns, den Mitarbeitern der Schule, die Augen verdunkelt, die Wirklichkeit genauer zu sehen. Insofern haben wir es Herrn Becker ermöglicht, ungestört seinen Trieben nachzugehen. Von dieser Blindheit haben auch andere Päderasten profitiert.

Dies war die eine Seite.

Die andere Seite war erstaunlicherweise die potenzielle Freiheit aller Mitarbeiter, ihre didaktischen und pädagogischen Ziele, Konzepte, Ideen und Modelle zu realisieren oder zu erproben. Insofern blieb die Odenwaldschule für jeden, der dies wahrhaben wollte, eine "Laborschule". In der Wahrnehmung vieler Kinder war die Schule ebenfalls ein Ort, individuelle Fähigkeiten zu entfalten, gangbare und nicht gangbare Wege zu durchlaufen, um zu sich selber zu finden.

Allerdings war diese andere Wirklichkeit der Odenwaldschule nicht strukturell und allgemein in der alltäglichen Praxis verankert. Wer das Laboratorium Odenwaldschule entdeckte, tat dies aus eigenem Antrieb. Wer es nicht entdeckte, bekam keine stimulierenden Anleitungen, es zu entdecken und zu nutzen. Der Alltag stand diesem Entdeckungsprozess geradezu erschwerend entgegen. Denn die Peergroups wurden zu Nachahmungsfiguren für verlockende Angebote der Spaßpädagogik.

Ideologische Debatten in zeitraubenden pädagogischen Konferenzen hinderten die Pädagogen geradezu daran, Kinder wirklich wahrzunehmen. Die Konferenzdebatten befassten sich beispielsweise mit der Frage, ob es ein wirkliches Delikt sei, wenn ein Kind in einem Supermarkt Waren stiehlt - oder ob das nicht vielmehr ein Ergebnis der Konsumgesellschaft sei, die die Jugendlichen zu solchen Handlungen animiere. Aus heutiger Sicht ein völlig unpädagogischer Diskurs, doch damals überboten sich die Becker-Anhänger mit Argumenten, die im Grunde den Tatbestand des Diebstahls, des Drogenmissbrauchs und dergleichen relativierten. Ähnlich wurden die Debatten geführt, wenn es darum ging, präventive Maßnahmen auszudenken, wenn ein Schüler die allgemein gültigen Normen und Regeln missachtet hatte. Der Schulleiter selbst hielt sich meistens nicht an die vereinbarten Regeln.

Stellte man einen Antrag, über das Selbstverständnis der Schule zur Sexualität und somit über die Beziehungen der Geschlechter zueinander zu sprechen, dann wurde dieser Antrag mit der Begründung abgelehnt, es bestünde kein Bedarf, sich auf dieser freien Schule mit dem Komplex Sexualität zu befassen. Da Herr Becker stets die sogenannte "linke" Mehrheit hinter sich hatte, wurde jeder Gedanke, mehr Ordnung und Struktur in den Schulalltag zu bringen, stets abgelehnt. Selbst das demokratische Recht einer geheimen Abstimmung wurde als reaktionär gebrandmarkt.

Da in allen Konferenzen Schüler anwesend waren, konnten sie das Abstimmungsverhalten der Lehrer beobachten und weiter in die Schülerschaft tragen. Somit wurden Lehrer stigmatisiert, die gegen den "lieben Gerold" abgestimmt hatten.

Überhaupt gab es zwei Kategorien von Lehrern: Lehrer, die Becker-Anhänger waren, galten als "kinderlieb", die anderen als Feinde der Kinder. Das "System Becker" war eines der sexuellen Ausbeutung und auch ein System der Kategorisierung von Menschen. Man fragt sich, weshalb Herr Becker, der sich als Anwalt der Kinder stilisierte, es zuließ, dass von ihm selber als Kinderfeinde entlarvte Lehrer nicht sofort entlassen wurden.

Herrn Beckers diffuses pädagogisches "Konzept" war Ideologie und Rhetorik. Niemals wurde konkret darüber nachgedacht, wie sich Kinder in einer so vielschichtigen Gemeinschaft wohlfühlen könnten. Die "Wohlfühl"pädagogik hatte keine erkennbaren Strukturen, Sinn gebende Rituale, Orientierungen und Maßnahmen, die den Alltag der Kinder ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend hätten gestalten können. Alles wurde dem Zufall überantwortet. Wer Glück hatte, kam davon; die anderen gingen leer aus. Insofern war die Becker'sche Pädagogik zutiefst verantwortungslos und daher kinderfeindlich.

Ich habe alle Veröffentlichungen von Herrn Becker genau studiert. Keine einzige ist substanziell von Bedeutung. Er sagt, was unzählige Pädagogen vor ihm bereits gesagt haben. Allein der von ihm favorisierte pastorale Duktus unterscheidet sich von anderen, wissenschaftlich orientierten Pädagogen.

Während seiner Zeit als Schulleiter der Odenwaldschule hat er es nicht vermocht, ein einziges, durchdachtes, nachvollziehbares und allgemein verwirklichbares Konzept auszudenken und zu realisieren. Trefflich beschreibt ein Lehrer, der im Kontext der Becker'schen Kategorisierung als kinderlieb galt, die diffuse Wirklichkeit dieser Ära mit der Bemerkung, "Es war eine beschwingte Zeit". Um welche Schwingungen es sich dabei gehandelt hat, führt er nicht aus. In Wahrheit war es für viele Kinder eine verhängnisvolle Zeit. Die "beschwingte Zeit" vermochte es erfolgreich, den Blick auf die realen Zustände zu verdunkeln. Denn viele Erwachsene wurden durch die Wellness-Pädagogik so verunsichert, dass sie es kaum wagten, sie in Frage zu stellen, ohne als Kinderfeind kategorisiert zu werden.

Es ist mir nie klar geworden, was man unter dem Prädikat "Kinderliebe" verstehen könne. Kein verantwortungsbewusster Pädagoge braucht diffuse Begriffe. Man muss nur lernen, Kindern gerecht zu werden, und sie darin bestärken, sich selber und ihre Welt besser zu verstehen. Auf der Schule wurde davon gesprochen, die Nähe zu Kindern sei das herausragende Merkmal der Schule. Doch was bedeutet der Begriff "Nähe zu Kindern"? Ist es die räumliche Nähe, die körperliche Nähe der pädosexuellen Täter, die angemaßte elterliche Nähe oder was auch immer? Kann ein Pädagoge der Reformpädagogik einem erklären, wie diese Nähe sich konkret benennen lässt?

Auf der Odenwaldschule wurde jeder über Nacht zum Familienoberhaupt. Jeder konnte eine Odenwaldschulfamilie leiten. Es fand keine Schulung oder Supervision statt. Die meisten Mitarbeiter waren und sind Singles. Und fast alle sind eingestellt worden, ohne einen Nachweis über Erfahrungen mit Kindern erbringen zu müssen. Es gibt nicht wenige Kollegen, die Mädchen als Geliebte aus der Mitte ihrer Familie wählten.

Gewiss gab es viele Schüler, die im Vergleich zu ihrer alten Schule bessere Noten bekamen. Doch bedeutet dies nicht, dass sie damit auch wirklich übertragbare Kompetenzen erworben hätten. Es gab viele Schüler, die die positiven Möglichkeiten auszunutzen wussten und in ihrer Entwicklung davon profitiert haben. Allerdings sind die Klagen ebendieser Altschüler, sie hätten auf der OSO die notwendigen Grundkenntnisse nicht erwerben können, dokumentiert. Die Tatsache, dass die Reformpädagogen der Odenwaldschule es vorgezogen haben, ihre eigenen Kinder auf Staatsschulen zu schicken, widerspiegelt den Sachverhalt, wie sie die Unterrichtsqualität ihrer eigenen Schule einschätzten. Wenn argumentiert wird, Herr Becker habe "auch etwas Gutes getan", dann müsste dies doch noch in der Schulwirklichkeit wiederzufinden sein.

Der Nachfolger von Becker, Wolfgang Harder, hat die kinderfeindliche Pädagogik ungehemmt fortgesetzt. Der Ausspruch vieler Schüler, dass der Aufenthalt auf der Odenwaldschule für ihren Lebensweg von großer Bedeutung war, verdient Respekt. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass für unzählige Schüler die Odenwaldschule zum Verhängnis wurde und sie dauerhaft beschädigt hat. Ganz zu schweigen von den Schülern, die auf der OSO ungehemmt Drogen konsumieren konnten und letztlich daran zugrunde gegangen sind.

Wenn die Odenwaldschule wirklich eine Zukunft haben will, dann hat sie eine schwere Lektion vor sich. Sie muss ihre spezifische Blindheit ablegen und sich der Tatsache stellen, dass die pädosexuellen Täter weg sind - aber die Bedingungen, warum man sie nicht demaskieren konnte, grundsätzlich noch die gleichen sind. Ideologie darf Konzepte der Wirklichkeitsaneignung nie ersetzen.

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben