Die Firma Choren im sächsischen Freiberg ist insolvent. Nun wachsen Zweifel an der Kraftstoffherstellung mit Hilfe der Biomasseverflüssigung.von Michael Bartsch

Stolz präsentiert Angela Merkel ein Fläschchen mit Sun-Diesel (Archivfoto vom 17. April 2008). Bild: reuters
DRESDEN taz | Im April 2008 war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit großem Gefolge ins sächsische Freiberg gepilgert, um sich ein "Schmuckstück" anzusehen, das in der Welt einmalig sei. Die Choren Industries GmbH präsentierte eine Pilotanlage, die aus Holzabfällen und Biomassen aller Art hochwertigen "Sun-Diesel" herstellen sollte.
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Im Juli dieses Jahres platzte der Traum, Choren musste Insolvenz anmelden. Und zwei Monate danach ist weiterhin fraglich, ob in Freiberg jemals Biokraftstoff für den Markt produziert werden wird.
Ein MDR-Beitrag im ARD-Magazin "Plusminus" hatte Ende August auf fragwürdige Hintergründe aufmerksam gemacht. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters Bruno M. Kübler bezeichnet ihn zwar als "pure Sensationsmache", er bestätigt aber, dass Choren nie über den Stand einer Demonstrationsanlage hinausgekommen ist.
18 Millionen Liter Sun-Diesel pro Jahr sollen immerhin produziert worden sein. Doch weder dessen Herstellungskosten noch die Technologie erscheinen momentan beherrschbar. Der Ölkonzern Shell stieg schon 2009 als Gesellschafter wieder aus. Als ihm im Juli VW und Daimler folgten, war die Insolvenz unvermeidlich. Rund 100 Millionen Euro wurden bislang investiert, davon 30 Millionen Fördermittel.
Freiberg hätte der weltweit erste Standort werden können, an dem die Massenproduktion von Biokraftstoffen der zweiten Generation gelingt. Bei diesem Verfahren, der Biomasseverflüssigung (Englisch: Biomass to Liquid, BtL), wird die gesamte Pflanze zur Kraftstoffgewinnung verwendet.
Doch dem Choren-Versuch liegen offenbar ökonomische Fehlkalkulationen zugrunde. Die MDR-Recherchen machen gestiegene Holzpreise für die derzeitige Unwirtschaftlichkeit solcher Anlagen mitverantwortlich. Unbestritten ist auch, dass Holzabfälle und sonstige Biomasse nur begrenzt zur Verfügung stehen, will man nicht gewaltige Flächen für Nutzpflanzen anlegen.
Ein internes Papier des Insolvenzverwalters verbreitet dennoch Optimismus. Industriell hergestellter BtL-Sprit würde nicht mehr als 1 bis 1,50 Euro je Liter kosten. Eigene Anpflanzungen könnten Engpässe bei der Rohstofflieferung überbrücken. Die ökologischen Vorteile von BtL-Kraftstoffen würden auch den Markt überzeugen.
Zugeschrieben werden sie vor allem der Freiberger Carbo-V-Technologie. Aus verdichteter Biomasse wird ein Synthesegas hergestellt, das wiederum zu Kraftstoff verflüssigt wird, der mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren kompatibel ist.
Fast vergessen ist, dass schon 2003 ebenfalls in Freiberg die damalige Firma Future Energy ein ähnliches Verfahren vorstellte. Gemeinsam mit dem Forschungszentrum Karlsruhe, heute KIT, entwickelten sie eine angeblich marktreife Technologie.
Doch die Nachfolgefirma, die heute zum Siemens-Konzern gehört, hat diesen Weg offenbar aufgegeben und verkauft inzwischen sehr erfolgreich auf der Basis eines schon in der DDR entwickelten Flugstromvergasers Kohleverflüssigungsanlagen vor allem nach Asien.
Die Firma forscht weiter an Biokraftstoffen und baut gerade für 60 Millionen Euro eine eigene Pilotanlage in Karlsruhe. Aber eben nur eine Pilotanlage.
Der Choren-Insolvenzverwalter räumt ein, dass man für die komplexe Technologie einen langen Atem brauche. Die Anlage in Freiberg habe ihre grundsätzliche Funktionsfähigkeit bewiesen und böte gute Chancen, "binnen weniger Monate einen stabilen Betrieb der Gasproduktion zu erreichen".
"Eine Insolvenz stellt noch nicht die ganze Technologie infrage", warnt auch Joachim Fuchs vom KIT. Nun wird ein Investor gesucht, der 300 Arbeitsplätze rettet und vor allem an den Erfolg des Carbo-V-Verfahrens glaubt.
Der Biologe Stefan Klotz vom Umweltforschungszentrum Leipzig zieht hingegen die Produktion von Biosprit generell in Zweifel. Die über die Photosynthese in Biomasse gespeicherte Sonnenenergie werde nur mit einem Wirkungsgrad von weniger als 1 Prozent genutzt. Dafür extra Pflanzen anzubauen und diese anschließend zu verheizen sei eine "Sackgasse".
Wenn Öl und Kohle zur Neige gehen, wären Pflanzen sinnvoller als Basis vieler hochmolekularer Kunststoffe einzusetzen.
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Leserkommentare
12.09.2011 17:09 | Ge schäfte
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