Biologin Juliane Filser über Ökologie und Kapitalismus

„Nachhaltigkeit müsste Schulfach werden“

Die Ökologin Juliane Filser über politisierende Forschung, die Dramatik des Insektensterbens und das Falsche an Tiefkühlpizza.

Ohne Insekten, sagt Juliane Filser, „würden wir in unserem Dreck buchstäblich ersticken“. Foto: Nikolai Wolff/Fotoetage

taz: Frau Filser, während wir sprechen, ist es über 30 Grad warm, seit Wochen hat es kaum geregnet. Ist das schon Klimawandel oder noch Wetter?

Juliane Filser: Das immer extremer werdende Wetter ist natürlich der Klimawandel. Das Zusammentreffen von Trockenheit und Hitze über eine so lange Periode macht mir ernsthafte Sorgen. Selbst in Schweden brennen jetzt die Wälder, überall fehlt Wasser. Die Bauern klagen zurecht, dass ihr Ertrag drastisch sinkt, weil Getreide und Obst notreif werden. Selbst der Mais zeigt bei der Trockenheit schon Stressreaktionen – obwohl er als subtropische Pflanze Hitze gewohnt ist. Die Veränderungen machen sich aber auch in der Tierwelt bemerkbar: Auf Exkursionen finden wir regelmäßig Wespenspinnen – die gab es vor einiger Zeit noch überhaupt nicht. Sie wandern langsam in den Norden.

Kann man gegen dieses komplexe globale Problem etwas vor Ort tun?

Die Kommunalpolitik müsste umfangreich über Wassersparmöglichkeiten informieren. Das ist das Allerwichtigste. Ich bekomme immer Zustände, wenn meine Nachbarn ihren Rasensprenger tagsüber stundenlang laufen lassen. Das ist komplett sinnlos, weil in der Hitze alles verdunstet. Wenn überhaupt, sollte man Rasen in den frühen Morgenstunden oder abends wässern, wenn es richtig kühl ist.

Das niedersächsische Stade hatte vor ein paar Wochen Probleme mit der Wasserversorgung und Delmenhorst hat derzeit ähnliche Sorgen. Sollten wir Rasen lieber vertrocknen lassen?

Wasser ist unsere wichtigste Ressource. Wenn wir anfangen, mit Trinkwasser den Garten zu gießen, verschwenden wir es. Bremen etwa bekommt sein Trinkwasser größtenteils aus Niedersachsen und trägt damit dort zur angespannten Lage bei.

Wie kann man besser über die Dramatik der Situation aufklären?

Ein Schulfach Nachhaltigkeit wäre dringend notwendig. Kurzfristig könnte man Aktionstage machen: Lasst Schulkinder doch mal erzählen, wie sie zu Hause Wasser sparen. Oder der lokale Versorger macht ein Wasserspargewinnspiel.

Was würden Sie als Politikerin tun, um klimaschonende Verhaltensweisen zu fördern?

58, ist Biologin und Professorin für allgemeine und theoretische Ökologie an der Uni Bremen. Sie ist Grünen-Mitglied, Fan des Club of Rome und zieht ihr eigenes Gemüse in ihrem großen Garten in Bremen-Borgfeld, den sie hauptsächlich mit Regentonnen bewässert.

Mit einem Wassersparbonus ein Anreizsystem etablieren: Diejenigen, die viel Wasser sparen, bekommen es günstiger als Verschwender. Aktuell bekommen es Großverbraucher billiger – das ist absurd.

Haben Sie sich durch Ihre Forschung politisiert?

Durch meine Eltern war ich schon immer politisch. Als Kind bin ich durch die Straßen gelaufen und habe mit dem Finger SPD in den Schnee auf den Windschutzscheiben geschrieben. 1982 bin ich bei den Grünen eingetreten. Während meines Studiums habe ich mich dann für Pflanzenschutz sensibilisiert. Meine Diplomarbeit schrieb ich über Hopfenmonokultur. Ich wohnte damals in Bayern in der Nähe von Hopfenfeldern. Die werden sehr häufig gespritzt mit heftigen Auswirkungen auf die Artenvielfalt: Es gab dort nur ganz wenig Schmetterlinge, kaum Vögel und wenig Bienen. Meine Proben ergaben, dass die häufig gespritzten Felder nahezu tot waren. Eigentlich wollte ich auch Regenwürmer untersuchen, aber leider gab es kaum welche. Nicht mal beim Bio-Bauern, weil der auch mit Kupfer als Fungizid arbeiten darf.

Wie hat sich der Gebrauch von Pestiziden über die letzten Jahrzehnte verändert?

Die Produktion hat sich quantitativ nicht erhöht, dafür sind aber viele Mittel giftiger geworden. Moderne Pflanzenschutzmittel sind in der Regel viel toxischer als die alten. Wo ich früher einige Kilogramm pro Hektar genutzt habe, braucht ein modernes Gift oft nur ein Zehntel oder Hundertstel. Die Umweltschäden wachsen entsprechend.

Die Leidtragenden sind vor allem die Insekten, oder?

Vergangenes Jahr ist die viel beachtete Studie erschienen, dass die Biomasse der Insekten in den letzten 30 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen ist. Das ist sehr traurig. Vor 30 Jahren habe ich studiert. Noch heute zeige ich in Vorlesungen ein Bild aus einem Kalender vom Umweltbundesamt. Abgebildet ist ein Insektenkasten mit Laufkäfern. Es war der Schaukasten des damaligen Landwirtschaftsministers in Schleswig-Holstein, Bernd Heydemann, für den er 1958 gesammelt hatte. Es war ein wirklich reich bestückter Käferkasten. 1988, also 30 Jahre später, ist Heydemann noch mal an dieselben Orte gegangen, hat mit den gleichen Methoden Käfer für einen weiteren Kasten gesammelt: Schon damals war er geschrumpft auf circa 20 Prozent. Von dieser schon reduzierten Menge hatten wir in den letzten 30 Jahren noch mal einen Rückgang um 75 Prozent – das ist ein Drama.

Wie haben Sie reagiert, als Sie das erste Mal von dieser neuen Studie hörten?

Ich habe wirklich Panik bekommen. Als ich das in der Vorlesung erzählt habe, war ich den Tränen nah. Wir leben von Insekten. Ohne sie ist es aus, und zwar ganz schnell. Und ich rede nicht nur von Bienen – die sind ja nur das Kuscheltier unter den Insekten –, ich rede von all denen, welche die unsichtbare Drecksarbeit tun. Die das abgestorbene Laub, Aas und Kot verwerten. Das geht alles nicht ohne Insekten. Ohne sie würden wir in unserem Dreck buchstäblich ersticken.

Inwiefern beeinträchtigt das Insektensterben auch andere Arten?

Alles würde zusammenbrechen. Insekten sind die Hauptnahrungsquelle von Vögeln, auch Säuger, Fische und Amphibien ernähren sich von ihnen. Es geht alles Hand in Hand, auch das ist längst publiziert, wird aber konsequent kleingeredet. Nachtigallen höre ich hier kaum noch. Letztes Jahr war ich auf einer Halbtagsexkursion, wo wir kaum noch irgendwelche Allerweltsvögel singen hörten.

Was müsste sich ändern?

Die gesetzlichen Testverfahren für Pflanzenschutzmittel haben große Lücken. Mittel werden nur an einzelnen Arten getestet: Es wird zum Beispiel geprüft, wie Algen auf Gift reagieren. Dabei wird ignoriert, wie sich das Mittel auf dritte Arten auswirkt – etwa wenn andere Lebewesen die behandelte Pflanze fressen. Die Risiken solcher Wechselwirkungen sind dramatisch unterschätzt. Zudem wird immer nur ein Wirkstoff getestet. In der Realität wendet der Bauer aber nicht nur ein Pestizid an, sondern mehrere. Wir haben da draußen eine giftige Cocktail-Suppe.

Wie viel Schuld geben sie der chemischen Industrie?

Sie kämpft mit extrem harten Bandagen: Oft werden Daten zurückgehalten, KritikerInnen drangsaliert. Es geht nur um Profite. Und damit sind wir beim Grundproblem: dem Kapitalismus. Der ist krank. Ich bin keine Marxistin, sondern Naturwissenschaftlerin – ich kann rechnen. Der Kapitalismus geht nicht auf: Er funktioniert nur bei ständigem Wachstum, einem größer werdenden Markt und Bevölkerungszunahme. Das macht aber den Planeten leer. So einfach. Wer nachhaltig denkt, muss sich vom Kapitalismus verabschieden.

Wie sollten wir als Konsumenten damit umgehen?

Unser Lebensstil – das ständige Fliegen in den Urlaub, Autofahren und häufiger Fleischkonsum – tun weder dem Klima gut noch den Rohstoffen. Wir sollten möglichst wenig Produkte kaufen, die mit viel Wasser hergestellt werden, biologische und regionale Produkte selber kochen und keine Tiefkühlpizza essen. Bio-Obst bringt viel und spart jede Menge Pestizide. Ich dachte immer, Hopfen ist die Giftküche schlechthin, da wird zwölf bis 14 Mal pro Jahr gespritzt. Aber Obstbauer spritzen ihre Plantagen bis zu 40 Mal im Jahr. Äpfel im Supermarkt sehen nur schön aus.

Aber wer soll sich ausschließlich Bio leisten können?

Wir müssen uns auch davon verabschieden, bei Lebensmitteln zu sparen. Es ist gesünder, weniger und qualitativ besser zu kaufen.

Erzählen Sie das mal einem Sozialhilfeempfänger.

Aber dann möchte ich auch deren Kühlschrank sehen. Das sind nämlich genau die Leute, die den ganzen verarbeiteten Dreck kaufen.

Weil er günstig ist.

Eine Tiefkühlpizza ist nicht günstig. Wissen Sie, wie viel Pizzen ich von einem Kilo Mehl und zwei Dosen Tomaten machen kann? Entschuldigung, aber ich brauche auch keine Chipstüten und diesen ganzen Mist! Ich kann auch Leitungswasser anstatt Zuckerwasser trinken. Diese permanente Grillerei ist doch irrwitzig. Natürlich verdiene ich gut. Aber ich bin sehr arm aufgewachsen und weiß, was es heißt, kein Geld zu haben. Meine Mutter hat mit 15 Mark die Woche gewirtschaftet. Wir haben trotzdem vernünftig gegessen – komisch, es geht. Bei uns gab es keine Fertigprodukte und wir haben nur einmal die Woche Fleisch gegessen.

Und wie bekommt man die Industrie in den Griff?

Ich bin eine Freundin von Anreizsystemen. Ich will kein Feindbild der Industrie aufbauen, von Feindschaften kann man nicht leben. Die chemische Industrie hat ja auch nichts von kaputten Böden, sodass sie nichts mehr produzieren kann. Wir müssen Allianzen schmieden und gemeinsam fragen: Wie können wir dafür sorgen, dass ihr leben könnt, gleichzeitig aber auf Wachstum verzichtet?

Haben Sie schon mit der Industrie zusammengearbeitet?

Ja, in mehreren Projekten zu Nanopartikeln. Es ging ganz darum, was man für umweltfreundlichere Produkte tun kann. Ein Schmierstoffhersteller hat nach unserer Forschung einen hochgiftigen Bestandteil seines Produkts mit einem unbedenklichen ausgetauscht.

Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Forschung durchzudringen?

Die Frage nach der politischen Wirksamkeit treibt mich tatsächlich um. Wir müssen nicht zum hundertsten Mal belegen, dass etwas falsch läuft und der Klimawandel existiert. Ich will, dass sich jetzt was ändert. Ich will in mehr Gremien kommen, in denen man etwas bewirken kann. Ich habe ja auch schon in der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit gesessen – dort schafft man Fakten. Unsere letzte Publikation zu Pflanzenschutzmitteln, „Der stumme Frühling“, war ein erster Schritt – sie war in allen großen Medien, die EU-Kommission hat sie in ihrer Stellungnahme zitiert. Natürlich würde ich auch nicht Nein sagen, wenn mich ein Konzern bitten würde, in seinen Aufsichtsrat zu gehen. Mit einer wertschätzenden Aufmerksamkeit kann man mit vielen Akteuren etwas bewirken.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben