Blick in die Psyche der Terroristen

„Ein grausames Über-Ich“

Was bringt Selbstmordattentäter dazu, ihr Leben zu geben um Terror zu verbreiten? Psychoanalytiker Klaus Grabska befasst sich mit der Innenwelt von Attentätern.

Reingucken kann man nicht - Psychoanalytiker Klaus Grabska versucht dennoch, die Psyche von Attentätern zu verstehen. Foto: dpa

taz: Herr Grabska, was macht es mit einem, wenn man sich mit der Psyche von Selbstmordattentätern beschäftigt?

Klaus Grabska: Es ist sehr verstörend. Weil es an etwas rührt, womit wir uns nicht gern beschäftigen: mit Destruktivität. Wir haben ja hautnah erlebt, nach Paris, welche große Verunsicherung da entsteht: Wie eine Welle geht es durch die Bevölkerung, medial vermittelt. Es ist etwas, das einen berührt, selbst wenn man nicht im engeren Sinne davon betroffen ist. Man kann sich gar nicht davor schützen.

Was passiert auf der persönlichen Ebene bei den Tätern?

Das Persönliche ist schwer zu fassen. Aber es gibt auch eine politische Seite, und eine kulturelle Dimension der Destruktivität, die alle zusammenwirken. Da merken wir auch, dass das ganz stark mit Globalisierung zusammenhängt. Der Terror ist nichts mehr, was nur in fernen Ländern stattfindet und uns nur als Nachricht erreicht. Das ist vielleicht auch eine Botschaft der Attentäter, die uns etwas der Destruktivität vermitteln wollen, die beispielsweise in Syrien stattfindet. Auf der anderen Seite braucht es ja die Menschen, die so etwas tun. Da kommt eine Seite zutage, die sehr menschenverachtend und kaltschnäuzig gegenüber anderen Menschen und dem Leben ist.

63, ist Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Seit 1998 arbeitet er als Psychoanalytiker in einer Praxis in Hamburg-Eppendorf. Er ist auch Lehranalytiker, das heißt, angehende AnalytikerInnen liegen bei ihm selbst auf der Couch. In seiner Jugend hat ihn die Verbindung von Psychoanalyse und kritischer Sozialwissenschaft interessiert und inspiriert. Er las Adorno und Horkheimer, um die Studentenbewegung und die anderen daraus entstehenden Bewegungen besser zu verstehen.

Lieben die Attentäter das Leben nicht?

Dazu muss man erst mal wissen, was das Leben für den einzelnen bedeutet. Nehmen Sie zum Beispiel Mohammed Atta. Für ihn hatte das Weltliche irgendwann nicht mehr so eine Bedeutung wie das Leben nach dem Tod. Er lebt in gewisser Weise als Mohammed Atta weiter.

Aber er hat nichts mehr davon.

Nur wenn Sie es so verstehen, dass er für das Diesseitige lebt. Aber wir alle leben vielleicht so, dass wir die Hoffnung haben, dass wir für unsere Bezugsgruppen als Name weiterleben.

Welche Bedeutung spielen Größenfantasien und Geltungsbedürfnisse?

In ihren Bezugsgruppen spielen die Täter ja eine Art Heldenrolle. Aus deren Perspektive wählen die einen Märtyrertod. Da kommt der Narzissmus herein: Ich bekomme Anerkennung, Wertschätzung. Man kann vermuten, dass das psychisch eine sehr große Rolle spielt. Als Analytiker denken wir immer, das dadurch etwas anderes abgewehrt oder bewältigt werden soll.

Und zwar?

Identitätskonflikte. Es ist ja auffallend, dass viele dieser Männer – es sind fast ausschließlich Männer – einen Kulturbruch erlebt haben. Also Männer, die hier im Westen aufgewachsen sind oder hierhergeschickt wurden, und die hier was werden sollten und in die viel Hoffnung gelegt wurde. Aber viele von ihnen erleben es wahrscheinlich als Verrat an der Herkunftskultur und als Kulturbruch. Dazu kommt ein weiterer Konflikt, der die Vorstellung davon betrifft, wie man als Mann sein sollte.

Wieso glauben Sie das?

Was bei der Werbung des IS auffällt: dass eine Art Hypermännlichkeit konstruiert wird. Stärke, Überzeugungskraft, Macht. Da kommt sicherlich wieder etwas Narzisstisches hinein. Etwas, das auch eine sehr stabilisierende Wirkung hat für einen Mann, der diese Konflikthaftigkeit in den Identitäten, die er hat, nicht als etwas erlebt, was zur Auseinandersetzung bewegen kann, sondern als etwas Bedrohliches.

Woher kommt das Gefühl des Bedrohtseins?

Ich könnte mir vorstellen, dass viele einen Konflikt erleben, weil ihre Väter in gewisser Weise keine männliche Vorbildfunktion haben können, weil sie nicht die Männerbilder repräsentieren, die in unserer Kultur erfolgreich sind. Auch in der Beziehung zum weiblichen Geschlecht. Das führt in eine gewisse Isolation. Oder, aber das kann ich nur vermuten, dass es in der arabischen Welt schwierig ist, sich zur gegenwärtigen Zeit auf der Gewinnerseite im Rahmen der Globalisierung zu sehen. Dass die arabischen Väter also auch nicht mehr die Autorität als männliches Vorbild repräsentieren können, an denen man Halt findet. Aber das ist sehr spekulativ.

Sind IS-Attentäter also im Grunde verängstigte Menschen?

Ich denke, dass da etwas von einer Innenwelt nach außen externalisiert wird, wovor der Attentäter selbst Angst hat. Die Anschläge sind ja terroristische Inszenierungen für die Öffentlichkeit. Es geht nicht primär darum, Menschen zu töten, sondern die Lebenden in Schrecken zu versetzen. Es ist eine Gewalt der Ohnmächtigen, der Minderheit gegen die Mehrzahl.

Welche Angst steckt dahinter?

Die Angst, sich mit seiner Liebesbedürftigkeit, seiner Ohnmacht gegenüber seinen eigenen Identitätskonflikten, als hilfsbedürftiger Mann zu zeigen. Aus Angst, dass dann entweder Gruppen, oder das, was wir Über-Ich nennen, also eine Instanz in uns selbst, sagen würde: „Du bist ein Versager.“ Und dass das als so vernichtend erlebt wird, dass es nicht aushaltbar wäre. Er sucht stattdessen nach einer Lösung, die eine Männlichkeit verspricht, ohne in den Konflikt gehen zu müssen.

Haben Attentäter ein strengeres Über-Ich als andere?

Ich würde nicht nur sagen streng, sondern dass ein Teil der Persönlichkeit – nicht die ganze Persönlichkeit – ein grausames Über-Ich hat.

Gegen wen richtet sich der Hass, den sie in sich tragen?

Offensichtlich gibt es ja einen Hass gegen eine westliche Kultur, die als verweichlicht und schädlich wahrgenommen wird. Aber auch hier spielt es eine Rolle, dass ein Hass, der in der inneren Fantasiewelt präsent ist, auch nach außen gekehrt wird. Wenn ein Kind enttäuscht von seinen Eltern ist, wird es wütend auf sie sein. Gleichzeitig kann es sein, dass die Eltern enttäuscht von dem Kind sind. Das bildet sich in dem Kind zu einem bestimmten Elternbild und Selbstbild. Eine Vermutung wäre, dass ein Enttäuschungshass sich im Menschen verdichtet, und dass der Mensch diesen nach außen bringen muss, damit er davon frei werden kann.

Also letztlich der Hass über das eigene Ungenügen?

Genau, da wo wir enttäuscht sind von uns, aber auch von den anderen. Und wo die anderen auch als versagend erlebt werden. Jedes Kind erwartet, dass da ein Vater mit Väterlichkeit ist und eine Mutter mit Mütterlichkeit. Wenn es das nicht bekommt, wird es enttäuscht sein. Und eine Wut, und im Extremfall einen Hass auf die Eltern entwickeln.

Was haben die Eltern falsch gemacht?

Wenn Eltern etwas falsch machen können – denn jedes Kind wird mal enttäuscht werden, und es ist auch richtig, dass wir hassen lernen – aber wenn Eltern was falsch machen, ist es, dass sie nicht anerkennen, dass etwas falsch gelaufen ist. Das ist das Schlimmste: Dass Eltern nicht zu ihrem eigenen Versagen stehen können. Denn erst dann kann man darüber reden.

Welche Rolle spielt Schuld?

Das kann ein transgenerationeller Konflikt sein: die Schwierigkeit, wenn Menschen zu uns kommen und ein unbewusstes Schuldgefühl haben, gegenüber ihren eigenen Eltern, die in der Heimat geblieben sind. Das kann auch an die Kinder weitergegeben werden: Das Gefühl „Wir haben die Heimat verraten.“ Und dann gerade ein Kämpfer, ein besonders idealistischer Vertreter des eigenen Volkes zu werden versucht.

Geht es auch um Rache oder Neid?

Um Rache mit Sicherheit: Es geht ja darum, eine Beziehung von Ohnmacht und das Gefühl von Ungerechtigkeit umzudrehen. In eines, wo man auch die Macht hat, ungerecht zu sein. Ohne dass der andere das verdient hat: also wahllos zu töten. Das nenne ich eine Pervertierung von Gewalt, die etwas sehr Anziehendes hat. Was man auch bei Anders Breivik finden kann: ein gottähnliches Gefühl, weil man Herr über Leben und Tod anderer ist. Da wird das Destruktive auf einmal als etwas ganz Lustvolles besetzt. Das ist auch eine Rache für Erlebnisse, wo man sich so gefühlt hat, als würde man überhaupt nichts zählen.

Und die Welt muss dann dafür büßen, dass man diese Ungerechtigkeit empfindet.

In gewisser Weise ja. Aber das ist ein langer Prozess, der sich oft durch einen Rückzug ankündigt. Es sind keine Kurzschlusshandlungen. Die Täter ziehen sich aus der kulturellen und familiären Welt zurück und kreieren sich eine eigene Welt, wie Breivik, oder gehen eben in die terroristische Alternativkultur. Sie eignen sich eine Weltsicht an, wo sie die Guten sind. Da ist dann kein Raum mehr da, zu reflektieren „Was tun wir da?“. Und auch kein Raum für die anderen als Menschen. Auch Breivik hat sich eine Welt geschaffen, in der er ein Held ist und Norwegen rettet. Insofern ist es immer auch ein verzweifelter Versuch, eine Innenwelt zu retten.

Tun Ihnen die Täter leid?

Mitleid mit den Tätern zu haben, fällt schwer. Aber als Analytiker kann man einen Bezug dazu haben, dass hinter dieser Pervertierung des Destruktiven zu etwas Gutem, Liebevollen, eine ganz tiefe Verzweiflung steht. Die sie uns spüren lassen, wenn wir von ihren Taten hören. Und das ist etwas, das mich erreicht: die tiefe Verzweiflung, die in diesen Menschen gesteckt haben muss.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben