Bratwurstmuseum zieht auf KZ-Gelände

Museum mit Geschmäckle

Das 1. Deutsche Bratwurstmuseum zieht auf den Standort des ehemaligen KZ Martha II. Jüdische Frauen mussten dort Zwangsarbeit verrichten.

Überdimensionale Bratwurst im Schnee

Dieses Idyll: Überdimensionale Bratwurstskulptur vor dem jetzigen Museum in Holzhausen Foto:

Das Bratwurstmuseum in Thüringen ist sehr beliebt. Über 50.000 Menschen kommen jährlich in das Dorf Holzhausen, um sich dort über die Geschichte der Bratwurst zu informieren, die größte begehbare Bratwurst, einen Bratwurstskulpturenpark oder einen Bratwurstgewürzgarten zu besuchen oder an einem Bratwurst-Songcontest teilzunehmen.

Da der bisherige Standort keine Ausbaumöglichkeiten bietet, wurde in den letzten Monaten nach einem Ersatz gesucht. Jetzt haben sich die „Freunde der Thüringer Bratwurst“ für das Gelände am Stadtwald in Mühlhausen entschieden. Dieses biete „in landschaftlich reizvoller Umgebung ideale Standortbedingungen“, teilte der Verein mit. Was er nicht verriet: Auf dem Grundstück befand sich zwischen September 1944 und März 1945 das KZ Martha II, ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Dies berichtete zuerst die Bild.

Bis zu 696 polnische und ungarische Jüdinnen zwischen 15 und 33 Jahren mussten dort Zwangsarbeit verrichten – für einen Rüstungsbetrieb, der Zeitzünder-Uhrwerke für Flak-Granaten der Wehrmacht herstellte. Drei Frauen starben vor Ort, unzählige später an den Folgen. „Es gibt Berichte, da steht, dass die Leute gern dort waren“, zitiert die Bild den Investor Jan Kratochwil, der den Zuschlag für das neue Museum erhielt.

Dabei bezieht er sich offenbar auf Zeugenaussagen ehemaliger Insassinnen, die in Mühlhausen im Vergleich zu ihren Vorerfahrungen aus Auschwitz, Ravensbrück oder Bergen-Belsen „bessere“ Haftbedingungen vorfanden. Auch Christian Fröhlich von der Stadt Mühlhausen rechtfertigt sich: Die Insassinnen hätten „höchstens dort übernachtet, aber nicht gearbeitet.“

Was für eine beschämende Geschichtsvergessenheit. Die Häftlinge in Mühlhausen wurden zur Arbeit gezwungen, zwölf Stunden am Tag. Sie mussten Hunger leiden und wurden gefangen halten, weil sie Jüdinnen waren. Ihre Aussagen als Argument dafür heranzuziehen, dass es in Ordnung sei, ausgerechnet an ihrem Leidens­ort ein Museum zu errichten, in dem es buchstäblich um die Wurst geht und nicht um die Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus, ist mehr als befremdlich. Die schäbigen Äußerungen lassen zudem befürchten, dass die Kritik jetzt so abgewehrt werden soll, in dem man noch schnell einen dreizeiligen Gedenkstein plant.

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