Helmut Roewer war Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen. Für das Chaos dort will er nicht verantwortlich sein. Deswegen schrieb er ein Buch.von Sebastian Erb

Helmut Roewer ist zum traurigen Gesicht einer ganzen Behördengattung geworden: der deutschen Geheimdienste. Bild: dapd
BERLIN taz | Völlig ungewollt ist Helmut Roewer zum Gesicht einer ganzen Behördengattung geworden. Zum Gesicht des Verfassungsschutzes, der vieles tut, aber nicht unbedingt die Verfassung schützen.
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Roewer, von April 1994 bis Juni 2000 Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz, hat jetzt das gemacht, was alle machen, die endlich ihre eigene Sicht schildern wollen: Er hat ein Buch geschrieben – „Nur für den Dienstgebrauch – Als Verfassungsschutzchef im Osten Deutschlands“. Vorab wollte der Verlag der taz die 280 Seiten nicht zur Verfügung stellen. Roewer will seine eigene Show.
Mehr als 50 Journalisten sind am Donnerstagnachmittag ins Haus der Bundespressekonferenz in Berlin gekommen. Roewer – gestreiftes Hemd, schwarzer Sakko – legt seine Hände ruhig auf den Tisch und präsentiert sich als Mann, der sich nichts vorzuwerfen hat. Absolut nichts.
Die Fehler sucht er bei anderen: Bei der Polizei („eins zu eins von der Volkspolizei übernommen“), die immer wieder seine guten Ansätze durchkreuzt habe. Und auch bei den Eltern der NSU-Mitglieder, die den Aufenthaltsort der Untergetauchten gekannt hätten, ihn aber nicht verrieten. Er sieht sich als Opfer einer politischen Intrige. Seine Suspendierung? Rein politisch motiviert. Man habe ihn weghaben wollen.
Ganz wichtig, das betont Roewer mehrfach, seine Dienstzeit endete zu einem Zeitpunkt, da hatten die „mutmaßlichen Gangster aus Jena“, wie Roewer das NSU-Trio nennt, das Morden noch gar nicht begonnen.
Viel relevantes Neues steht nicht in dem „politisch höchst brisanten Buch“ (Verlegersprech). Roewer beschreibt anhand von Tagebuchaufzeichnungen, wie schwer es für ihn als Westler in Ostdeutschland war, „das sich von den westlichen Lebenswirklichkeiten diametrial unterschied“. Einmal war er bei einem „Mexikaner, den man angeblich gesehen haben muss. Jedenfalls vertrug ich das Essen dort nicht.“
Auch wenn Roewer das anders sieht, eines ist inzwischen klar: Er hatte seinen Laden nicht im Griff, es herrschte gelinde Chaos. Und der Chef war ein spezieller Zeitgenosse: Er fuhr mit dem Fahrrad den Flur entlang, lief oft barfuß, legte seine dreckigen Füße auf den Tisch. Ehemalige Mitarbeiter schilderten auch ein Dinner im Kerzenschein mit Damenbesuch, Wein und Käse. Inklusive Plaudereien über Dinge, die eigentlich geheim sind. Roewer sagt, das sei doch erfunden. Klar ist: Eine effektive Bekämpfung des Rechtsextremismus, die bliebt auf der Strecke.
Überhaupt der Rechtsextremismus: Roewer veröffentlicht im Ares-Verlag, der zum Grazer Leopold-Stocker-Verlag gehört, einer Art Rechtsaußen-Vertretung der deutschsprachigen Verlagslandschaft. Laut Selbstdarstellung richtet sich der Verlag gegen „gepflegte Langeweile“ und will nicht die „immer gleichen Meinungen des medialen Mahlstroms“ wiederkäuen.
Im Klartext heißt das: Stocker veröffentlicht Bücher von Geschichtsrevisionisten; das Programm reicht vom Rechtskonservatismus bis in den Rechtsextremismus hinein. Warum hat Roewer ausgerechnet dort veröffentlicht?
Sein Agent habe ihm den Verlag empfohlen, antwortet er knapp. Ihn habe überzeugt, dass sein geschätzter Staatsrechtlehrer Ingo von Münch dort veröffentlicht habe. Und überhaupt: „Man sollte einen Autoren danach beurteilen, was er selber schreibt.“
Roewer hat Erfahrung im Literaturgeschäft. Er hat schon mehrere Bücher geschrieben und er rezensiert auch selbst. Bei Amazon wirft er den Autoren eines Buches über den NSU „schlampige Recherche“ vor. Ein revisionistisches Werk lobt er als „interessante Lektüre“. Und Roewer war selbst einmal Verleger. Als Verfassungsschutz-Chef hat er einen Tarnverlag gegründet. Weil er so Staatsgeld auch in die eigene Tasche umgeleitet haben soll, wurde er 2003 wegen Untreue angeklagt. Das Verfahren wurde gegen Geldzahlung eingestellt. Ob aus dem Verlag auch Geld in die rechtsextreme Szene geflossen ist, will ein Journalist wissen. Roewer verneint vehement. „Das wäre ja abenteuerlich.“
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