Der verdiente linke Theoretiker und SDS-Veteran Karl Heinz Roth denkt über die Griechenland-Krise nach. Dabei schöpft er Hoffnung auf eine radikale Perspektive.von Christiane Müller-Lobeck

Alle machen mit: Teilnehmer der Proteste auf dem Athener Syntagma-Platz. Bild: dpa
Pünktlich zu Wahlen und neuer Regierungsbildung in Griechenland ist Karl Heinz Roths kleiner Band „Griechenland: Was tun?“ erschienen. Zu Teilen bereits Ende letzten Jahres in der Netz-Zeitschrift „Sozialgeschichte.online“ veröffentlicht, bietet das Buch eine ausführliche und aktualisierte Einschätzung der fortdauernden Krise inklusive eines gut recherchierten Rückblickes auf die Entwicklung des Landes seit dem Beitritt zum Euroraum.
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Vor allem die, wie Roth betont, verheerenden Folgen der vier bisherigen Sparprogramme für Wirtschaft und Gesellschaft Griechenlands werden eingehend und trotz vieler Einzelnachweise übersichtlich behandelt.
Der Autor, Mediziner und Historiker, auf dessen Konto für Deutschlands radikale Linke einflussreiche Texte zu Postfordismus und neuen Arbeitsformen gehen, deutet sie als „Generalangriff auf die gesamten griechischen Unterklassen“ und spart auch sonst bei der Beschreibung nicht mit drastischen Vokabeln.
Was das Buch außer einer Referenz im Titel mit Lenins Schrift „Was tun?“ verbindet, möge jeder selbst herausfinden. Karl Heinz Roth, 1975 Mitbegründer der Zeitschrift Autonomie, trifft aber mit dem Titel auf eine verbreitete Ratlosigkeit hierzulande, wie der radikalisierten Neoliberalisierung in der europäischen Peripherie von Deutschland aus begegnet werden kann.
Nicht wenige erhoffen sich von Roth, der seit der Zeit der griechischen Junta ein enges Verhältnis zur dortigen Linken pflegt, weiterführende Antworten, wie eine proppenvolle Veranstaltung im Hamburger Schanzenviertel zeigte, auf der der brillante Sprecher kürzlich sein Buch vorstellte.
Roth traut zunächst einmal jenen griechischen Demonstranten selbst, wie sie sich im vorigen Jahr auf dem Athener Syntagma-Platz versammelt und direkte Formen der Demokratie erprobt haben, einiges zu. Hoffnung lässt sich offenbar sogar in der Tendenz zur Stadtflucht oder der notgedrungenen Rückkehr vieler junger Leute an den elterlichen Herd entdecken.
Roth, der in den 1960er-Jahren ein wichtiger Protagonist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war und seither auf Seiten der antiautoritären Linken stand, lobt „Projekte der alternativen Ökonomie, die unter dem durch die Krise bewirkten Verarmungsdruck erheblich an Bedeutung gewinnen“, wie etwa Landbaukommunen und Pflegegemeinschaften.
Das Wahlbündnis Syriza kommt ganz gut weg, obwohl es sich abgesehen von wenigen Bewegungslinken im Wesentlichen aus Eurokommunisten und aus Abtrünnigen der Kommunistischen Partei (KKE) zusammensetzt, von denen einige immer noch autoritäre Politikvorstellungen hegen. Keine Gnade findet dagegen die „mangelnde Verankerung des Syriza-Wahlprogramms in einer dezidiert euro-sozialistischen Perspektive“.
Diese Perspektive, soll sie nämlich „glaubwürdig und erfolgversprechend“ sein, müsse, wie der Band schließt, „transnational, anti-etatistisch und basisdemokratisch orientiert sein“, damit „den Vordenkern und Akteuren der Austeritätsprogramme eine glaubwürdige Alternative“ entgegengesetzt werden kann.
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