Bündnisse im Hambacher Forst

Gemeinsam zum Erfolg

Für den Erhalt des Hambacher Forsts demonstriert ein breites AktivistInnen-Bündnis. NRW-Innenminister Reul kündigt den raschen Abzug der Polizei an.

Demonstranten vor einem Tagebaubagger

Die Rodung ist gestoppt, die Polizei zieht ab. Jetzt wird erstmal gefeiert! Foto: dpa

KÖLN taz | Auf der Bühne steht Antje Grothus und ruft ins Mikrophon. „Nie hätten wir Buirer für Buir uns in den letzten Jahren träumen lassen, dass es für den Erhalt unseres Waldes solche Massenproteste geben würde!“ Zehntausende Menschen jubeln und klatschen. “Ihr seid kritisch. Ihr seid engagiert. Ihr seid hier, und ihr seid wunderbar!“

Die Antwort der Menge schallt weit hinaus über den staubenden Acker eines Landwirts, der seinen Boden der Demo zur Verfügung gestellt hat. Die Sonne brennt an diesem Samstag in Nordrhein-Westfalen. Menschen halten ihre Plakate als Sonnenschutz über den Kopf. Auch Fahnen, Ballons und Rasseln schwenkt man zuhauf. Aber die spenden wenig Schatten. „Wir wollen heute feiern“, sagt eine Frau. „Auch wenn man noch nicht weiß, wie das genau ausgeht: Heute ist es einfach nur toll.“

Eigentlich wollte RWE den Hambacher Forst bald roden, um etwas mehr als die Hälfte der verbliebenen Fläche. Eigentlich hatte die Polizei Aachen diese Demo „Wald retten – Kohle stoppen“ verboten. Eigentlich: Dann kam alles anders. Zunächst gab das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster am Freitag bekannt, dass RWE nicht roden dürfe. Nicht, bis eine Klage des Bundes für Natur und Umweltschutz Deutschland (BUND) entschieden sei.

Am Nachmittag hob dann das Verwaltungsgericht Aachen das Demoverbot auf. Am Sonntag kündigte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) den Abzug der Polizei am Montagmorgen an. „Mit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster ist die Rodung des Hambacher Forstes mindestens für die kommenden zwei Jahre vom Tisch“, teilte er mit.

Laut Demo-Veranstaltern protestierten rund 50.000 Menschen am Samstag. Die Polizei spricht von mehreren zehntausend. Aus Sicht von RWE ist das alles wenig erfreulich. Nicht nur die Entscheidung des OVG Münster – nach deren Bekanntgabe die Aktie zwischenzeitlich um 8,5 Prozent absackte und der Konzern nach eigenen Angaben mit Einnahmeeinbußen in dreistelliger Millionenhöhe rechnet. Auch die Demo: So viele Menschen kommen an die Abbruchkante, dass man irgendwann sicherheitshalber einen der Braunkohlebagger abschaltet.

Die mit Abstand größte Demo

„Es ist mit Abstand die größte Demo, die das Rheinische Braunkohlerevier je gesehen hat“, sagt Dirk Jansen, der Geschäftsführer des BUND NRW, dessen im April eingereichte Klage das OVG jetzt bestätigt hat. Zur Demo aufgerufen hatten die Organisationen Greenpeace, BUND, Campact, Naturfreunde und Buirer für Buir. Andere Initiativen wie Ende Gelände, Aktion Unterholz und Attac schlossen sich an.

Antje Grothus, Buirer für Buir

Der Wald ist unser letzter Schutz vor dem Tagebau

BäuerInnen aus der Gegend fahren mit Traktoren vor, auf Schildern steht: „Bauern gegen Kohle“. Auch Parteien sind vertreten, aufgezählt nach Menge der Fahnen, die man sieht: die Grünen, die Linke, die Jusos (SPD), die ÖdP, Die Partei. Auf der Bühne spielt Revolverheld „Spinner“. Und zwischendurch und immer wieder ruft die Menge: „Ham-bi bleibt! Ham-bi bleibt!“

Aus der ganzen Bundesrepublik sind Menschen gekommen, aus Polen, Tschechien, Frankreich und den Niederlanden. Dabei geht es doch um einen Wald in NRW. Was hat so viele Menschen hierherbewegt? „Natürlich ist der alte Wald schützenswert“, sagt eine Demobesucherin. „Aber das hier ist auch eine symbolische Veranstaltung: Dafür, dass viele Menschen auf die Straße gehen, Demokratie leben, und ihren Mund aufmachen.“

„Kommt mit uns in den Wald!“

Auch für Antje Grothus von der Initiative Buirer für Buir ist das Anliegen greifbar. „Für uns AnwohnerInnen ist der Wald mehr als ein Symbol – er ist unser letzter Schutz vor dem dahinterliegenden Tagebau Hambach“, sagt sie auf der Bühne. Und sie kritisiert den zurückliegenden Großeinsatz. „Mit freundlicher Unterstützung der NRW-Landesregierung hat RWE hier unter Polizeischutz wochenlang Naturschutz, Artenschutz und Menschenrechte verletzt.“ Enttäuscht sei sie auch von der Bundesregierung. Wer Arbeitsplatzgarantien an Kohlebeschäftigte gebe, müsse Garantien auch an diejenigen aussprechen, die für ein „lebenswertes Zuhause“ kämpfen. „Seien Sie endlich das, wofür Sie gewählt wurden. Seien Sie die Lobby der BürgerInnen und nicht die der Konzerne!“

Sie meint damit auch Thomas Becker. Aus Essen ist er zur Demo gekommen. „Wir sind zum ersten Mal hier. Wir wollten den Hambacher Forst sehen. Deshalb gehen wir gleich hin.“ Die AktivistInnen von Ende Gelände und Aktion Unterholz schreiten voran, in drei Gruppen – sogenannten Fingern. „Wir sind Ende Gelände, wir sind Aktion Unterholz: Kommt mit uns in den Wald!“, rufen sie. Tausende ­schließen sich an. Im Wald hängen viele Hängematten auf, schaukeln ihre Kinder, legen sich für ein paar Minuten rein.

Von den AktivistInnen wollen einige bleiben. Denn die Besetzung und der Protest sollen weitergehen. An Seilen gesichert klettern sie die Bäume hoch, andere tragen Paletten und tote Stämme herbei – unter dem Jubel der Umstehenden und den kritischen Blicken auch einiger der PolizistInnen, die in den letzten Wochen in Zwölf-Stunden-Schichten eingesetzt wurden, um Menschen aus Baumhäusern zu räumen. Nach der Räumung soll ein neues Dorf entstehen. Der Name: „Krähennest“ heißen. Die Wiederbesetzung hat begonnen.

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Der Hambacher Forst ist umkämpft. RWE will ihn für den Abbau von Braunkohle abholzen. Aktivist*innen wollen das verhindern und haben ihn besetzt.

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