In Mannheim äußern die Bürger ihre Wünsche zu alten US-Militärflächen. Es wächst die Sorge, dass Großinvestoren in die Kasernen drängen.von Nadine Michel

Bald ein Bild der Vergangenheit: US-Soldaten in Kasernen in Heidelberg und Mannheim. Bild: dpa
MANNHEIM taz | Riesige Beton- und Grünflächen, darauf unzählige aneinandergereihte Kasernenblöcke und überdimensionierte Lagerhallen. Als Peter Kurz das zum ersten Mal sah, wusste er, dass er handeln muss. Obwohl er Mannheims Oberbürgermeister ist, kannte auch er lange die Ausmaße der Flächen in seiner Stadt nicht.
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Es sind die Kasernengebiete der US-Armee, die im baden-württembergischen Mannheim stationiert ist. Doch nur noch bis zum Jahr 2015. Dann will das Pentagon seine Truppen abziehen – und stellt Mannheim damit vor gigantische Herausforderungen.
Es geht um acht militärische Einzelstandorte, insgesamt eine Fläche von über 500 Hektar. Das sind mehr als 500 Fußballfelder. Was also mit den Flächen tun? Diese Frage wollte der Sozialdemokrat Kurz nicht ohne Einbeziehung seiner Bürger klären. Immerhin bestehe die Chance, „ein neues Leitbild der Stadt“ zu entwickeln, so Kurz. Das Problem aber: Die Flächen gehören gar nicht der Stadt. Und so bemüht sich ein Oberbürgermeister um Beteiligung und läuft gleichzeitig Gefahr, genau damit das Vertrauen in Beteiligungsprozesse zu enttäuschen.
Was da alles steht, sei der Wahnsinn, dachte Kurz beim ersten Geländebesuch. Eine Stadt in der Stadt. Auf den Grundstücken gibt es etwa große Sportplätze, eine Bowling-Anlage, ein Jugendzentrum, einen Supermarkt, sogar eine Militärkirche.
Was aus diesen Anlagen entstehen könnte, dafür kannte die Fantasie der Mannheimer keine Grenzen. Die Ideen reichten von Ponyhöfen über Solarparks und Legoland bis hin zu Wohnanlagen für Demenzkranke. Die Wirtschaft möchte gerne eine Ingenieursmeile aufbauen, der Musiker und berühmte Sohn der Stadt Xavier Naidoo einen Medienpark.
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Kurz beauftragte schließlich Konrad Hummel, sich um den Prozess zu kümmern. Der Sozialwissenschaftler war lange Sozialdezernent der Stadt Augsburg und danach für den Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung tätig. Und schon immer begleitete ihn das Thema Bürgerengagement.
In Mannheim hat er Bürger zu Moderatoren, sogenannten Zukunftslotsen, gemacht, die jeweils im Tandem mit einem Vertreter der Verwaltung zusammenarbeiten. Um alle Vorschläge zu erörtern und zu gewichten, veranstaltete Hummel Workshops. Er band Jugendliche ein, weil die heute entwickelten Ideen auch in 20 Jahren noch Sinn machen sollen.
Alles scheint wie im Lehrbuch über Bürgerbeteiligung abzulaufen. Inzwischen gibt es zehn konkrete Projekte, die weiter ausgearbeitet werden. Legoland und Ponyhöfe gehören nicht dazu, weiterverfolgt werden aber etwa die Ingenieursmeile und die Idee, die Bundesgartenschau nach Mannheim zu holen.
Doch nun steht die Stadt vor der nächsten Herausforderung. Die Grundstücke werden in die Hände der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) übergehen, die dem Finanzministerium unterstellt ist. Die Bima hat die Aufgabe, die Kassen des Bundes zu füllen. Werden sich letztlich also Investoren die Filetstücke herauspicken? „Baukonzerne, Investmentgesellschaften, Banken wären die Akteure, die Stadtbevölkerung die Zuschauer“, beschreibt Thomas Trüper, Stadtrat der Linkspartei, das Szenario.
Auch die Zukunftslotsen beschleichen diese Bedenken. In einem Gespräch mit dem Konversionsbeauftragten Hummel äußern die Bürger genau diese Sorgen, „dass am Ende doch der Großinvestor kommt“, sagt einer.
„Klar ist unsere Gestaltungsmöglichkeit größer, wenn die Gelände unser Eigentum sind, deshalb wollen wir sie ja auch nach Möglichkeit erwerben“, sagt OB Kurz. Doch schon jetzt sieht er die Stadt durchaus in einer guten Position. „Das Planungsrecht ist uns auf jeden Fall nicht zu nehmen.“ Darüber kann die Stadt die Art der Nutzung festlegen, also ob ein Gebiet etwa als Wohn- oder Gewerbefläche genutzt werden soll. Deshalb werde auch die Bima, so Kurz, bei Verhandlungen mit Dritten auf die Stadt verweisen.
Und letztlich sieht Kurz die Beteiligung auch als eine Art Lernprozess einer Stadtgesellschaft. Und dazu gehöre auch, nachzuvollziehen, „dass es am Ende vielleicht den einen oder anderen Abstrich geben muss“.
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