Die Kämpfe haben auch die östliche Provinz al-Hasaka erreicht. Ein Besuch bei Rebellen, die mit der Freien Syrischen Armee nichts zu tun haben wollen. von Nils Metzger

Die Provinz al-Hasaka. Hier befinden sich einige Ölquellen. Bild: Benjamin Hiller
Al-SCHADADI taz | Die Kommandozentren des syrischen Widerstandes sind unscheinbar. Einfache Wohnhäuser in ärmlichen Dörfern, versteckte Hinterzimmer in verschlafenen Seitenstraßen. Nach außen hin versucht die Freie Syrische Armee (FSA) professionell aufzutreten. Dabei hat ihr weitgehend in der Türkei stationiertes Oberkommando die Kontrolle über den Aufstand in vielen Landesteilen längst verloren. An seine Stelle sind informelle Netzwerke und Stammesverbände getreten, die das Land nach ihren mal islamistischen, mal säkularen Vorstellungen umgestalten.
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An einem Nachmittag im März versammeln sich in einem Wohnzimmer der ostsyrischen Kleinstadt al-Schadadi etwa ein Dutzend Männer; einige in Flecktarn, andere tragen die klassische arabische Dschellaba. Sie vertreten Rebelleneinheiten, Katibas, die dem syrischen Diktator Baschar al-Assad den Kampf angesagt haben. Die Gäste kommen aus allen Teilen der Ostprovinz al-Hasaka, die während der ersten anderthalb Jahren des Bürgerkriegs kaum für Schlagzeilen sorgte, nun aber Schauplatz heftiger Kämpfe ist.
„Unsere Heimat ist arm. Zwar liegen auch die Ölquellen in der Umgebung unserer Städte, verkaufen tun das Öl aber Unternehmer des Regimes aus Tartus und Damaskus“, beklagt sich Abu Dschihad. Der 48-Jährige frühere Mathematiklehrer schloss sich vor einem Dreivierteljahr dem Aufstand an und stieg schnell in eine führende Position auf. Jetzt räkelt sich Abu Dschihad auf einem Sitzkissen. Ihm gegenüber holt Sheikh Saif, Medienbeauftragter der mächtigen Al-Tauhid-Brigade, zu einer Rede gegen das Regime aus. Alle Männer im Raum sind seit Jahren befreundet und gehören zur „erweiterten Familie“, wie es Abu Dschihad formuliert. Akademisch gebildet und aus dem einfachen Bürgertum kommend, stellen sie in al-Hasaka die Elite des Aufstands.
„Es gibt keine Freie Syrische Armee. Jede Katiba hat ihre eigenen Ziele, eigene Finanzierung und eigene Organisation. Riad al-Asaad (Oberbefehlshaber der FSA, d. Red.) verfügt über niemanden von uns“, betont Sheikh Saif. Allein seine Al-Tauhid-Einheit, eine der größten in Syrien, umfasst rund 3.000 Kämpfer. Die anwesenden Kommandeure vereinen Hunderte weitere Kämpfer. Sie bilden ein Netzwerk im Verborgenen, planen Militärkampagnen nicht gemeinsam mit anderen Aufständischen, sondern orientieren sich an etablierten Machtstrukturen ihrer Heimatprovinz. Ihre Einheiten belagern gegenwärtig die vom Regime gehaltenen Städte Deir al-Sor und al-Hasaka.
Vor Kurzem schloss der Oberste Militärrat der FSA in der Grenzstadt Ras al-Ain mit kurdischen Milizen ein Friedensabkommen. Vorausgegangen waren heftige Kämpfe zwischen islamistischen FSA-Einheiten und kurdischen Verbänden. Von Anfang an hatte sich die FSA-Führung gegen einen Angriff auf die kurdisch geprägten Städte des Nordostens ausgesprochen, er erfolgte dennoch.
Unter den Rebellen in al-Schadadi stößt das Abkommen auf keine große Gegenliebe: „Die Kurden kämpfen auf der Seite des Regimes, sie sind alle Kämpfer der PKK“, behauptet Abu Hamza, dessen Katiba Ayad al-Fahri in Ras al-Ain und al-Hasaka Position bezogen hat. „Der Frieden in Ras al-Ain wird vermutlich nicht halten. Zuerst befreien wir Al-Hasaka-Stadt, dann Amuda, dann Qamischli.“ Nach Auskunft kurdischer Kommandeure bereiten sich in Qamischli gegenwärtig Hunderte kurdische Milizionäre auf einen möglichen Angriff der FSA vor.
Bislang betonte die FSA stets, Frieden mit den Kurden anzustreben. Das Stammestreffen erweckt einen anderen Eindruck. Sheikh Saif reicht seinen Laptop herum, auf dem er Dutzende Präsentationen und Statistiken abgespeichert hat: Bevölkerungsdiagramme und strategische Karten der Provinz, jede einzelne Ortschaft als arabisch oder kurdisch eingestuft. Es ist die Unterwerfung der syrischen Kurden, die an diesem Nachmittag geplant wird. Von zwei Seiten wolle man die größte kurdische Stadt al-Hasaka angreifen, viele der Dörfer im Umland wurden bereits erobert.
„Es wird Jahre dauern, bis wir Syrien wieder aufgebaut haben. Aber es wird stärker sein als zuvor“, ist sich Abu Dschihad sicher. Sheikh Saif wirbt für eine islamische Verfassung und sein persönliches Anliegen, die Dschabhat Islami, ein loses Bündnis islamistischer Gruppen, auszubauen. Abu Dschihad möchte wieder mehr Zeit mit seiner Familie – für mehr als Skype-Gespräche war zuletzt kaum Gelegenheit. Dann wird das Zimmer dunkel. Der Strom ist wieder einmal ausgefallen.
diese gruppen haben überhaupt kein interesse an einem neuen demokratischen syrien,in dem alle völker friedlich zusammenlebe ...
Wie zuvor andernorts waren die demokratischen, linken Bürgerrechtler, welche die Umbrüche angestoßen haben auch die ersten, ...
"Die Kommandozentren des syrischen Widerstandes sind unscheinbar. Einfache Wohnhäuser in ärmlichen Dörfern, versteckte Hint ...
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