CDU-Nordchef tritt wegen 16-jähriger zurück

Den Kopf verloren

Der CDU-Chef von Schleswig-Holstein, Christian von Boetticher, tritt zurück. Die Liebschaft mit einer Teenagerin konnte er seiner Partei nicht vermitteln. Obwohl sie schon vorbei ist.

Abschied unter Tränen: CDU-Nordchef Christian von Boetticher tritt zurück.  Bild: reuters

HAMBURG taz/dapd | Ein Dreivierteljahr vor der Landtagswahl ist Schleswig-Holsteins CDU ihr Spitzenkandidat abhanden gekommen. Partei- und Fraktionschef Christian von Boetticher trat am Sonntagabend auf einer Sondersitzung des CDU-Landesvorstandes in Kiel zurück. Grund dafür ist eine Beziehung des Christdemokraten mit einem minderjährigen Mädchen.

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Die Krisensitzung hatte von Boetticher selbst einberufen, weil er sich "mit Gerüchten und daraus resultierenden Wertungen konfrontiert sieht, die seine Privatsphäre berühren", teilte die CDU zur Begründung mit.

Nach mehr als zweieinhalbstündige Sitzung trat Christian von Boetticher vor die Presse. "Ja, es ist wahr, ich hatte mich im Frühjahr 2010 in eine junge Frau verliebt und bin mit ihr mehrere Monate zusammen gewesen", sagte der CDU-Politiker. Das Mädchen sei zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt gewesen. Er sprach von einer "ungewöhnlichen Liebe", die auch vom Umfeld akzeptiert worden sei.

Von Boetticher wurde am 24. Dezember 1970 in Hannover geboren, lebte danach in Pinneberg und machte dort 1990 das Abitur.

Berufliches: Er ist bei der Luftwaffe Oberleutnant der Reserve. Nach dem Jura-Studium in Kiel und Hamburg und der Promotion 2001 arbeitete von Boetticher als Rechtsanwalt in einer Pinneberger Kanzlei.

Politisches: 2005 wurde er Minister für Landwirtschaft und Umwelt, seit Mai 2010 ist er Fraktionsvorsitzender der CDU im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Seit dem 18. September 2010 ist er CDU-Landesvorsitzender, am 6. Mai 2011 wurde er zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 6. Mai 2012 gewählt.

Prekäres: Er ist Alter Herr der schlagenden Studentenverbindung "Landsmannschaft Slesvico-Holsatia v. m. L! Cheruscia zu Kiel".

Boetticher räumte ein, dass eine solche Beziehung, obwohl sie rechtlich legal sei, bei vielen Menschen auf moralische Vorbehalte stoße. "Es war schlichtweg Liebe", sagte der 40-Jährige. Er habe keinen privaten, wohl aber den politischen Fehler gemacht, die Bedeutung einer solchen Beziehung für eine etwaige Spitzenkandidatur nicht bedacht zu haben, sagte er unter Tränen.

"Richtige Schlüsse ziehen"

Bereits vorab hatte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) vielsagend gegenüber der Zeitung Schleswig-Holstein am Sonntag erklärt, "ich gehe davon aus, dass er die richtigen Schlüsse zieht".

Carstensen will Anfang Juli von "Gerüchten" über diese Beziehung gehört und mit seinem Kronprinzen darüber gesprochen haben: "Ich habe auf die Brisanz hingewiesen und ihm empfohlen, sehr offen und offensiv mit diesen Gerüchten umzugehen", sagte Carstensen. Diesen Rat seines Ziehvaters jedoch befolgte von Boetticher offensichtlich nicht – erst jetzt, mit mehr als einem Monat Verspätung, reagierte er. Offensichtlich zu spät.

Im Mai 2010 hat von Boetticher offenbar die Beziehung zu dem Mädchen beendet, als seine Nominierung zum Spitzenkandidaten der CDU für die Landtagswahl im kommenden Jahr absehbar wurde. Da Ministerpräsident Carstensen signalisiert hatte, 2012 nicht erneut zu kandidieren, lief die Spitzenkandidatur auf seinen Kronprinzen von Boetticher hinaus – damals schon Partei- und Fraktionsvorsitzender.

Ihm sei damals klar gewesen, so werden Vertraute von Boetticher zitiert, dass seine Beziehung mit dem Teenager über kurz oder lang bekannt und vor allem in weiten Teilen von Partei und Öffentlichkeit nicht akzeptiert werden würde. Deshalb soll er die Liaison beendet haben.

Rechtlich ist eine freiwillige und einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen einem 16jährigen Mädchen und einem 39jährigen Mann nicht zu beanstanden. Carstensen wurde am Sonntag auf NDR 1 Welle Nord jedoch mit den Worten zitiert, die Affäre habe "nicht nur eine juristische Seite". Es gebe auch "moralische Anforderungen" zu beachten.

Politische Beobachter in Kiel werten dies als Hinweis darauf, dass von Boetticher sich bei seinem Gespräch mit Carstensen vor etwa fünf Wochen auf eine formalrechtliche Argumentation zurückgezogen hatte.

Wenig beliebter Kronprinz

Kronprinz von Boetticher ist in der CDU nie sonderlich beliebt gewesen. Einflussreiche Christdemokraten sahen in ihm durchaus nicht den aussichtsreichsten CDU-Kandidaten für die Wahl am 6. Mai nächsten Jahres. Seit er allerdings von Carstensen vorgeschlagen wurde, war sein Aufstieg nicht aufzuhalten. Bei seiner Kür auf dem CDU-Parteitag in Norderstedt am 6. Mai erhielt er mit 87 Prozent ein gutes, wenngleich nicht überragendes Ergebnis.

Nach Christian von Boettichers Rücktritt muss die CDU nun ihre gesamte Führung neu aufstellen. Als Spitzenkandidat dürfte zuerst Wirtschaftsminister Jost de Jager ins Gespräch kommen, der bislang von Boetticher den Vortritt lassen musste.

Sehr gute Chancen dürfte aber, wenngleich mit von Boetticher befreundet, der smarte Pinneberger Ole Schröder haben: Der 39jährige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium dürfte als Gatte von Familienministerin Kristina Schröder und Vater der gemeinsamen Tochter das christdemokratische Familienbild glanzvoll repräsentieren.

 

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