In der Linse gibt es Zoff: Der Träger des Jugendzentrums in Lichtenberg will das Konzept erneuern. Nutzer fürchten die Kontrolle von oben.von Felix Austen

Fürs unbeschwerte Kickern - den Sportklassiker in jedem Jugendzentrum - haben die Lichtenberger gerade keinen Nerv. Bild: ap
Sein neuer Job ist für Olaf Driedger ein Drahtseilakt: Seit vier Wochen leitet er das Jugendkulturzentrum namens Linse in Lichtenberg. Verliert er das Gleichgewicht, droht er zwischen den Fronten zerrieben zu werden. Auf der einen Seite steht der Libero e. V., ein Verein junger Leute, die in der Linse seit Jahren helfen, die Proberäume zu organisieren, Workshops zu veranstalten, Partys zu planen – sprich, die den Laden am Laufen halten. Mit ihnen hat Driedger jeden Tag zu tun, von der Kooperation mit ihnen hängt die Qualität der Jugendarbeit ab. Andererseits darf er es sich nicht mit seinem Arbeitgeber verscherzen, der Sozialdiakonischen Jugendarbeit Lichtenberg (SozDia). Der Verein der evangelischen Kirche ist der Träger der Linse.
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Am Dienstagabend sitzt Olaf Driedger im Jugendklub zwischen 30 Leuten, die meisten von ihnen „Liberos“, viele in dunkler Punk- und Metalkleidung, auf den Tischen Bier und Mate. Besprochen werden sollen Feste, Raumbelegungen, Organisatorisches. Driedger schaltet sich nur selten ein: „Ich bin neu hier, ich beobachte erst noch alles.“
Immer wieder dringt an diesem Abend das Thema durch, das den Anwesenden auf den Nägeln brennt: „Die SozDia hat den langjährigen Leiter der Linse gefeuert und eine andere Mitarbeiterin zwangsversetzt“, beklagt Tobias Krüger von Libero, „ohne die beiden läuft hier erst mal gar nichts.“ Driedger, der den Posten des Gefeuerten übernommen hat, hört aufmerksam zu. – „Die Jugendlichen und Libero fordern Mitsprache bei Budgetfragen und anderen Entscheidungen wie bisher auch“, so Tobias Krüger weiter. Das aber verweigere die SozDia, sie biete nur Scheinpartizipation. „Damit zerstört die SozDia über Jahrzehnte gewachsene Strukturen.“
Michael Heinisch, Geschäftsführer der SozDia und Driedgers Arbeitgeber, sieht die Dinge naturgemäß anders: „Wir haben einen Leistungsvertrag mit dem Bezirk, den müssen wir erfüllen.“ Und im Plan stehe, dass die Zielgruppe des Jugendklubs die 14- bis 21-Jährigen seien. „Von denen gibt es kaum welche in der Linse.“ Er schätze die Arbeit der Liberos sehr und habe ihnen ehrenamtliche Mitarbeit angeboten. „Nur als Jugendliche können sie nicht mehr dort sein, dafür sind sie jetzt zu alt.“ Von Rausschmiss des Personals könne keine Rede sein: „Der ehemalige Leiter wollte sich unserem Qualitätsentwicklungsprozess nicht stellen, einer weiteren Mitarbeiterin hat die Vision gefehlt, neue Jugendliche für den Klub zu begeistern, und sie ist freiwillig gegangen.“
Die Liberos finden deutlichere Worte: „Der Träger hat uns vermittelt, dass er unsere Jugendarbeit für Schrott hält“, regt sich einer auf. „Dass die SozDia so tut, als seien wir ein Haufen Etablierter, die keine Entwicklung zulassen, ist ein Tritt in den Arsch.“
Als Driedger den nächsten Punkt angeht, die Suche nach jungen Freiwilligen für ein neues Klubgremium, stellt sich heraus: Nur sechs der 30 sind jünger als 21. Die Zielgruppe ist also kaum vertreten. „Es ist eine schwierige Situation. Wir müssen im Gespräch bleiben“, sagt der Leiter des Jugendzentrums und seufzt. „Dann können wir die Chance, die die Linse ist, nutzen.“ Stabil ist das Gleichgewicht jedenfalls nicht.
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Leserkommentare
21.02.2013 17:37 | julia dietz
hallo TAZ, ...
19.02.2013 09:42 | Julia
Wow, wie Heinisch die Relaität verdreht. Freiwillig gegangen...interessante Interpretation. ...
17.02.2013 19:13 | Hans-Hermann
Nun ja, Herr Heinisch. Man sollte sich klar sein, dass er nicht nur Geschäftsführer der SozDia ist, sondern auch für die Gr ...