DIE WAHRHEIT

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... : Hess, Hess, Hess: Manchmal ist man sich selbst ein Rätsel.

Manchmal ist man sich selbst ein Rätsel. Obwohl mich die klassisch-schlumperige Öko-Ästhetik nie angesprochen hat, überrasche ich mich doch immer wieder dabei, in Katalogen irgendwelcher Ökoversandhäuser zu blättern und den Erwerb von dort angebotenen Kleidungsstücken zumindest in Erwägung zu ziehen. Kurios.

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Wobei man dabei auch Interessantes lernen kann. Zum Beispiel, dass der amorphe Old-School-Öko-Style gar nicht so schlimm ist – jedenfalls im Vergleich zum halbanthroposophischen spießigen Öko-Business-Schick des gutverdienenden Mittelschichtsakademikers, wie ihn zum Beispiel „Hessnatur“ anbietet. Da möchte man glatt zum Naturismus konvertieren.

Besonders widerlich ist die gefakte „Natürlichkeit“ der Models in diesen Katalogen. Vor allem die Damen sehen einen wohlkalkulierten Tick unfrisierter und weniger geschminkt aus, dabei aber immer porentief rein, mit glänzenden Bäckchen und gern auch mal mit bio-keltisch rotem Haupthaar. Nur alt dürfen die weiblichen Models auch hier nicht sein. Bei den Herren ist das, wie überall, anders, hier mogelt „Hessnatur“ auch mal einen Silberrücken unter die juvenilen Naturburschen. Wobei der alte Sack genauso aussieht wie die Jungen, nur eben mit grauem, aber dennoch vollem Haar.

Ganz anders bei meinem Lieblingsökoversand, der Schäfereigenossenschaft „Finkhof“ aus dem Allgäu, Ende der Siebzigerjahre als Aussteigerkommune und Wohngemeinschaft von Mensch und Schaf gegründet. Und obwohl das Projekt inzwischen ein florierendes Unternehmen ist, werden immer noch die alten Werte hochgehalten, zumindest ästhetisch, vermutlich auch sonst. Die Kleidung wird im Katalog größtenteils von auf dem Hof arbeitenden Menschen präsentiert, der Rest der „Models“ scheinen dazu engagierte Zufallsbekanntschaften zu sein. Von Frisuren im herkömmlichen Sinn kann hier nicht gesprochen werden, den Menschen wachsen eben Haare aus dem Kopf – oder auch nicht mehr. Bei der Woll-Unterwäsche-Präsentation fasziniert die vollkommene Abwesenheit von jeglicher Erotik. Dafür aber wird viel gelächelt auf den Fotos – und zwar das bekannte amateurhafte „Huch, ich werde ja fotografiert“-Lächeln. Auch Falten, graue Haare, Bauchansätze und sogar einen Schnauzbart gibt es.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch beim „Finkhof“ nur selten etwas bestelle, weil die Einsatzgebiete für diese Art der Mode außerhalb des Allgäus doch etwas begrenzt sind. Wobei mir eine Ausnahme einfällt: Vor Jahren erwarb ich dort eine Schaffellweste, die so großartig warm ist, dass sie ruhig scheiße aussehen darf. Egal ob unter einem dünnen Jöppchen oder zur Erwärmung meines verspannten Rückens – diese Weste ist unschlagbar.

Als sie mir einmal abhandenkam, bestellte ich eine neue, die just ankam, als Freunde mit ihrem Border Collie zu Besuch waren. Die neue Weste stank so unglaublich nach Schaf, dass der Hütehund mich erst verstört anbellte und dann versuchte, mich ins Badezimmer zu treiben. Ich vermute, zum Scheren …

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