DIE WAHRHEIT

Die kalte Prozession

Insektöses Berlin: Die Hauptstadt der Spinner und Spanner.

Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Krähen, sondern auch die der Spinner und Spanner. Die Schlimmsten unter ihnen sind die Eichenprozessionsspinner, eine religiös verblendete Insekten-Sekte, deren seltsame sechzehnbeinige Raupen die Große Eiche erst anbeten und dann auffressen. Sie ziehen in nächtlichen Prozessionszügen zu ihrem rituellen Nachtmahl, bei dem es traditionell Eichenprozessionsspinner an Eichenlaub gibt.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Die Heerzüge der fanatischen Pilgerraupen können mehrere hundert Meter lang sein, dabei halten die geselligen Tiere stets Körperkontakt wie unsereins bei der Polonaise Blankenese. Ein Spinnfaden, der von jeder einzelnen Raupe gezogen wird, sorgt für den Richtungsweisenden religiösen roten Faden. Eifern und Geifern könnte man dieses Gebaren nennen.

Dabei kann jedes Tier die Spitze übernehmen, ein merkwürdig demokratischer Zug der Verblendeten. Und wehe dem ungläubigen Zeugen, der dem nächtlichen Geisterzug zu nahe kommt, es wird sein ein juckendes Nesseln, für und für! Ach, wären doch die Spinnfäden so segensreich wie die des nahen Verwandten, des Maulbeerseidenspinners, der dem Menschen schon 600 Jahre vor Abraham feinste Seidenstoffe schenkte!

Doch die härenen Gewänder der unheimlichen Pilger auf ihrem Eichenprozessionszuge verbreiten eine unsichtbare Wolke von mikroskopisch kleinen Brennhaaren, Naturasbestfasern vom Feinsten! Sie setzen sich auf der Haut, im Haar und in der Kleidung fest und piesacken den Unvorsichtigen noch jahrelang.

Dem bedauernswerten Waldarbeiter, der diesen Teufelszug bekämpfen soll, empfiehlt der gute alte Meyer in seinem Konversationslexikon von 1876, den Körper mit Fett einzureiben. Unaufhaltsam peitscht sich der haarige Geißlerzug des Prozessionsspinners die nächste heilige Eiche hoch, um dort über das Blattwerk herzufallen, dass selbst Agent Orange blass würde!

Kann denn niemand den tödlichen Zug aufhalten, wird die Deutsche Hauptstadt bald eichenfrei sein, verbuschen und versteppen? Der Mensch sprüht hektisch Biozide, sammelt angewidert im hermetisch verschlossenen Schutzanzug die nesselnden, kindkopfgroßen Gespinstnester aus den Bäumen und schwitzt dabei unmäßig. Und was das alles kostet!

Und die Natur selbst, sieht sie dem unmäßigen Treiben des Eichenprozessionsspinners etwa untätig zu? Im Grunde leider ja. Nur Freund Kuckuck verzehrt die Plagegeister, aber er ist gerade selber am Aussterben, da er gewohnheitsmäßig zu spät aus dem Süden kommt und alle fleißigen Singvögel schon längst mit Brüten fertig sind.

Wie immer muss der Mensch alles selber machen. Da sollte der berühmte Versuch von J. H. Fabre doch weiterhelfen. Der ließ einen Zug von Pinienprozessionsspinnern auf dem Rand einer Blumenvase laufen und schloss den Kreis, indem er das vorderste Tier zu dem letzten aufschließen ließ. Die tolle Truppe lief daraufhin eine Woche lang im Kreis und fraß dabei kein Blatt!

Lasst uns also alle Raupenprozessionen im Kreis laufen. Dazu brauchen wir speziell ausgebildete Insektenbeauftragte, die zur aufpeitschenden Musik von Polonaise Blankenese die Spitzenraupe mit einem Harkenstiel an die Prozessions-Abschlussraupe schubsen, und fertig ist der unendliche Kreisverkehr!

So läuft sich die Raupenplage von selbst tot, die Eichen blühen und gedeihen wieder und jeder kann die heiligen Eichen der Hauptstadt umarmen, ohne Pusteln und Hautausschlag zu bekommen!

Die Wahrheit auf taz.de

 
12. 09. 2012

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Geben Sie Ihren Kommentar hier ein