DIE WAHRHEIT

Tnks 4 ur mes

Handys sind nicht von Grund auf böse. Man kann mit ihnen telefonieren. Das sollte reichen. Warum hat man sie aber in die Lage versetzt, auch Textnachrichten zu verschicken?

Handys sind nicht von Grund auf böse. Man kann mit ihnen telefonieren. Das sollte reichen. Warum hat man sie aber in die Lage versetzt, auch Textnachrichten zu verschicken? Das ist eine überflüssige Erfindung. Während ich mir Mühe gebe, meine Sätze auch bei solchen Textnachrichten auszuformulieren, auf Groß- und Kleinschreibung sowie auf die Satzzeichen achte, hat sich hinter meinem Rücken eine SMS-Sprache entwickelt, die nur aus Satzbruchstücken besteht und ohne sonderlich viele Buchstaben auskommt. Satzzeichen kommen darin überhaupt nicht vor.

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Diese Rudimentärsprache beschränkt sich nicht auf Jugendliche. Noirín ist Mitte sechzig. Wir wollen zusammen einen Katalog für die Ausstellung eines befreundeten Künstlers entwerfen, der Erlös soll einem guten Zweck zugeführt werden. Ich hinterließ Noirín eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter, was meine Geduld auf eine harte Probe stellte. Zwar war die Ansage nur kurz, aber dann lief geschlagene drei Minuten lang eine grauenhafte Musik, bis man endlich seine Nachricht aufs Band sprechen durfte. Oder auf was auch immer solche Nachrichten heutzutage gespeichert werden.

Kurz darauf bekam ich eine Textnachricht von ihr: „Tnks 4 ur mes.“ Wenn man es laut vor sich hin liest, kommt man auf „Thanks for your message“. Glatte zehn Buchstaben gespart, also die Hälfte, macht mindestens zehn Sekunden. Dass ich dafür doppelt so lange brauchte, bis mir der Sinn der SMS klar wurde, spielt keine Rolle.

Die nächste Textnachricht als Antwort auf meinen Terminvorschlag war eine größere Herausforderung: „Thas bril wat t suit u 2 com ovr 2 us tnks x n.“ Auf deutsch: „Das ist großartig. Um welche Zeit passt es dir, zu uns zu kommen?“ Wer das Wort „to“ durch die Ziffer 2 ersetzt, spart gar nichts: Bei Smartphones muss man vom Buchstabenfeld aufs Zahlenfeld umschalten, bei älteren Handys muss man viermal auf die Taste tippen, denn zuerst kommen die Buchstaben d, e und f.

Ich wollte mich rächen und tippte willkürliche Buchstaben ins Handy: „Tg hjk cfsa u lp 2. Ok?“ Die Antwort kam postwendend: „Yep thas grt x n.“ Herrje, was hatte ich ihr bloß vorgeschlagen, dass sie meine kryptische Nachricht mit „großartig“ erwidert und mir am Ende ein Küsschen („x“) dranhängt? Fehlte nur noch ein Grinsesymbol: :) Smilies sind genauso bescheuert.

Wer seine Textnachrichten mit gelben Kugeln garniert, die den Gemütszustand verraten sollen, hat nicht alle Tassen im Schrank. Neulich bekam ich die Nachricht eines erbosten Lesers, der sich heftig über ein Buch von mir beschwerte und ankündigte, es im Winter verheizen zu wollen. An den Schluss der Nachricht hängte er eine böse dreinblickende wutviolette Kugel und entlarvte sich damit als Klotzkopf.

Man mag mich für altmodisch halten, aber ich hege auch aus Eigeninteresse eine Abneigung gegen Wortverstümmelungen: Wenn sich diese Art der Kommunikation bei Zeitungen durchsetzt, bedeutet das eine Kürzung des Zeilenhonorars um rund 50 Prozent. IHA! :(

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17. 09. 2012

Geboren im April 1954 in Berlin. Im Alter von drei Jahren in der Lage, zu telefonieren, um notfalls Hilfe rufen zu können, wenn die Eltern abends ausgingen. Mit 14 Torschützenkönig der Schulmannschaft im Fußball (mit einem Tor ? es war das einzige in der gesamten Saison, brachte aber einen Sieg ein). 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren.“ und „Der gläserne Trinker“ (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch),

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