DIE WAHRHEIT

Die verlogene Krähe

Am Anfang war noch nichts Außergewöhnliches zu bemerken. Ich saß auf einem dicken Ast in einem Baum und aß aus einer Tüte Kartoffelchips.

Am Anfang war noch nichts Außergewöhnliches zu bemerken. Ich saß auf einem dicken Ast in einem Baum und aß aus einer Tüte Kartoffelchips. Unter mir, auf dem Boden, hockte ein jaulender Hund, den ich ab und an mit Chips bewarf, was ihn nur noch lauter aufjaulen ließ.

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Einen Ast über mir saß eine Krähe, die meine Wurfaktionen stets mit Kommentaren wie: „Extrem schlecht geworfen“ oder „Mann, Mann, Mann“ begleitete und mich ihrerseits mit Kirschkernen, von denen sie einen unendlichen Vorrat zu haben schien, bespuckte. Um mich mit ihr zu verbünden und um nicht weiter bespuckt zu werden hielt ich ihr am ausgestreckten Arm einen Kartoffelchip hin.

„Krähen essen keine Kartoffelchips“, sagte die Krähe. Das machte mich stutzig, hatte ich doch schon mit eigenen Augen gesehen, wie eine Krähe an einer weggeworfenen Chipstüte zugange war.

Um abermals den Hund zu bewerfen, der sich jetzt wie ein tollwütiger Berserker gebärdete und mit wütendem Zähnefletschen immer im Kreis um den Baum raste, musste ich die Krähe für einen Moment aus den Augen lassen. Kaum hatte ich das getan, hüpfte sie auch schon neben mich auf meinen Ast, wo sie sich in ein eineinhalb Meter großes, bärtiges, zerlumptes Kalb verwandelte, das nach meiner Chipstüte griff und mir eindringlich zuflüsterte, in unserem Baum weiter oben gäbe es noch zwei Donkosaken, die zu späterer Stunde Oboe spielen wollten. Die müsse ich unbedingt finden und ihnen sagen, dass sie auf keinen Fall Oboe, sondern Trompete spielen sollten, sonst geschehe ein Unglück. Es selbst, das Kalb, wolle derweil sowohl meine Chipstüte als auch den wütenden Hund im Auge behalten. Mit diesen Worten drückte es mir einen Sack in die Hand.

Ich war misstrauisch und verwirrt, sah aber keine andere Möglichkeit, als mich auf die Suche nach den musikalischen Donkosaken zu machen und den Baum weiter hochzuklettern. Die Baumkrone wurde mehr und mehr zu einem labyrinthischen Geflecht hell erleuchteter Gänge. Etliche herumhetzende Menschen trugen alle Abendgarderobe und hatten Champagnergläser in den Händen. Alle schienen auf der hektischen Suche nach irgendetwas zu sein.

Es gelang mir, eine Frau in einem langen blauen Paillettenkleid und mit einem großen Federhut auf dem Kopf anzuhalten und sie nach den beiden Donkosaken zu fragen. Sie lächelte sphynxenhaft und sagte mit einem seltsamen Blick auf den Sack in meiner Hand: „Hier hat es schon seit 1483 keine Donkosaken mehr gegeben. Aber Sie sind nicht die Erste, die auf das Kalb und den Hund hereingefallen ist.“

Ich wurde plötzlich furchtbar wütend, weil die ganze Geschichte offensichtlich nur ein abgekartetes Spiel war, um mich um meine Chipstüte zu bringen. Und gleichzeitig fühlte ich mich von einem Kalb und einem Hund bis auf die Knochen gedemütigt.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich durchaus schon mit angenehmeren Gefühlen des Morgens erwacht bin.

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19. 09. 2012

Jahrgang 1966, studierte Germanistik, Geschichte und Politik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Neben dem Studium jobbte sie in verschiedenen Bereichen am Wolfgang Borchert Theater und war Mitarbeiterin des legendären Fanzines Luke & Trooke. Von 2000 bis 2013 war sie Wahrheit-Redakteurin. Dort schrieb sie 95,73% der Kurzgeschichten im Wetterkasten.

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