DIE WAHRHEIT

In Nervosistan

Im Jahr des Drachen: Wie ist eigentlich so die Stimmung momentan in China, angesichts diverser Vorkommnisse in letzter Zeit ...

Wie ist eigentlich so die Stimmung momentan in China, angesichts diverser Vorkommnisse in letzter Zeit und anlässlich des bevorstehenden 18. Parteitags? „Vor dem Parteitag der KP wächst die Nervosität“ (11. 9. 2012), meldet Spiegel Online, genauso wie die FAZ: „Nervosität vor dem großen Stühlerücken.“ (4. 7. 2012). Aha. Soso.

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Aber, Moment mal, nervös war die chinesische Führung doch schon im Frühjahr? „Die KP ist nervös, das Machtgefüge schwankt.“ (SPON, 4. 5. 2012) Und wie war das im letzten Jahr? „Die derzeitige kommunistische Führung unter Hu Jintao ist sehr nervös und ängstlich“ („China-Experte“ Hendrik Bork im Schweizer Tages-Anzeiger, 22. 2. 2011).

Wann hat denn dieses Nervenleiden der chinesischen Führung begonnen? Hundertpro weiß man es nicht, aber vielleicht war es im Dezember 1978. Damals gab es jedoch Aussicht auf Besserung: „Funktionäre in Peking reagieren noch nervös“, schrieb Der Spiegel, „wenn Chinesen Verfassungsrechte ausüben wollen.“ Trotz des „noch“ wurden dann „Chinas Führung“, „die Staatsspitze in Peking“, „Pekings KP“, „die Herrschenden“, „das Regime“ oder einfach nur „Peking“ nicht entspannter.

Im April 1989 reagiert „die KP „nervös auf Kritiker“ (Spiegel, 10. 4. 1989), 1996 ist die „KP-Führung“ bereits „äußerst nervös“ (Spiegel, 4. 3. 1996), und 2001 sind „die Chinesen“ nicht nur „besonders nervös“, jetzt „liegen in China offenbar die Nerven blank“ (Spiegel, 15. 10. 2001).

Weiter ging’s auf allen Kanälen. Im März 2009 lautet die scharfe Analyse des Chefs der Konrad-Adenauer-Stiftung in Peking: „Die Führung ist nervös.“ Im November 2010 weiß es auch Ai Weiwei: „Die Regierung ist sehr nervös – ich denke, sie sind zu nervös.“ (tagesschau.de, 5. 11. 2010) Und im Frühjahr des nächsten Jahres pflichtet selbst die Website der Internationalen Kommunistischen Strömung bei: „Die Regierung ist extrem nervös wegen weiteren Äußerungen von Unzufriedenheit.“ (8. 3. 2011)

Sogar „hypernervös“ sind die chinesischen „Sicherheitsbehörden“ im Oktober 2011, jedenfalls nach Überzeugung der österreichischen Presse. Nur der Berliner Tagesspiegel hat den Schuss noch nicht gehört: „China wird nervös“, lautet dort eine Überschrift am 7. Mai 2012. Wird? Nach mehr als dreißig Jahren Nervositätsmeldungen in den deutschen Medien muss die chinesische Führung doch längst mit den Nerven am Ende sein, vor Angst und Unsicherheit vollkommen ballaballa.

Dabei weiß das natürlich keiner der Berichterstatter so präzise. Auf die Disposition wird lediglich aufgrund von Indizien geschlossen. Mag also sein, dass die chinesische Führung überhaupt nie nervös war oder ist, sondern in aller Ruhe und nach zwei Tassen Tee immer genau das unternimmt, was man so tut, um an der Macht zu bleiben.

Sicher bin ich mir aber auch nicht, schließlich habe ich noch nie mit jemandem aus der chinesischen Führungsspitze gesprochen. Aber ich brauche jetzt sofort eine schöne Xanax. Das Schreiben dieser Kolumne hat mich ganz rappelig gemacht.

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