DIE WAHRHEIT

Flaschenhälse und Exkremente

England gehört nicht zu den beliebtesten Reisezielen für einen Strandurlaub. Diese banale Feststellung hat die Verwaltungsbeamten der Seebäder auf die Palme gebracht, versuchen sie doch ebenso verzweifelt wie vergeblich, Ausländer an ihre Strände zu locken, um der Rezession ein Schnippchen zu schlagen. Immerhin verfügt Großbritannien über 20.000 Kilometer Küste – mehr als sechsmal so viel wie Spanien. Doch nun sagte Sandie Dawe, die Geschäftsführerin von „Visit Britain“, das für die Vermarktung Großbritanniens im Ausland zuständig ist, dass lediglich Einheimische an Englands Stränden herumliegen.

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Dabei ist der Brite an sich gar nicht strandtauglich. Man erkennt ihn schon von Weitem an der hummerfarbenen Haut: Neun Millionen Briten holen sich jedes Mal einen Sonnenbrand, wenn sie ins Ausland fahren.

Offenbar sind die Rothäute auch nicht lernfähig. Hauptursache für den Sonnenbrand, so haben Wissenschaftler herausgefunden, ist die Tatsache, dass die Briten am Strand einschlafen – vermutlich voll des warmen Bieres. Ihre Schläfrigkeit ist auch schuld daran, dass ihnen die Deutschen stets die Liegestühle wegschnappen. Während Briten nachts im Durchschnitt 7 Stunden und 21 Minuten schlafen, kommen Deutsche mit 8 Minuten weniger aus. Das reicht, um mit einem Handtuch die Liegestühle für sich zu reklamieren.

Dawe erwartet 4 Millionen zusätzliche Touristen für die Olympischen Spiele in London, die nächstes Wochenende beginnen. Die Leute kommen aber wegen des Sports und der englischen Kultur, meint Dawe. Es herrsche eine große Diskrepanz zwischen der Attraktivität Großbritanniens im Ausland und dem, was die Briten für einen gelungenen Urlaub halten – nämlich Alkohol in glühender Sonne am Strand.

Die britischen Köter fühlen sich am Strand ebenfalls pudelwohl. Die Marine Conservation Society lobte die britischen Hundebesitzer neulich für ihre Weitsicht: Die meisten haben Plastiktüten dabei, um die Hundekacke einzusammeln. Die schlechte Nachricht: Sie lassen die vollen Plastiktüten am Strand liegen, wodurch die Exkremente über viele Jahre konserviert werden. Während der normale Müll an britischen Stränden im vorigen Jahr um 11 Prozent zurückgegangen ist, haben die Kacktüten um denselben Prozentsatz zugenommen.

Britanniens Strände sind durch Winston Churchills „Wir werden auf den Stränden kämpfen“-Rede in die Geschichte eingegangen. Der Premierminister sagte am 4. Juni 1940 vor dem Londoner Unterhaus angesichts der drohenden Nazi-Invasion: „Wir werden auf den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsabschnitten kämpfen, wir werden auf den Feldern und auf den Straßen kämpfen, wir werden in den Hügeln kämpfen. Wir werden uns nie ergeben.“ Danach soll er einem Abgeordneten zugeflüstert haben: „Und wir werden sie mit den abgebrochenen Hälsen von Bierflaschen bekämpfen, denn das ist alles, was wir haben.“ Man findet heute noch genügend davon am Strand. Wie die Hundekacke.

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23. 07. 2012

Geboren im April 1954 in Berlin. Im Alter von drei Jahren in der Lage, zu telefonieren, um notfalls Hilfe rufen zu können, wenn die Eltern abends ausgingen. Mit 14 Torschützenkönig der Schulmannschaft im Fußball (mit einem Tor ? es war das einzige in der gesamten Saison, brachte aber einen Sieg ein). 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren.“ und „Der gläserne Trinker“ (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch),

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