DIE WAHRHEIT

Verräterisch trockene Hose

Schwabinger Krawall: Seit zwei Wochen packt Herr Hammler jeden Vormittag eine kleine Tasche und verlässt ohne weitere Erklärungen die eheliche Wohnung.

Seit zwei Wochen packt Herr Hammler jeden Vormittag eine kleine Tasche und verlässt ohne weitere Erklärungen die eheliche Wohnung. Frau Hammler ist mäßig besorgt; schließlich kann ein Mann von sechzig Jahren auf sich selbst aufpassen, und so ist ihr die seltsame neue Gewohnheit eigentlich ganz recht. Bloß seltsam ist sie eben auch.

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„Wo kommst du denn her?“, fragt sie ihren heimkehrenden Gemahl daher am Freitagabend. Das seien ja ganz neue Töne, sagt er, stellt seine Tasche unwirsch ab, erklärt dann aber ohne weiteres Nachfragen: „vom Schwimmen“. Schließlich müsse ein Mann in seinen Jahren etwas für die Gesundheit tun und sich bewegen, „zum Ausgleich“, deshalb sei er den Eisbach hinauf- und hinabgeschwommen, und zwar den ganzen und zwar mehrmals.

Da wird Frau Hammler erst recht stutzig. Am Eisbach sei sie seinerzeit auch gewesen, aber hinaufschwimmen könne den höchstens ein Fisch oder unter Umständen ein Olympiasieger, das Hinabschwimmen sei hingegen mehr ein Treiben und so gesund auch wieder nicht, wegen Glasscherben und Polybakterien. Und als sie in der Tasche ihres Mannes zwar eine Badehose, aber eine trockene, und ein Fernglas findet, ist sie vollends aus dem Häuschen.

Ob er am Ende da hingehe, um nackte Frauen anzuschauen, schreit sie; das sei ja der Gipfel. „Nie im Leben“, sagt ihr Mann, Frauen seien ihm von Haus aus wurst, und außerdem gebe es da gar nichts zu sehen, wie sie der Zeitung entnehmen könne, die er ihr triumphierend hinhält: „Zu wenig Nackte im Englischen Garten!“, steht da in dicken Lettern. Dies, so der weitere Wortlaut, habe jemand vom Fremdenverkehr vermeldet.

Das beruhigt Frau Hammler nicht; sie verlangt zu erfahren, wieso er mit trockener Hose vom Schwimmen zurückkomme. Weil, sagt er, jeder wisse, dass sich die Bakterien am liebsten in Kunstfasertextilien sammeln und tummeln, und wenn man dann in dem nassen Gelumpe herumliege, fange man an zu möpseln und habe in null Komma nichts einen Durchfall. Frau Hammlers weitere Äußerungen fallen so überstürzt aus, dass ihr Mann, obwohl solches gewohnt, nicht mehr folgen kann. Was sie meint, versteht er dennoch, weil das Fernglas in hohem Bogen vom Balkon fliegt und nicht mehr zu retten ist.

Als am nächsten Abend beim Stammtisch im Augustinergarten jemand fragt, ob Herr Hammler schon gehört habe, dass es im Englischen Garten nicht mehr genug Nackte gebe, ist er über die Reaktion des Freundes sehr überrascht: Er könne ihm den Schuh aufblasen, repliziert Herr Hammler, und er solle sich den Haufen von Rippenkadavern, Hamburgergebirgen und Colaverklappungstankern, den die heutigen jungen Leute darstellten, ruhig einmal anschauen, dann werde er schon sehen, warum die nur noch im Dunkeln nackt herumlaufen, wenn überhaupt, und sowieso interessiere das bloß ein paar Japanertouristen, und er wolle jetzt einen Schnaps.

Frau Hammler hingegen kann sich in den folgenden Tagen angesichts der schwindenden Sonnenbräune ihres Mannes ein mildes Lächeln nicht verkneifen.

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