Daniel Cohn-Bendit zur EM

"Ich bin irrational gegen Deutschland"

Der Kofraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament über seine Liebe zur französischen Mannschaft, die Notwendigkeit von politischem Protest und den neuen Patriotismus.

"Symbolisch ist das der Anti-Sarrazin": Deutschland-Fans nach dem 1:0 gegen Portugal auf dem Berliner Kurfürstendamm.  Bild: imago/Christian Schroth

taz: Herr Cohn-Bendit, ist es denn überhaupt vertretbar, dass die Fußball-EM in Polen und der politisch fragwürdigen Ukraine ausgerichtet wird? Hat denn das einen europäisierenden Wert an sich?

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Daniel Cohn-Bendit: Angesichts der Situation in der Ukraine nicht, das ist wohl wahr. Nun ist es jedoch so, dass dieses Turnier vor vielen Jahren beschlossen wurde. Die politischen Verhältnisse in der Ukraine sind unüberschaubar. Die Repression, der nicht nur Julia Timoschenko, sondern die ganze Opposition ausgesetzt ist, ist offenkundig.

Da böte sich ein Boykott an, nicht wahr?

Das ist tatsächlich die ständige Frage. Ich bin trotzdem der festen Überzeugung, dass man solch eine Meisterschaft benutzen muss, um dort politisch zu agieren.

Sie Träumer! Bis weit in unser grün-alternatives Milieu hinein ist Politik doch zweitrangig – alles dreht sich nur darum, dass das Löw-Team endlich eine, ja diese Trophäe gewinnt.

Für mich nicht! Ich stehe fest auf beiden blau-weiß-roten Beinen. Und wenn die Blau-Weiß-Roten nicht gewinnen, dann soll es in Gottes Namen Spanien schaffen, weil es nun mal die am besten spielende Mannschaft hat.

67, ist deutsch-französischer Politiker und Publizist. Seit 2002 ist er Kofraktionsvorsitzender der Grünen im EU-Parlament. Cohn-Bendit wurde in Montauban bei Toulouse geboren und aufgewachsen. 1968 war er einer der Anführer der französischen Jugendrevolte. In den Siebzigern spielte er in der Fußballmannschaft der Frankfurter Spontis.

Was man von Frankreich nicht gerade sagen kann.

Eben. Deswegen bin ich irrational für Frankreich und rational für Spanien. Und irrational gegen Deutschland.

Alter Oppositionsgeist, inzwischen ohne Grund?

Es gibt Dinge im Leben, die man nicht erklären kann. Es ist so.

Mögen Sie sich an eine Erklärung wenigstens heranrobben?

Okay. Ich wuchs in Frankreich auf, lernte in Frankreich Fußball kennen und spielen. Meine ersten Idole waren Franzosen, die große Fußballmannschaft von Rennes, die große Fußballmannschaft 1958 in Schweden, die bei der WM im Spiel um Platz drei Deutschland mit 6:3 geschlagen hat. So ist es.

Wir hören keine Skepsis heraus gegenüber der großen Fußballbegeisterung.

Nein, weil es bei mir keine Skepsis gegenüber Fußballbegeisterung gibt.

Auch kein Widerspruch gegen die schwarz-rot-goldenen Debatten in Deutschland um viel zu viel nationale Begeisterung?

Wenn die Leute Schwarz-Rot-Gold wollen, sollen sie das haben. Ich bin für Blau-Weiß-Rot, fertig. Mein Sohn, der Deutscher ist, ging 2006 zur WM sogar beim Endspiel in Berlin mit blau-weiß-roten Haaren. Soll doch jeder machen, wie er will. Toll finde ich, wenn junge TürkInnen in Schwarz-Rot-Gold durch die Gegend laufen. Symbolisch ist das der Anti-Sarrazin.

Kann Sie denn der neue deutsche Eleganzfußball auch nicht antörnen?

Elegant ist der deutsche Fußball, stimmt. Wenn die Deutschen gewinnen, haben sie es wahrscheinlich auch verdient. Will ich gar nicht leugnen. Aber Fußball ist nicht gerecht, und Leidenschaft für Fußball orientiert sich nicht an Gerechtigkeit. So war die Niederlage von Bayern München ungerecht, aber ich habe mich trotzdem für die Sieger gefreut.

Die streng genommen auch gerecht gewannen.

Ja, wegen Drogba, okay.

Am Ende ist der Sieger der Sieger.

Das ist eben das ungerecht Gerechte am Fußball.

Merkel ist die Buhfrau Europas. Ist ihr Gegenstück der Sympath Joachim Löw?

Politik wird beim Fußball überschätzt. So oder so: Ich würde mich auch riesig freuen, wenn Deutschland die Europameisterschaft gewinnt – denn dann jubelt ein ganzes Land einem Türken zu.

Spielt bei den Deutschen ein Türke mit?

Seien wir nicht naiv, natürlich spreche ich über Mesut Özil. In Deutschland werden Türken, auch wenn sie Deutsche sind, als Türken angesehen. Und plötzlich merken alle, dass ein Türke nicht Türke, sondern Deutscher ist. Das wäre für die Mehrheit verwirrend schön. Ich finde das wunderbar.

Von multikulturellen Irritationen abgesehen: Wir kennen niemanden, der so deutsch spielt wie Özil.

Nein, nein, nein. Mesut Özil spielt eine Mixtur aus französischem und spanischem Fußball. Das ist eine sehr interessante europäische Mischung.

Hätten Sie ihn für Ihre Blau-Weiß-Roten am liebsten adoptiert?

Nein, ich lasse ihn. Ich suche nur händeringend einen neuen Zinedine Zidane in Frankreich. Zugegeben: Man kann mit mir einfach nicht rational über Fußball reden.

 

Exklusiv auf taz.de: Lesen, was Sie verpasst haben - verstehen, was Sie gesehen haben: Alle Spielberichte kurz nach Abpfiff auf taz.de/em.

11. 06. 2012

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben