Erdbeeren auf dem Dach, Ökozigaretten in der Tasche: Auf dem taz-Kongress am Samstag suchten 2.000 Menschen das gute Leben. Mit Lust an der Debatte.von Emilia Smechowski

Diskutiert wurde genug. Gelacht und getanzt sowieso. Bild: David Oliveira
Kann man auf einem Kongress gutes Leben lernen? Indem man die Sonne draußen Sonne sein lässt und sich dafür im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) von Panel zu Panel schiebt, als einer von fast 2.000 BesucherInnen? Eher nicht. Aber man kann erfahren, wie es die anderen halten mit dieser Idee vom guten Leben. Gibt es ein Menschenrecht auf Schnitzel? Nein, sagt Thilo Bode, Leiter von Foodwatch. Soll man monogam lieben oder lieber doch nicht? Kommt drauf an, sagt die Sozialwissenschaftlerin Astrid Osterland. Gehört zum guten Leben ein Spontanflug nach New York? Nicht wirklich, sagt der Volkswirtschaftler Niko Paech. Jeder und jede definiert Glück selbst. Und überhaupt: Schluss mit diesem Glücksterror!
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Der taz-Kongress mit dem Titel „Das gute Leben: Es gibt Alternativen“ ist bereits das dritte taz-Laboratorium, gefeiert wurde auch der 20. Geburtstag der taz-Genossenschaft. Es ist ausverkauft, das Thema zieht sehr.
Lina ben Mhenni schaut von der Leinwand ins Auditorium des HKW. Sie ist aus Tunis per Skype zugeschaltet. Vergangenen Montag hatten sie Polizisten verdroschen, ihre Teilnahme am tazlab musste sie absagen. „Wie ist dein Leben in Tunis, über ein Jahr nach der Revolution? Besser?“, fragt taz-Redakteurin Doris Akrap. „Nein“, antwortet die 27-Jährige. „Dass mich die ganze Welt kennt, schützt mich nicht. Im Gegenteil. Ich werde von der Polizei auch sexuell angegriffen, erhalte Morddrohungen auf meinem Blog.“ Sie redet wie vor einem Jahr, als sie ebenfalls bei der taz zu Gast war: leidenschaftlich. Aber die Hoffnung nach einem guten Leben scheint einen Knacks bekommen zu haben.
Im Laufe des Mittags wird es echt voll im HKW, doch das Publikum verdrießt das nicht, man lässt sich den guten Tag nicht verderben und bleibt auch in Warteschlangen freundlich.
Und dann sitzt er da, der Froschkuttel-Liebhaber aus dem Ländle, in grauem Anzug und der unverwechselbaren Bart-Simpson-Frisur in Grau: Winfried Kretschmann, einer der Politprominenzen an diesem Tag. Das Auditorium des HKW ist gut gefüllt. „Sie sind der erste baden-württembergische Ministerpräsident auf einem taz-Kongress“, sagt Peter Unfried, einer der Moderatoren und taz-Chefreporter. „Ich habe keine Ahnung, woran das liegt.“ Nach den Wahlen vor einem Jahr habe Kretschmann die rot-grüne Regierung gebildet.
„Grün-rot!“, kreischt es unisono aus dem Publikum. „Na, das geht ja interaktiv los“, sagt tazlab-Leiter und Mitmoderator Jan Feddersen. „Ist ein gutes Leben in Stuttgart tatsächlich möglich?“, fragt Unfried. Kretschmann lächelt: „Ich will jetzt nicht sagen: Wo sonst? Aber ja doch, auf den zweiten Blick ist das sehr gut möglich.“ Schwäbischer Zungenschlag, natürlich – und vielen im Publikum geläufig. Es lacht. Die Veranstaltung bleibt kurzweilig, heiter und interessant.
Später, als es um den Bau des Stuttgarter Bahnhofs geht, wird Kretschmann doch ernster. „Dass man die Leute so enttäuschen muss, ist die Härte dieses Amtes. Das ist wirklich nicht lustig.“ Und was hat er, was Renate Künast nicht hat? „Nun“, sagt Kretschmann. „Wer in Berlin überall Tempo 30 einführen will, will in der Opposition bleiben.“
Dort, wo Salbei, Thymian und Erdbeeren gepflanzt sind, oben auf dem Dach, hatte vor kurzem noch Christian Rätsch taz-Chefredakteurin Ines Pohl und dem Publikum erklärt, wie ein guter Trip geht. Jetzt sitzt er, seine Lederhosen-Beine gekreuzt, auf der Brust ein Tigerkopf, auf der Wiese am Wasser, seine langen grauen Haare hängen ihm wie Vorhänge ins Gesicht. Was war Ihr bester Trip bisher? „Dass mir Konkurrenzdenken fremd geblieben ist.“
Haben Sie was dabei gerade? Er greift in die Tasche und pult eine Packung Ökozigaretten heraus. Haben Sie heute schon was genommen? „Ich würde niemals vor so einer Veranstaltung …“ Was nehmen Sie grad besonders gern? „Ich weiß nicht, ob ich darauf antworten muss.“ In welchem Ambiente lassen sich Trips besonders gut erleben? „In einer sicheren und schönen Umgebung, ohne Handy, nicht auf Partys.“
Sicher und schön ist es auch im Garten des schönen HKW. Die Veranstaltung mit Carolin Emcke wurde ins Sonnige nach draußen verlegt, ein Raum hätte die an ihr Interessierten nicht fassen können. Die Journalistin liest aus ihrem sehr persönlichen Buch „Wie wir begehren“, in dem sie unter anderem über die Entdeckung ihrer Homosexualität schreibt. Darüber, wie es sich anfühlt, bei einer Hochzeit an den „Tunten-Tisch“ gesetzt zu werden, über den Geschmack von Frauen, und über Fremdheitsgefühle in der Pubertät. Dieser Moment, in der Sonne im Gras, mit Carolin Emckes Erzählungen im Ohr, kommt an diesem Samstag schon sehr nah ran an das ersehnte gute Leben.
Zu lachen gibt es auch, die taz kann sehr komisch sein. Etwa die Sportredaktion. Vor allem Andreas Rüttenauer. Der war bis 1994 Kabarettist, und kurz vor Beginn der großen Party bringt er sein Programm „Vom Leben nach dem Bioladen“ auf die Bühne. In 30 Minuten erzählt er von seiner konservativen Kindheit, der WG, in die er irgendwann zog und wo, trotz zweier Mitbewohnerinnen, kein Essen auf dem Tisch stand. Und seiner Mutter, die eines Tages beim Autofahren abbremste und zur Seite schrie: „Jetzt fahren die Neger auch schon Auto!“
Ein gutes Ende dieses Kongresses. Die Party danach, auf der GenossInnen, RedakteurInnen und alle anderen Gäste gemeinsam tanzten, ging bis tief in die klare Nacht.
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Es gibt Alternativen!
Am 14.4. fand das 3.tazlab im Berliner Haus der Kulturen statt. Ab 9 Uhr wurde in mehr als 40 Veranstaltugen und mit fast 2000 BesucherInnen, Gästen auf den Podien und taz-KollegInnen über das gute Leben diskutiert. Im taz.de Dossier zum tazlab finden Sie die Artikel zum tazlab und die Blog-Einträge im taz Hausblog. Hier gibt es überdies auch noch zahlreiche Videos. Und in unserer Fotostrecke zeigen wir die schönsten Bilder des Tages.
Das ganze Tagesprogramm zum tazlab 2012
taz-Artikel zum tazlab 2012: Das gute Leben
taz-Artikel zum tazlab 2011: Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt
Nicht wenige Analysten und Denker glauben: „Öko ist der Kern einer modernen Moral des 21. Jahrhunderts“. Aber ist öko überhaupt mehr als ein Reklameversprechen? Wer auf sich hält, schwört auf öko. Sagt, dass er grüner isst. Den eigenen ökologischen Fußabdruck möglichst klein hält. Und nötigenfalls, nach einer Fernreise, sogar an eine Umweltorganisation spendet, als sei ein Ablass des schlechten Gewissens nötig. Wer modern sein will, darf kein Umweltschwein sein. So gerann das Wort "öko" zu einer Chiffre, zu einem Dreibuchstabensymbol, das sich jeder und jede anheftet, um weltanschaulich ganz auf dem Laufenden zu sein.
Aber ist das wirklich schlecht, ja, ideologisch verblendet? Weil es sich inzwischen keine Firma mehr nehmen lässt, mit grünem Siegel, Öko-Anmutung oder fairem Image zu werben? Muss das kritisiert werden, weil selbst diese kleinen promotionellen Gesten an den Strukturen nichts ändern können? Ist es nicht so, dass Themen wie der Klimawandel oder die Entschleunigung der finanzökonomischen Rasereien durch die Börsen- und Staatsbudgetkrisen an den Rand gedrängt wurden?
Was genau das ist, das gute Leben, bleibt offen, auf alle Fälle umstritten. Der taz Kongress des Jahres 2012 wollte die neue Bewegung ermutigen - auch durch die Kritik, die sie unbedingt verdient hat.
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Leserkommentare
18.04.2012 09:11 | Sondermann
Hallo taz, ...
17.04.2012 17:29 | Astrid Holz
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16.04.2012 21:39 | Hans Dudda
Die Selbstarroganz von Harald Welzer beim Programm-punkt "Die Politik des guten Lebens" war unerträglich. Wenn ihm die Frag ...