David Bowie und sein Nachlass

So distanziert, so sonderbar intim

David Bowies Originalität ist pures Rock-’n’-Roll-Drama, eine Inszenierung von Pop als romantischer Vorstellungswelt. Er bleibt unsterblich.

David Bowie beim Glastonbury Festival 2000.

Erst vor wenigen Tagen, an seinem 69. Geburtstag, erschien Bowies neues, 28. Album „Black Star“. Foto: reuters

BERLIN taz | Unter der Überschrift „Guide to the Cults“ verzeichnete eine britische Zeitung in den siebziger Jahren sechs Jugendkulturen und ihre Stilmerkmale. Darunter: Punks (“Wollen durch ihr Äußeres provozieren“) oder Mods (“Sehen makellos aus, tragen Mohair-Anzüge“). Nur ein Kult klingt heute bizarr und ausgedacht: „Bowies“ (“Imitieren David Bowie mit Klamotten und Musikgeschmack“). Erscheint es doch als Ding der Unmöglichkeit, diesen Bowie zu imitieren.

Es gibt ihn in so vielen verschiedenen Ausführungen, da könnte man auch gleich ein Chamäleon nachahmen und würde ihm doch nicht annähernd gerecht: Will man der modernistische Bowie aus der Ära des Swinging London der mittleren Sechziger sein? Oder der archetypische Glamrocker aus den frühen Siebzigern? Das angsteinflößende Geräuschgulasch aus dem Berlin der späten Siebziger? Oder der discoide Soulboy aus den frühen Achtzigern? Das windschiefe Drum-’n’-Bass-Ungetüm aus den Neunzigern? Oder doch eher die museumsgerechte Ikone aus den Zehnerjahren?

Kein Popstar hat ähnlich viele Imagewechsel erfolgreich durchlaufen und ist trotzdem sofort erkennbar immer er selbst geblieben wie der britische Künstler David Bowie. Seine Songs sind behutsam und mit dem Sinn fürs Detail arrangiert, nehmen wir nur mal das fanfarenhafte „Let’s Dance“. Oder sie rocken auf genial simple Weise wie „Rebel Rebel“. Sie sind stilistisch so wandelbar wie Bowies Stimme, zu Herzen gehend, mitunter spröde. Sie sind eingängig und theatralisch wie „Space Oddity“. Oft ist es Bowies Stimme, die verletzlich klingt, die Schwäche suggeriert und gerade deshalb so mächtig wirkt.

„Changes are taking the pace I’m going thru“, kündigt er in „Changes“ an, dem äußerst eleganten, flügelschlagenden Auftaktsong seines Albums „Hunky Dory“ von 1971, das ihn zum Star machte.

Die Flamme der Jugend am Brennen halten

Unnachahmlich frech stotternd, aber auch mit stolzgeschwellter Brust feiert er im Refrain die „Ch Ch Ch Ch, Changes“, die Schönheit der Jugend, aber singt gleichzeitig auch schon von der Schwierigkeit, diesen Moment festzuhalten, die Flamme am Brennen zu halten. Ein Umstand, der ihn zeitlebens beschäftigt hat, ihn immer wieder zu Höchstform antrieb.

Bowies Originalität ist pures Rock-’n’-Roll-Drama, eine glaubwürdige Inszenierung von Pop als romantische Vorstellungswelt. Alles ist vergänglich, bewahrt die Erinnerung irgendwie auf: Als einer der ersten Künstler veröffentlicht Bowie mit „Pin Ups“ ein Album ausschließlich mit Coverversionen von Songs der Helden seiner Jugend: Er setzte dem Beat von Them, The Who, The Kinks damit ein frühes Denkmal. „ Love-on ya!“ schreibt er auf der Rückseite des Covers.

Bowie war auch der erste Popstar, der für sich selbst Rollen ausdachte und Maskeraden entwickelte, die seine Hörer nachhaltig prägten

Mit „Hunky Dory“ und dem 1972 veröffentlichten „Ziggy Stardust“ wird Bowie dann selbst zum Weltstar. Kommerziell erfolgreich, aber auch künstlerisch kompromisslos, setzt er nun seine flamboyante Vision bis in die internationalen Charts durch. „Ist eine Zivilisation nicht dem Untergang geweiht, wenn sie die Massen erreicht“, fragte der Altertumshistoriker Michael Rostovzeff in seinem Grundlagenwerk „The Social and Economic History of the Roman Empire“ mit Blick auf den Untergang des Alten Rom. In der Welt des Pop hat das Vulgäre nicht zum Untergang geführt, das hat David Bowie in vielen Momenten seiner Karriere sehr wirkmächtig vorgemacht.

„Sobald man bei einem Major Label unter Vertrag steht, wird man Teil der Welt der Plattenmultis. Dieser Umstand hat weder meine Art des Songwritings noch meine Art der Performance beeinträchtigt“, sagte er einmal.

Geschlechtliche Ambivalenz

Bowie hielt sich auch deshalb so lange in der dünnen Luft des Pop, weil er es in seinen Songs verstand, gleichzeitig distanziert zu sein und eine ganz sonderbare Intimität herzustellen, mit seinen Songs im Wortsinn den Hörern die Hand zu reichen: „Time takes a cigarette /Puts it in your mouth“, singt er in „Rock ’n’ Roll Suicide“, dem glorreichen Finale von „Ziggy Stardust“: „You’re not alone / Gimme your Hands“, lautet der ad infitinitum wiederholte Refrain.

Bowie war auch der erste Popstar, der für sich selbst Rollen ausdachte und Maskeraden entwickelte, die seine Hörer nachhaltig prägten. Bowie trug gern weißes Make-up. 1973 hatte er seine Haare in Alien-Karotten-Orange gefärbt, oben mit Igelstacheln und unten standen die langen Spitzen als Fransen ab.

Auf dem Frontcover von „Hunky Dory“ imitiert er eine durch ein Foto von Edward Steichen berühmt gewordene Pose von Greta Garbo, mit Rouge und Lippenstift, eher Frau als Mann. Das unterstreicht Bowies geschlechtliche Ambivalenz. Er war der erste Popstar, der von sich selbst sagt, er sei bisexuell. Auf der Rückseite von „Hunky Dory“ ist er wiederum in einer unscharfen Fotografie zu sehen, die Haare halblang, dazu ein weißes Hemd und eine beige Leinenhose, in der rechten Hand eine Kippe, eher Maler als Popstar.

Für seinen ersten Hit „Space Oddity“ von 1969 schlüpfte er in einen Raumanzug und verkörperte den „Major Tom“, der die Fortschrittsgläubigkeit im Zeitalter der Mondlandung kritisch hinterfragt. Dieses Performancehafte und Neugierige wurde stets auch als Einladung verstanden, von Fans auf der ganzen Welt, ihm und seinen Richtungswechseln zu folgen.

Am vergangenen Freitag, dem Tag seines 69. Geburtstags, erschien Bowies neues, 28. Album „Black Star“. Groß war die Freude über einen abermaligen Richtungswandel hin zu einem scharf konturierten und experimentierfreudigen Album mit Jazz-Anleihen. Nur wenige Tage danach ist er in Los Angeles einer Krebserkrankung erlegen. Als Popstar bleibt er unsterblich.

 

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