Was die Spiele von 1972 mit denen von 2012 verbindet

Und es geht immer weiter

Der antiisraelische Terror bei Olympia in München 1972 darf als Geburtsstunde der modernen Spiele gelten. Doch das IOC möchte die Spiele nicht mit Politik besudeln.

Ein Mitglied der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" steht im Olympischen Dorf in München.  Bild: dapd

Die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München sind die eigentlichen Vorfahren der heutigen Spiele. Die Bilder von den maskierten, bewaffneten Männern, die sich an die Schlafräume heranpirschten, haben sich in die Erinnerung eines jeden eingegraben, der damals alt genug war, um den ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Dieses Ereignis speist den Sicherheitswahn und die Ausgabenorgien, die Olympia zu dem machen, was es heute ist.

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Die bittere Ironie der Olympischen Spiele 1972 in München: Sie sollten genau den gegenteiligen Effekt haben; und das wäre ihnen wohl auch gelungen, hätte die Wirklichkeit nicht eingegriffen. München sollte der Welt zeigen, wie sehr sich Deutschland seit dem Ende des Krieges verändert hatte. München sollte das Gegenteil von 1936 werden, als Hakenkreuze die Reichshauptstadt überschwemmten und Adolf Hitler in der ersten Reihe thronte.

München sollte die Leichtlebigkeit eines ausgelassenen Karnevals haben. Das grandiose Glasdach des Stadions, eine Art modernes Himmelszelt über dem Olympiastadion, war der Stolz der Stadt. Das millionenschwere D-Mark-Design verströmte Offenheit und gute Laune. München als „Stadt der Lebensfreude“ eben.

Rekorde und Bauruinen

Damals, 1972, war es noch etwas Neues, dass olympische Budgets alle Rekorde brachen und der Stadt Einrichtungen aufbürdeten, die sich – wie Kritiker warnten – niemals selbst tragen würden. Das Rennen um die verheerendsten Spiele, was die Kosten und die anschließend übrig bleibenden Bauruinen betrifft, machte dann Athen 2004: 21 von 22 Veranstaltungsorten sind heute ungenutzt, in den fantastischen Stadien blüht das Unkraut und liegt der Müll. Das Londoner Budget von 15 Milliarden Euro ist viermal so hoch wie ursprünglich geschätzt.

Der amerikanische Publizist, Autor und Politikberater lebt seit 1989 in Berlin. Seine Schwerpunkte sind Migration, Medienpolitik, Verbraucherschutz, Postkonfliktentwicklungen und die Welt der NGOs.

Von Anfang an hat die Münchner Olympiade gezeigt: Diese Spiele, die so nett, jung, fröhlich und vor allem unpolitisch sein wollten, konnten sich der Politik zu keinem Zeitpunkt entziehen. Nicht nur dass sich die DDR und die osteuropäischen Länder über Westdeutschland als Gastgeber aufregten, auch die afrikanischen Länder drohten mit Boykott, sollte die Mannschaft des Regimes in Rhodesien (heute Simbabwe) antreten, wozu es dann nicht kam. Auch Südafrika durfte nicht teilnehmen. China erklärte, es werde nicht kommen, falls Taiwan mitmachen sollte – und kam dann auch tatsächlich nicht.

Bis heute aber beharrt das IOC stur darauf, dass die Spiele unpolitisch wären, obwohl das Gegenteil so offensichtlich ist. Das ist auch der Grund, warum es sich weigert, eine Schweigeminute für die Opfer der Massaker von 1972 einzulegen, ungeachtet der intensiven Lobbyarbeit von US-Präsident Obama, dem kanadischen Präsidenten, der Knesset und nahezu der gesamten jüdischen Gemeinde weltweit. Der US-Sender NBC wollte für die Übertragung der Eröffnungszeremonie eine Minute lang das Kommentatorenmikrofon ausschalten.

Doch das IOC möchte die Spiele nicht mit der banalen Hässlichkeit der Politik besudeln. Das würde den Spaß verderben. Aus irgendeinem Grund in Ordnung war es für das IOC allerdings gewesen, dass die zerfetzte US-Fahne vom World Trade Center 2002 bei der Eröffnung der Winterspiele von Salt Lake City getragen wurde. Ob das etwas mit der Nationalität der Opfer zu tun hatte?

Deutschland ganz friedlich

Die Logik der Verleugnung des Politischen hat 1972 das Massaker erst möglich gemacht. Die laxen Sicherheitsvorkehrungen sollten zeigen, wie friedlich das neue Deutschland ist. Das olympische Dorf wurde damals von einem knapp 2 Meter hohen Maschendrahtzaun eingefasst, Stacheldraht war angesichts der Vergangenheit ein No-Go. Die Sicherheitsleute trugen Freizeitanzüge. Nach der ersten Woche konnte wirklich jeder rein ins Dorf und raus aus dem Dorf.

Nach dem Anschlag – bereits existierende Spezialkräfte blieben in den Kasernen, weil man nicht von der Geheimniskrämerei des Kalten Krieges lassen wollte – gab es ernsthafte Überlegungen, die Spiele abzubrechen. Das wäre die angemessene Reaktion gewesen.

Aber das olympische Gesicht musste gewahrt und die laufenden Rennen mussten gewonnen werden. Der olympische Geist würde über die Politik triumphieren, egal wie hoch der moralische Preis dafür war. Nur eine Handvoll Athleten bewiesen Charakter und packten ihre Sachen.

Bayern als Opfer

Dass sich die Bayern als die eigentlichen Opfer des Terrors sahen, wurde in Schlagzeilen von den wunderbaren, ja den wunderbarsten Spielen überhaupt, die nun kaputt gemacht worden seien, rauf und runter geschrieben. Leute wie Katarina Witt sagen bis heute: „Die Münchner profitieren vom Erbe der Olympischen Spiele 1972 seit vierzig Jahren jeden einzelnen Tag. Von der Infrastruktur über das weltweite Ansehen der Stadt bis hin zur Nachhaltigkeit des Olympiaparks.“

Die hässliche Wolke von München hängt seitdem über allen folgenden Spielen. Die Sicherheitsbudgets sprengen jede Vorstellungskraft. Vier Jahre nach dem Desaster kontrollierten in Montreal 16.000 Polizisten und Soldaten die olympischen Spielstätten. In Barcelona 1992 patrouillierten 50.000 Sicherheitsexperten, und die Hightech-Überwachungstechnologie kostete die Stadt 250 Millionen Euro.

In Atlanta 1996 machte der Sicherheitsetat den größten Posten der gesamten Veranstaltung aus. Bei den Vorbereitungen zu den Spielen in Athen inhaftierten die Behörden ortsbekannte Linke und verdächtige Muslime – in München hatte man damit erst nach den Morden begonnen. 2008 in Peking bewachten um die 100.000 Soldaten die olympische Stadt. Und jetzt kommt London.

Bis heute ist die Tragödie von München den Funktionären keine Minute ihrer wertvollen Zeit wert. Trotz der unzähligen Dopingskandale, trotz der unvermeidbaren Pleiten der Gastgeberstädte und der nationalistischen Tendenzen, die befeuert und nicht etwa besänftigt werden: Die glorreiche Olympiade, sie muss einfach weitergehen. Und wie auch nicht: Wenn die Ereignisse vom 5. und 6. September 1972 den Spielen nichts anhaben konnten, was sollte dem Spektakel jemals ein Ende setzen?

 

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27. 07. 2012

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