Demokratie in Burkina Faso

Sankara Superstar

Der ermordete Präsident und Sozialist Thomas Sankara war lange tabu. Heute beflügelt sein Name die Hoffnungen der jungen Leute.

Graffito in Ouagadougou

Weckt Hoffnung: Graffito in Ouagadougou.  Foto: Katrin Gänsler

OUGADOUGOU taz | Serge Bayala sitzt auf einem Mäuerchen und hält für einen kurzen Moment die Augen geschlossen. Niemand spricht oder ruft ihn an, niemand will etwas von ihm, und weder ein Auto noch ein Moped sind irgendwo zu hören. In der Ferne sieht man einige Bauruinen, die daran erinnern, dass der Stadtteil Dagnoen zu Ouagadougou gehört, der Hauptstadt Burkina Fasos.

Rechts und links des Mäuerchens befinden sich kleine Gruften. Ein verlassener Friedhof, dessen Gräber längst von Unkraut überwuchert sind. Namen sind nirgendwo mehr zu lesen. Wenn Wind aufkommt, wirbeln kleine schwarze Mülltüten durch die Luft. Irgendwo erklingt der laute dröhnende Schrei eines Esels.

Obwohl kein Stein mehr für Sankara und seine Kampfgefährten steht, ist die Stelle für Serge Bayala zu einem Pilgerort geworden. „Man sieht zwar nichts mehr, aber das ist egal“, lächelt er und schaut einen Moment andächtig zu Boden. „Sein Geist ist ja noch da.“ Hier lag noch bis Ende Mai Bayalas Held begraben, Capitaine Thomas Sankara. Burkinas Expräsident gilt dem 23-jährigen Studenten als Revolutionär, als „Che Guevara Afrikas“. Und wie um viele Revolutionäre ranken sich Mythen um den 1987 – nach nur vier Jahren Regentschaft – ermordeten Politiker. Eine geeignete Projektionsfläche für die Träume von Aufbruch und Demokratie der jungen Burkinabés.

Sankaras Grab ist verschwunden, aber nicht um ihn ganz dem Vergessen anheim zu geben. „Eine gute Entscheidung“, findet es Bayala, dass Sankaras Leichnam nun zur Exhumierung freigegeben worden ist. Denn seit seinem Tod bestand nie wirklich Gewissheit, ob es sich bei dem Toten auf dem Friedhof tatsächlich um Sankara gehandelt hat und wie er ums Leben gekommen ist. Im letzten Oktober wurden die Ergebnisse der Obduktion veröffentlicht: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit starb er im Kugelhagel bei dem Putsch, den sein einstiger Gefährte und späterer Nachfolger im Präsidentenamt, Blaise Compaoré, zu verantworten hatte. Noch immer steht allerdings das Ergebnis der DNA-Untersuchung aus, die in Frankreich in Auftrag gegeben wurde.

In Burkina Faso sind 66 Prozent der knapp 19 Millionen Einwohner jünger als 25

„Ich war mir immer sicher, dass Sankara hier begraben liegt“, sagt Serge Bayala erleichtert.

Endlich Exhumierung

Möglich wurde die Exhumierung ohnehin erst nach dem erzwungenen Rücktritt von Blaise Compaoré am 31. Oktober 2014. Nach wochenlangen friedlichen Protesten gegen seinen Plan, die Verfassung zu ändern, um erneut für das Präsidentenamt kandidieren zu können, musste er den Weg für Neuwahlen freimachen. Die Übergangsregierung hat auf Drängen der Familie Sankara die Untersuchung angeordnet.

Auch ohne Knochen bleibt der Friedhof von Dagnoen ein wichtiger Ort für Serge Bayala, an dem er Kraft und Ruhe findet. Heute kann er ganz offen darüber sprechen und er kann vor allem kommen und gehen, wie er will. Während der 27-jährigen Herrschaft Compaorés war das anders. Bayala und seine Freunde mussten vorsichtig sein. Die Heldenverehrung war verhasst und hat vermutlich gleichzeitig dazu beigetragen, dass Sankaras Popularität immer weiter stieg.

Denn wie dem Studenten mit den kleinen Dreadlocks geht es Tausenden jungen Menschen in Burkina Faso. Auf Autos und Mopeds kleben Sticker, auf Hauswänden und Mauern tauchen neue Graffiti mit Sankaras Konterfei auf. Vor der Präsidentschaftswahl am 29. November 2015 versprach auch Kandidat Zéphirin Diabré, das zu beenden, was Sankara begonnen hat. Obwohl er als aussichtsreichster Kandidat galt, gelang es Diabré trotzdem nicht, in eine Stichwahl einzuziehen. In den vergangenen Wochen wurde auch bereits Tansanias neuer Präsident, John Magufuli, als neuer Sankara bezeichnet. Am Unabhängigkeitstag ließ er alle Feiern absagen und forderte stattdessen die Bevölkerung auf, überall im Land Müll einzusammeln.

Madame Céline und das Wasser

Wer heute Sankara verehrt, hat ihn vermutlich nie selbst als Präsidenten erlebt. Auch er putschte sich am 4. August 1983 an die Macht, wird aber von seinen Anhängern als Intellektueller beschrieben und nicht als lärmender, trinkender Soldat, der mit der Staatsführung überfordert gewesen wäre. Das sieht auch Serge Bayala so. Für ihn steht Sankara für eine neue, andere Politik. Was ihm besonders gefällt: Sankara wollte gegen Korruption und die Einmischung des Westens kämpfen, er setzte sich für Frauenrechte ein und ging selbst mit gutem Beispiel voran. Sein Dienstwagen war ein Renault 5, das günstigste Auto, was damals zu kriegen war. Diesem Mann möchte Bayala gemeinsam mit Freunden nun das Sankara-Zentrum widmen, eine Kultur- und Begegnungsstätte in Dagnoen.

Er stemmt sich von der kleinen Mauer hoch, auf der er Platz genommen hatte. Da er wegen einer Verletzung auf Krücken läuft, muss er vorsichtig sein. Das Mäuerchen gehört zum Grab einer alten Dame. Madame Céline hieß sie. „Sie hat hier im Viertel gewohnt“, sagt Bayala und zeigt Richtung Ausgang. Dort stehen kleine Lehmhütten. Die Dächer sind aus Wellblech, die Fenster haben keine Scheiben. Die Straßen sind ausgetretene Sand- und Kieswege. Der braunrote Staub bleibt an den Füßen kleben.

„Madame Céline hat Sankaras Ermordung nicht gut geheißen“, erinnert sich Bayala. Deshalb sei sie jeden Morgen um fünf Uhr auf den Friedhof gekommen und habe einen schweren Eimer mit Wasser herbeigeschleppt, um das Grab, das mit einer Betonplatte versiegelt war, zu waschen. „In unserer Kultur hat das große Bedeutung.“ Es zeige Respekt und Achtung. Und deshalb sei Madame Céline direkt neben „dem Präsidenten“ beerdigt worden.

Auch wenn der Exmachthaber nach Abschluss der Untersuchungen wohl eher anderswo in Ougadougou ein echtes Heldendenkmal erhalten wird, ist das Viertel Dagnoen die beste Wahl für das Sankara-Zentrum. Serge Bayala humpelt zum Ausgang. Die geplante Begegnungsstätte liegt nur etwa 300 Meter von der verlassenen Grabstelle entfernt. Aus einer schwarzen Umhängetasche kramt Bayala einen schwarzen Laptop hervor und präsentiert seinen Plan. Viel zu sehen ist noch nicht.

Das Herzstück ist ein Luftbild, auf dem die brachliegende Fläche vor dem Friedhof zu erkennen ist. Sie wird sonst zum Fußballspielen genutzt. Kleine, gescheckte Ziegen suchen nach Essbarem. In weißer Farbe hat Bayala verschiedene Linien auf das Foto gezeichnet. So könnte es einmal werden. Er wandert mit seinen Augen von rechts nach links über den Platz und fängt an zu erklären, was alles hier entstehen soll. „Wir wünschen uns ein Amphitheater und einen Sportplatz.“ Etwa dort hinten könne der Platz entstehen, deutet er mit der linken Hand vage an. Selbstverständlich brauche ein solches Projekt eine Bibliothek und Räume, in denen sich die Menschen treffen und austauschen könnten. Bayala träumt von Konzerten, Lesungen, Sportwettbewerben. Es soll vor allem eine Begegnungsstätte für junge Menschen sein. In Burkina Faso, wo die Bevölkerung jedes Jahr um mehr als drei Prozent ansteigt, sind 66 Prozent der knapp 19 Millionen Einwohner jünger als 25 Jahre.

Die Hoffnungen sinken

Schon Anfang 2015 haben Serge Bayala und seine Freunde die Initiative „Zentrum Thomas Sankara“ gegründet. Das Logo gibt es bereits. Bayala ist der Öffentlichkeitsbeauftragte und reagiert schnell, wenn jemand von ihm Informationen zum Projekt möchte. Kleine Aktionen hat die Initiative schon durchgeführt. Sie haben auf dem großen Platz Müll gesammelt, damit es ordentlich aussieht, aber auch, weil es wohl im Sinne ihres Helden gewesen wäre. In seinen gut vier Jahren an der Macht forderte er schon in den 1980er Jahren die Wiederaufforstung seiner Heimat. Das Sahelland ist seit Jahrzehnten stark von Wüstenbildung betroffen.

Auf einem Moped fährt langsam ein Mann vorbei, der einen blaugrün gemusterten, selbst geschneiderten Anzug trägt und Bayala grüßend zuwinkt. Auch das sei wichtig: Die Menschen im Viertel müssen mitgenommen werden. Doch obwohl alle hinter der Initiative stehen, fehlt es an finanzieller Unterstützung. „Wir haben auf die Übergangsregierung gehofft, die war neutral“, sagt Bayala und denkt an die Zeit zwischen Compaorés Rücktritt im Herbst 2014 und der Präsidentenwahl im vergangenen November 2015. Doch durch einen Putsch der Präsidentengarde geriet alles andere in den Hintergrund.

Serge Bayala klingt längst nicht mehr so optimistisch wie noch vor ein paar Monaten. Da gibt es durchaus Parallelen zu Sankaras Amtszeit. Die Ideen des großen Sozialisten gingen nicht auf. Die Wirtschaft schwächelte, die Unzufriedenheit wuchs. Ältere Burkinabé erzählen noch davon. Doch seine Anhänger hören das nicht gern – auch der 23-jährige Serge Bayala nicht. „Wir bleiben und kämpfen weiter, um das Andenken an Sankara zu bewahren“, sagt er energisch und schließt die Augen, um im Kopf das Sankara-Zentrum schon einmal Wirklichkeit werden zu lassen.

 

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