Der Aufstieg Jürgen Trittins

Der Evergreen

Jürgen Trittin, der mächtigste Grüne, will seine Partei 2013 im Wahlkampf anführen. Dabei bekommt er jetzt Unterstützung von seinem Wegbegleiter Gerhard Schröder

Viele seiner Zeitgenossen wie Joschka Fischer und Gerhard Schröder traten irgendwann ab. Jürgen Trittin ging einfach weiter.  Bild: ap

BERLIN/HANNOVER taz | Es ist ein bisschen, als sei Jürgen Trittin immer schon dagewesen. Er war 1980 dabei, als die Grünen gegründet wurden, da hatte er kurz zuvor noch in Göttingen Häuser besetzt und mit Genossen im Kommunistischen Bund diskutiert – die Haare schulterlang, unter der Nase den Schnauzbart, über der Schulter die Lederjacke.

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Und er war 1998 dabei, als die Chefs der ersten rot-grünen Bundesregierung den Koalitionsvertrag unterschrieben. Da trug er schon einen Dreiteiler, wurde bald darauf Dosenpfand-Minister und war auf dem Weg, sich zum Staatsmann zu wandeln.

Jetzt, mit 58 Jahren, ist Trittin in der Mitte angekommen. Er sucht den Bundespräsidenten aus, rettet mit der Kanzlerin Europa, bringt den Grünen das Sparen bei. Aber nun steht er vor seiner größten Aufgabe: 2013 will der mächtigste Grüne seine Partei wieder in die Regierung führen. Wenn es Rot-Grün schafft, wäre er selbst gerne Finanzminister und Vizekanzler.

1980 Hausbesetzer, 2013 Finanzminister. Was ist zwischendurch mit Trittin passiert?

Niemand weiß besser, wie Trittin regiert, wenn er mal darf, als Gerhard Schröder. Der lange Dünne diente unter dem kantigen Kleinen vier Jahre in Niedersachsen als Minister für Europa und den Bundesrat, dann sieben Jahre als Umweltminister im Bund.

Ein politischer Marathonläufer

"Trittin hat an Statur gewonnen“, sagt Schröder in der sonntaz. „Früher war er der Buhmann der Nation, der allenfalls durch seine Sachkenntnis beeindrucken konnte. Inzwischen hat er sich einen staatsmännischen Habitus erarbeitet.“ Der ehemalige Bundeskanzler empfiehlt den Grünen Trittin im Wahlkampf an die Spitze zu stellen: "Wenn die Grünen klug sind, machen sie Trittin zum Spitzenkandidaten."

Schröder hält Trittin für sehr verlässlich. „Wenn es um die Wurst ging, dann stand Trittin“, sagt der Ex-Kanzler.  Wenn sie im kleinen Kreis etwas verabredet hätten, sei Trittin anschließend rausgegangen und habe das verteidigt.

Man könnte auch sagen: Trittin vollstreckt. Kaum ein Politiker vereint so viele Widersprüche in sich wie er. Mit Schröder baut er in Niedersachsen eine Daimler-Teststrecke und eine Erdgas-Pipeline. Linke Grüne nennen ihn dafür bis heute einen Zyniker der Macht. Als Bundesumweltminister legt sich Trittin mit den Energiekonzernen und den Autoherstellern an. Und gewinnt.

Und vor allem: Trittin ist ein politischer Marathonläufer. Als andere abtraten, rannte er einfach weiter. Gerhard Schröder ging, Joschka Fischer ging. Und Trittin pickt im Bundestag immer noch mit dem Zeigefinger in die Luft, wenn er in schneidenden Reden die Kanzlerin attackiert.

Jürgen Reents war 13 Jahre lang Chefredakteur der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland. Er kennt Trittin aus den Gründungsjahren der Grünen, sie sind bis heute befreundet. Trittin sei viel mehr Realpolitiker, als es Joschka Fischer gewesen sei, sagt Reents.

Lieber zwei Schritte zurück, um wieder einen vorwärts gehen zu können. Überzeugungen zurückstellen, damit man weiter verändern kann. „Das ist die Leninsche Schule“, sagt Reents. Ein Prinzip, das Trittin damals in Göttingen lernte, als er als Linksradikaler mit den Jusos paktierte. Und nach dem er bis heute arbeitet, wenn er als Grünen-Stratege mit Merkel den Fiskalpakt beschließt.

Für die Ganze Geschichte in der aktuellen Wochenendausgabe hat die sonntaz Jürgen Trittin in Bayern und in Berlin begleitet und politische Weggefährten des Spitzengrünen getroffen. Sie erzählt vom Weg eines Mannes, der immer als Rebell erscheinen wollte, aber eine rasante Berufspolitikerkarriere hinlegte. Wie er mit diesem Widerspruch umgeht, lesen Sie in der sonntaz vom 25./26. August 2012.

 

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