Der gefeierte Mats Hummels

„Ich versuche flüssig zu reden“

Mats Hummels spricht über Blockdenken im Team, seine Art, Spiele aufzuarbeiten, und warum er weder ein Fußballintellektueller noch ein Mitläufer ist.

„Was ich sage, kommentieren meine Eltern eigentlich gar nicht.“  Bild: dpa

taz: Herr Hummels, das Turnier könnte für Sie eigentlich nicht besser laufen. Sie spielen fix in der Innenverteidigung. Ihre Leistung gegen Portugal wurde hoch gelobt.

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Mats Hummels: Es ist alles eingetroffen, was ich mir erhofft hatte.

Wie groß war die Skepsis vor der EM, dass sie es in die erste Elf schaffen würden?

Ich wusste, dass es schwierig wird. Der Bundestrainer hat oft und lang auf Per Mertesacker gesetzt. Aber ich hatte ein gutes Gefühl und wurde bestätigt. Ich habe gespürt, dass ich eine Chance beim Trainer hatte.

Das dürfte auch Jürgen Klopp freuen, ihren Heimtrainer.

Nach jedem Spiel gibt es Kontakt. Das ist immer sehr unterhaltsam, weil er rhetorisch nicht so schlecht ist.

23, spielt auf der Position des Innenverteidigers. Mit Borussia Dortmund gewann Hummels zwei deutsche Meistertitel, bei der EM wurde er Per Mertesacker als Stammspieler vorgezogen. Er hat bisher 16 Länderspiele absolviert.

Sie sind ja rhetorisch auch nicht ganz unbegabt. „Die Anforderungen, um im Fußball ein Intellektueller zu sein, sind natürlich niedriger als anderswo.“ Der Satz stammt von Ihnen. Sehen sie sich als Fußballintellektueller?

Überhaupt nicht. Wenn ich meinen Freundeskreis durchgehe, dann bin ich der Einzige, der kein Abitur gemacht hat. Natürlich fußballbedingt.

Aber das hätten Sie ja locker geschafft.

Mit der richtigen Einstellung (lacht). Ich habe mich schon immer versucht, vernünftig auszudrücken und möglichst flüssig zu reden. Das ist der Anspruch an mich selbst. Ich sehe darin keine besondere Begabung. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich keine Nervosität verspüre, wenn ich mit den Medien rede.

Das Gespräch mit Mats Hummels hat taz-Reporter Markus Völker nicht allein mit dem BVB-Profi geführt. Am Tisch saßen auch zwei Journalisten von sport1.de. Beim DFB sind meist nur sogenannte „Poolinterviews“ mit mehreren Kollegen möglich. Diese werden als Vertreter ihres Pools zu den Gesprächsrunden geschickt und versenden anschließend die Interviewtranskripte an die restlichen Poolmitglieder. Die taz hat einen Pool mit der Neuen Zürcher Zeitung gebildet. Der größte Pool besteht aus einem Zusammenschluss von 14 Regionalzeitungen. Nur wenige Medien bekommen Exklusivinterviews, wie etwa Der Spiegel, Kicker, der Stern, die FAZ und die Süddeutsche Zeitung.

Das liegt sicherlich auch an Ihrem familiären Hintergrund. Ihre Mutter ist Sportjournalistin, Ihr Vater Jugendfußballtrainer.

Was ich sage, kommentieren meine Eltern eigentlich gar nicht. Die einzige Meinung, auf die ich Wert lege, ist letztlich meine eigene. Aber meine Eltern sind auch froh, dass ich es ins Team geschafft habe. Sie haben ja mitgekriegt, dass ich in den vergangenen anderthalb Jahren nicht so glücklich war als Nationalspieler.

Sie haben lange in der Bayern-Jugend gespielt, ein Jahr zusammen mit Holger Badstuber, er war im offensiven Mittelfeld, Sie im defensiven. Macht es das leichter, mit den Bayern-Spielern jetzt klarzukommen?

Mehr als die Hälfte im Team kenne ich von der U21-Auswahl oder aus meiner Zeit bei den Bayern. Ich habe keine Probleme, mich irgendwo einzubringen.

Gibt es ein Blockdenken im Nationalteam, nach dem Motto: Da ist der Bayern-Block, hier die BVB-Profis?

Dieses Blockdenken gibt es. Meist hängt man eben mit den Leuten ab, mit denen man tagtäglich zu tun hat. Aber Mario Gomez, André Schürrle und Marco Reus sind zum Beispiel auch gute Freunde, und die kommen aus drei unterschiedlichen Vereinen. Klar bilden sich Gruppen, aber es ist nicht so, dass da vier verfeindete Gruppen sitzen würden. Wir spielen schon mal zusammen Snooker oder Karten.

Die Alphatiere kommen aus dem Bayern-Block. Wo stehen Sie in der Hackordnung?

Ich bin kein Mitläufer. Ich möchte zum Spiel etwas beitragen, offensiv und defensiv. Ich will nicht einfach nur den Ball abgeben zum Nebenmann, der nur vier Meter entfernt steht. Dass Bastian, Miro und Per etwas zu sagen haben im Team, das ist klar. Aber es gibt außerhalb des Spielfelds kaum eine Situation, wo so eine Hackordnung wichtig wäre.

Relevant ist, was jeder in 90 Minuten auf dem Platz zeigt. So entstehen Hierarchien. Man wird einfach mehr akzeptiert, wenn man seine Leistung bringt. Es ist mir wichtig, dass ich im Ansehen vor allem meiner Mitspieler steige. Die Öffentlichkeit ist dabei nicht so wichtig.

Nicht? Nach einem kritischen Artikel im Spiegel reagierten Sie direkt nach dem Portugal-Spiel mit einem Medienboykott?

Dieser Fall war krass, weil viel falsch geschrieben wurde. Das ist unmöglich. Meine Mutter hat den Spiegel seit 20 Jahren im Abo. Sie hat kurz überlegt, das Abo zu kündigen. Ich fand die Berichterstattung extrem negativ in den Wochen vor der EM. Da wollte ich ein Zeichen setzen. Am nächsten Tag bin aber schon wieder vor die Presse getreten.

Aber es gab doch Anlass zur Kritik, weil es für Sie im Nationalteam nicht gut lief.

Das waren Testspiele, wo der Defensivgedanke nicht bei allen so ausgeprägt war. Wo die Offensiven sagen: Okay, das ist ein Freundschaftsspiel, konzentrieren wir uns heute mal aufs Toreschießen. Dann sieht man in der Defensive natürlich schlecht aus.

Außerdem wollte ich zu viel. Ich wollte nicht einfach nur normal spielen, sondern besonders gut. Ich wollte besondere Momente kreieren, auffallen, weil ich wusste, ich war nicht drin in der Mannschaft. Und ich wollte rein. Das hat leider zu Fehlern gefühlt.

Wie sammeln Sie sich nach einem schlechten Spiel wieder?

Ich lese mir nach einem Spiel immer alles durch was so geschrieben wird.

Sie durchforsten wirklich alles?

Ja, meistens. Im Hotel kann man nach dem Spiel nicht viel anderes machen als zu lesen und im Internet zu sein.

Warum tun Sie das? Wollen Sie aus den Bewertungen Ihres Spiels lernen und die richtigen Schlüsse ziehen?

Ich will wissen, wie das in der Öffentlichkeit gesehen wird. Zum Beispiel, ob man außerhalb Dinge wahrnimmt, die ich innerhalb des Teams wahrnehme. Oft gibt es da große Unterschiede.

Wie viel vom Spiel des BVB steckt eigentlich in der Nationalelf?

Nicht viel. Ich sehe da keine großen Parallelen. Das Spiel mit Ball ist anders geartet. Es ist auf viel Ballbesitz ausgerichtet, es ist ein bisschen breiter, nicht so schnell, nicht mit so viel Zug zum Tor, etwas mehr auf sicheres Passspiel ausgelegt. In Dortmund gehen wir auch etwas schneller drauf auf den Gegner, aber da wir bisher nur ein Tor bei dieser EM kassiert haben, ist das defensiv schon mal richtig gut gelaufen, trotz aller Unterschiede.

 

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16. 06. 2012

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