Das Land der Fußballindividualisten hat wieder einen guten Torwart: Rui Patrício bewies in der Europa League, dass er die Nerven für knappe K.o.-Spiele hat. von Andreas Rüttenauer

Rui Patrício hat elf Schüsse in diesem Turnier abgewehrt. Bild: dpa
Sie sprechen nicht über sich. Sie dürfen nicht sagen, dass sie zufrieden mit sich sind oder wie sie sich fühlen. Die portugiesischen Spieler werden nur zu einem Thema vor dem Halbfinale gegen Spanien. Warum tut sich Cristiano Ronaldo so schwer? Wie verstehen Sie sich mit Cristano Ronaldo? Warum ist Cristiano Ronaldo so gut? Meistens geben sie brave Antworten. „Ronaldo wird noch einiges zeigen bei diesem Turnier“ etwa.
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Gesagt hat das Rui Patrício. Er ist der Torhüter der Mannschaft. Er hat elf Schüsse abgewehrt in diesem Turnier. Mit 24 Jahre ist Patrício, der seit seiner Jugend bei Sporting Lissabon spielt, der jüngste der vier Halbfinaltorhüter. Der unbekannteste ist er ohnehin. Gianluigi Buffon (34), Iker Casillas (31), Manuel Neuer (26), ihre Namen sind es, die sich Kinder auf ihre Trikots flocken lassen. Sie sind schon lange Helden.
Seit dem 15. März 2012 ist auch Rui Patrício ein solcher – zumindest für die Fans von Sporting Lissabon. In der 95. Minute des Rückspiels im Achtelfinale der Europa League bei Manchester City fliegt ein Ball in den Strafraum. Joe Hart, der aufgerückte Keeper der Gastgeber, setzt zu einem wunderbaren Kopfball an und will schon jubeln. Doch irgendwie bekommt Patrício, in seinem 200. Spiel für Sporting, noch ein Paar Finger an den Ball. Abpfiff. Das ölscheichreiche Manchester City scheidet aus, Sporting steht im Viertelfinale.
Herausragende portugiesische Spieler hat es über die Jahrzehnte immer wieder gegeben, auf einen herausragenden Torhüter wartet die Fußballnation seit Vítor Baía. Der hatte bis 2002 insgesamt 80-mal für die Nationalmannschaft gespielt und gehört zu den wenigen Spielern, die alle drei Europapokalwettbewerbe gewinnen konnten. Ricardo, sein Nachfolger im Nationalteam, konnte nicht viel, war aber immerhin ein Elfmeterspezialist. Als Eduardo, der WM-Torhüter 2010, seinen Stammplatz bei Benfica Lissabon einbüßte, brach Rui Patrícios Zeit an.
Als Talent gilt er schon lange. Als ganz junger Mann, mit 20, durfte er mit zur EM 2008 in die Schweiz und nach Österreich fahren. Doch weil er sich immer wieder mit vermeidbaren Fehlern regelrecht blamiert hat, fiel er wieder ganz weit zurück in der Hierarchie der portugiesischen Torhüter. Zur Weltmeisterschaft in Südafrika durfte er dann nicht einmal mehr als Reservist mitfahren. Doch er stabilisierte sich und verdrängte während der EM-Qualifikation Eduardo aus dem Tor. Jetzt glaubte man, dass er es kann.
Als Patrício bei den Playoffs zur EM-Qualifikation gegen Bosnien und Herzegowina (0:0 und 6:2) im Tor stand und sein Vorgänger Eduardo auf der Bank saß, da war er endlich unumstritten. Seine Auftritte in der Europa League dürften ihm dabei geholfen haben. Denn er ist nicht nur der Held von Manchester, er ist auch der Retter von Charkow.
Im Viertelfinalrückspiel beim FC Metalist hielt er in der 64. Minute einen von Cleiton Xavier geschossenen Elfmeter. Dass Sporting ins Halbfinale eingezogen ist, ist zu einem großen Teil das Werk von Rui Patrício. Er kann also auch Elfmeter. 6 von 22 hat er in seiner Karriere gehalten.
An die Spanier hat Patrício übrigens nur die besten Erinnerungen. An jenem unglaublichen Tag im November 2010, als eine entfesselt aufspielende portugiesische Mannschaft den Weltmeister in einem Testmatch mit 4:0 besiegt hat, stand Rui Patrício zum ersten Mal im Tor der Nationalmannschaft.
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