Gomez stark, Schweinsteiger überragend, Löw lässig. Doch der Sieg gegen die Niederlande ist die Folge eines neuen Stils der Nationalmannschaft.von Markus Völker

Mann des Spiels: Bastian Schweinsteiger. Bild: dapd
CHARKIW taz | Jogi Löw verfügt neuerdings über ganz erstaunliche Fähigkeiten. Nach nur wenigen Besuchen der Ukraine versteht er offenbar schon die Landessprache. „Ich hatte keinen Ton, aber ich glaube, ich weiß, was sie meinen“, entgegnete er einem ukrainischen Fragesteller und streifte den nutzlosen Kopfhörer ab, der ihm eigentlich eine Übersetzung hätte liefern sollen.
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Löw konnte im Grunde nur den Namen „Schweinsteiger“ verstanden haben, aber das reichte ihm, um zu wissen, dass es um den Mann des Spiels ging. Der defensive Mittelfeldstratege des FC Bayern hatte zwar kein Tor geschossen, doch er hatte jeweils den entscheidenden Pass zu Mario Gomez gespielt und darüber hinaus durch clevere Defensivarbeit überzeugt.
Gomez erzielte mit Schweinsteigers Hilfe in der ersten Halbzeit zwei Treffer, woraufhin das Heer der holländischen Fans in der ostukrainischen Stadt jäh verstummte. Oranje war baff. Mit dieser Dominanz hatten sie nicht gerechnet. Der Vizeweltmeister schaffte nur noch den Anschlusstreffer durch eine schöne Einzelleistung von Robin van Persie (73. Minute). Mehr kam nicht. „Denen ist wenig eingefallen“, sagte Löw.
Deutschland steht nach dem 2:1 in der Hitzeschlacht von Charkiw vorm Einzug ins Viertelfinale. Im letzten Vorrundenspiel am Sonntag reicht ein Unentschieden gegen Dänemark. „In der Group of Death hammer jetzt mal sechs Punkte, das isch ne gute Leistung“, freute sich Löw. Dann ging er auf die Frage des ukrainischen Journalisten ein: „Seine Präsenz auf dem Platz ist extrem gut“, sagte er über Schweinsteiger. Der habe es geschafft, die Holländer an ihrem wunden Punkt zu treffen.
Schweinsteiger, dem noch vor Turnierbeginn die Wade gezwickt hatte und der nach einem Mallorca-Kurztrip in den Fokus der Boulevardpresse geraten war, spielte zwei blitzsaubere Pässe „in die Schnittstelle“ der holländischen Abwehr, „dahin, wo sie besonders verletzlich sind. Wir haben gewusst, dass sie Probleme mit diesen Schnittstellen haben“, sagte Löw.
Das DFB-Team war nicht nur in den entscheidenden Situationen gedankenschnell und leichtfüßig, sie machten es den Holländern auch durch das „kompakte Spiel“ (Löw) schwer. Hätte nur noch gefehlt, dass der Bundestrainer wieder mal seine neue Lieblingsvokabel an den Mann gebracht hätte.
Sie lautet „aufsässig“ und beschreibt den aktuellen Stil der Nationalmannschaft ziemlich gut. Es geht nicht mehr vorrangig um mitreißendes Offensivspiel wie bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, jetzt sind vor allem Aggressivität gefragt und extrem hohe Laufbereitschaft.
Wichtig ist, dass alle nach hinten absichern. Wenn dann noch ein paar Torchancen herausspringen – umso besser. Auf dieser Defensivbasis ruht das deutsche Spiel. Früher hieß das mal kontrollierte Offensive. Aber das ist ein Begriff aus der Mottenkiste des Fußballs. Jogi Löw würde ihn eher nicht herauskramen.
Der Bundestrainer sagt lieber: „Wir haben gewusst, dass die holländischen Defensivspieler im eins gegen eins nicht so gut sind.“ Jedenfalls nicht so gut wie die Deutschen, die nur in den ersten 15 Minuten etwas in die Bredouille kamen nach Chancen von Robin van Persie.
„Viele Teams sind bei dieser Europameisterschaft sehr auf die Sicherheit bedacht“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels und erkannte damit den Trend dieser Tage. Das traf für die Deutschen ebenso zu wie für die Holländer, die mit einer 4-2-3-1-Formation antraten und nicht mit der früher typischen Oranje-Aufstellung 4-3-3.
„Es ist lange her, dass Deutschland so eine gute Mannschaft hatte“, lobte Bert van Marwijk den Gegner. „Die sind sehr stark, die sind sehr kreativ, die können viele Tore schießen.“ Deutschland, so klang das jedenfalls aus dem Mund von van Marwijk, ist das neue Holland: Die Moffen sind es, die jetzt Voetball totaal spielen.
„Wir waren nicht stark genug, wir haben zu wenig gezeigt“, räumte der Bondscoach ein. Im Mittelfeld taten sich enorme Lücken auf, Ibrahim Afellay und Arjen Robben spielten auf den offensiven Flügeln unter Normalniveau. „Wir haben ihnen einfach zu viele Räume gelassen“, lautete das Fazit von van Marwijk. Sein Team müsse jetzt „tapfer“ sein im nächsten Spiel gegen Portugal. Sie wollen die Minimalchance auf den Einzug in die K.o.-Runde nutzen. „Wir glauben noch an uns.“
An sich geglaubt hat auch Mario Gomez. Nach dem Presseecho der vergangenen Tage ist ihm das allerdings nicht leicht gefallen. „Es ist nicht so einfach, so etwas abzuschütteln“, sagte Gomez. Dem Profi des FC Bayern war vorgeworfen worden, ihm fehle die Bindung zum Spiel, er solle den Platz für Miroslav Klose oder Marco Reus räumen.
ARD-Experte Mehmet Scholl hatte sich gar über die vermeintlich kräfteschonende Spielweise von Gomez lustig gemacht („Ich hatte Angst, dass er sich wund liegt“). In der Hitze von Charkiw hat Gomez einen Beweis seiner Extraklasse erbracht. Für Jogi Löw kam das nicht sonderlich überraschend: „Ihn muss man nicht lange aufrichten, er findet seinen Weg schon immer selber.“
Hört das denn niemals auf? Bei der U-21-EM triumphiert Spanien in einem torreichen Finale mit 4:2 gegen Italien. Zwei Elfmetertore und Thiago Alcantara machen den Unterschied.

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Leserkommentare
15.06.2012 05:33 | vic
An Fußball gänzlich uninteressiert gefällt mir doch, wie "ARD-Experte" Scholl von Gomez widerlegt wurde.
14.06.2012 12:09 | Balla
gibt´s eigentlich noch andere Leute die wie ich befürchten, das der Fußball demnächst kaputt geht? Die Kommentatoren verlie ...
14.06.2012 10:12 | Herberto
Mario Gomez hat Mehmet Scholl widerlegt: Er muss nicht von Mehmet gewendet werden, er vermag sich selbst zu drehen - und zw ...