Die 68er-Bewegung

Aufrührerisch, schamlos, frech …

… und doch auch ganz anders: Die 68er wollten Spaß und Freiheit. Vor allem wollten sie alles Autoritäre zur Seite fegen – nicht nur an den Hochschulen.

Teilnehmer einer Demonstration in Washington kühlen sich am 09.05.1970 im Brunnen vor dem Lincoln-Memorial ab

So sah es dann nach 1968 aus: Abkühlung bei einer Anti-Vietnamkrieg-Demo in Washington Foto: dpa

Längst schon erwachsen, erinnert sie sich an Kinder- und Jugendjahre, Hilde Huckebrinker, Tochter eines Farbenhändlerpaares im Ruhrpott. Es waren die sechziger Jahre. Die Wolken über ihrem Haus, so sagt sie, kamen direkt aus den Schornsteinen der Industriebetriebe.

Ihr Bett stand im Schlafzimmer der Eltern, so hört sie sie eines Abends sprechen: „Die Hilde, die hat Fantasie.“ Es klang wie eine Sorge, wie der Kummer darüber, dass die Bäume ihrer Tochter in den Himmel wachsen könnten. Das durfte nicht sein, das sollte bei fast allen Kindern und Jugendlichen damals nicht sein: Erziehung, das gemeinsame Leben in der Familie, das bedeutete, den Kindern zeitig die „Flügel stutzen“, wie es hieß, die Träumerei nicht „ausarten“ zu lassen. Schule, das war Einübung auf die nötigsten Kulturtechniken, auf Gehorsam, für Mädchen besonders aufs Bravsein.

So erfahren wir es in der 2007 ausgestrahlten TV-Dokumentation „Unsere 60er Jahre. Wie wir wurden, was wir sind“. Allein dieser Sechsteiler reicht aus, um die Frage zu beantworten: Kann man Jüngeren die Bedeutung einer Jahreszahl nahebringen, die wie keine andere gerade aus der Sicht von rechten Politiker*innen, etwa denen der AfD, für Zerstörung und Zersetzung steht: 1968? Und für Millionen andere, eben auch für die später unbeirrbar ihren eigenen Lebensweg gehende Hilde Huckebrinker, eine Dekade der Möglichkeiten, des Aufbruchs und der Zurückweisung falscher Autoritäten.

Also 1968. War da wirklich was? Und wenn ja – wann genau? Und durch wen? Allein die ersten beiden Aprilwochen vor 50 Jahren zeigten, mit welcher Wucht der stürmische – und bisweilen gewalttätig irrige – Liberalisierungsdrang mit dem nicht weniger entschlossenen Bewahrertum zusammenprallte: die späteren RAF-Terrorist*innen An­dreas Baader und Gudrun Ensslin setzten ein Frankfurter Kaufhaus in Brand – sie gaben dies als revolutionären Akt aus und waren nur antiemanzipatorische Desperados; in den USA wird der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet – eine Woche später der Studentenführer Rudi Dutschke in Berlin auf offener Straße angeschossen.

Dabei ­waren es nicht allein Studenten und Studentinnen, die, obwohl es damals viel weniger gab als heutzutage, einen gigantischen Relaunch in den universitären Apparaten anstrebten. Ja, es stimmt, dieses 68 war allem voran ein akademischer Relaunch derer, die damals öffentlich beachtet in der dritten Reihe standen – und zugleich viel mehr.

68 war, die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg hat dies in ihrem aktuellen Buch „Das andere Achtundsechzig“ akribisch aus den Quellen jener Jahre destilliert, in puncto Sozialismushoffnungen und Kommunismussehnsüchten nicht einmal gut gequirlter Unsinn. Was es war, sollte sich erst in den siebziger Jahren mit Macht zeigen – das war tatsächlich die Erosion, Konservative würden sagen: Zerstörung der Verhältnisse des Zusammenlebens. Frauen nahmen sich nicht mehr als Rippen ihrer Adame wahr, sondern als eigenständige, selbstbestimmte Personen.

Schlagen erlaubt, abtreiben nicht

Was sie bis dahin dominierte: als Frau allein nichts zu gelten, viel zu früh Mutter zu werden, Sexualität zu wollen und gleich schwanger zu werden, das hieß nämlich, aus allem, was Berufstätigkeit bedeuten könnte, hinausgeworfen werden zu können. Eine unerwünschte Schwangerschaft war strikt verboten, Adressen von hilfsbereiten Ärzt*innen wurden heimlich weitergegeben – und wer keine hatte, suchte das Problem oft mit Stricknadeln und kochend heißen Beckenbädern aus der Welt zu schaffen.

68 – das ist eine Chiffre, die dafür steht, was damals ein Laboratorium in der Zeit war. In Deutschland galt das Schlagen von Kindern als Strafmaßnahme bis weit in linksliberale Kreise hinein als normal, Gewalt gegen Frauen, Gattinnen, als nötig. Die Doppelziffer 68 symbolisiert einen Rausch der Möglichkeiten; der Historiker Detlef Siegfried hat über diese Zeit der Jugendrevolten das Buch „Time Is On My Side“ geschrieben, eine korrekte Skizze jener Jahre, die nicht nur in der Bundesrepublik eine des Aufruhrs, der Verstörungen bei Rechten und bei Konservativen war: Der Titel, nicht im Original, aber am durchsetzungsstärksten von den „Rolling Stones“ gesungen, sagt fast alles: Die Zeit der Antiautoriären war auf ihrer Seite. Oder wie die Chronistin Katharina Rutschky es einmal formulierte: „Wir wollten gegen die knöchernen Verhältnisse anrennen, liefen aber mit unseren Anliegen durch offene Türen.“

1968 war ein bewegendes Jahr. Eines mit lang anhaltenden Folgen für alles, was sich in den kommenden Jahrzehnten als linksalternativ verstand – und letztlich für die gesamte Gesellschaft. Aber wie und wann hat das alles begonnen?

Kalenderblatt

Um unseren LeserInnen ein Gefühl dafür zu geben, startet die taz das „Kalenderblatt zum Sommer 1968“. In den kommenden Monaten werden wir in der gedruckten taz sowie auf Twitter und Facebook immer wieder auf ein vor 50 Jahren aktuelles Ereignis hinwiesen.

Karte mit Schauplätzen

Auf taz.de/1968 gehen wir auf Zeit- und Weltreise – mit einer Karte der Schauplätze des Protests und einem Wissens-Quiz, das gut geschulten Linken leichtfallen sollte.

Das alte Regime, die noch junge, demokratieunerprobte Bundesrepublik war durchsetzt von alten Nazis, vor allem an den Schalthebeln der Behörden und Ministerien, nur ausnahmsweise öffentlich sichtbar – und doch vermochten sie nicht, die antiautoritären Impulse, die aus den USA herüberwehten, abzuwehren. 68 – das ist eine Zahl, die für Demokratisierung, für ein besseres Leben überhaupt steht. Die jungen Lebensstile waren zwar durchweg angloamerikanisch geprägt, man trank Coca-Cola und begann als cooles Beinkleid die Jeans zu entdecken, ließ, Reverenz an die Hippie- und Beatkultur, die Haare wachsen, weil ein Fassonschnitt oder Bürstenlook nach Ordnung und Ruhe oder gar Militär aussah.

In den USA lieferten afroamerikanische Künstler*innen die wichtigsten ästhetischen Angebote für die neue Zeit, tanzbar wie Motown mit Diana Ross & den Supremes, Sam Cook, Otis Redding und die gewaltige Aretha Franklin mit „Respect“, worunter vieles verstanden werden konnte, der Respekt der Macker oder der vor den Ansprüchen des Neuen. Muhammad Ali, US-Box-Olympiasieger 1960 in Rom, war Weltmeister aller Klasse, der beste unter allen bis heute. Und riskierte durch einen selbstbewussten Spruch einen Karrierebruch.

Reporter fragten, wie er zum Vietnamkrieg und zur Kriegsdiensteinberufung stehe. Und er sagte: „Ich habe kein Problem mit dem Vietcong“, der schimpfe ihn jedenfalls nicht „Nigger“. Ein Skandal, dass es nur so krachte – unerhört, was der Mann sich herausnahm. In der Bundesrepublik wurden diese Nachrichten überliefert, aufgegriffen und richtig verstanden: Es sollten noch viel mehr Leute es ihm nachtun und schamlose Fragen zurückweisen. Und Wünsche wachsen lassen, dass die Bäume doch in den Himmel wachsen, mit aller Fantasie, auf dass sie nicht gestutzt werden können.

Frau war nur, wer in einer Ehe lebte

Junge Leute wurden beschimpft auf der Straße. Männer mit Bärten und langen Haaren, Frauen im Minirock, endlich mal nicht ihr gewünschtes Selbst in züchtigen, antierotischen Klamotten verstecken müssend: Gammler, Pinscher, Uhus, echauffierte sich schon Kanzler Ludwig Erhard (1963–66), der die Welt auch nicht mehr verstand.

Noch galt der Kuppeleiparagraf, nach dem sich strafbar machte, wer Zimmer an Unverheiratete vermietete. Homosexualität war strafgesetzlich verboten, die christlichen Kader hatten die Nazifassung des § 175 einfach weitergelten lassen, und das, um ihn auch wirken zu lassen, einschüchternd, kontrollierend, knastbedrohlich. Wehrdienstverweigerer mussten sich einer peinlichen Prüfung unterziehen, im Fall des Erfolgs musste ein junger Mann dann „Ersatzdienst“ leisten. Unverehelichte Frauen wurden „Fräulein“ genannt, eine Frau war nur, wer in einer Ehe lebte.

68 war eine in die Tiefe gehende Renovierung dessen, was die SPD in den frühen Siebzigern „Modell Deutschland“ nennen sollte – und doch von den Millionen Protagonist*innen der Aufräumarbeiten nicht so verstanden wurde. Um „Deutschland“ ging es nicht, man war ja Teil eines internationalen Protests: Nicht nur die Universitäten mussten den neuen, nicht mehr so sehr elitären Bildungschancen angepasst werden.

Viel mehr noch: Der Strafvollzug wurde heftiger Kritik unterzogen, die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen, die als gefährlich erkannt wurden, in Heimen empfand man als skandalös, und jene, die das mit der TV-Dokumentation „Bambule“ am besten schaffte, war die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Psychiatrien, Krankenhäusern, Schulen – überall moderte noch der Modus der Verwahrung, des Autoritären und der Gewalt. Es herrschte weithin ein Ton von Befehl und Gehorsam: Seit den sechziger Jahren wurde nichts von diesen Apparaten in Ruhe gelassen.

Doch der Aufbruch zeichnete sich ja schon lange ab, er blieb nur in der Minderheit, bis das passierte, was heutzutage als 68 verstanden wird. Kunst und Kultur waren schon in den fünfziger Jahren am Entschlacken ihres Naziballasts; die erste Documenta in Kassel fand schon 1955 statt. In den schon damals hoch subventionierten Theatern herrschte Experimentierlust.

The Beatles meet Michael Holm

Auf der Burg Waldeck in Rheinland-Pfalz fanden seit 1964 Liedermacherfestivals statt, auf denen sich später prominente Künstler (in erster Linie männliche) für eine andere, nicht schunkelselige Musik engagierten: Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader – man wollte auch wie in den USA Künstler haben wie Joan Baez, Phil Ochs, Bob Dylan and you name it …

In der populären Musik aber, in den Charts und Hitparaden, spiegelte sich die Ambivalenz jener Jahre. In ihren Chroniken wird sichtbar, dass der Aufbruch nicht widerspruchslos hingenommen wurde. Einerseits Songs der Beatles, der Stones und des Beats überhaupt, Soul von Aretha Franklin, Otis Redding oder Smokey Robinson – und obendrein eine deutsche Sängerin, die für das bessere deutsche Liedgut stand, Alexandra, die etwa mit Taigamelancholie und einem Lied wie „Sehnsucht“ so etwas wie der aussöhnliche Kommentar zur Ostpolitik der Ära Willy Brandts werden sollte.

Unter den Sängern gab es auch einen wie Michael Holm, in den Siebzigern eine Art Idol begehrender Mauerblümchen („Tränen lügen nicht“), der sich ausdrücklich als 68er verstand, aber, so sagte er, „mit den russischen Panzern in Prag 1968 war es vorbei, ich wollte mit diesen Sozialisten nicht mehr zu tun haben“.

Aber zugleich auch gab es, ob sie dies wollten oder nicht, deutsche Seligkeit nach den Mustern von Peter Alexander, Karel Gott und einem kaum pubertierenden Jungen aus den Niederlanden, Heintje, der eine gefühlte Ewigkeit die Topposition mit seinem Lied „Mama“ blockierte: Es gab unter uns Heranwachsenden buchstäblich niemanden, der dieses Monstrum an jüngelchenhafter Gestriegeltheit, an präkastrierter Sinnlosigkeit nicht voller Faszination gehasst hat: He was the real smiling evil!

Die Kräfteverhältnisse waren prekär: Time was on their sides – aber die anderen, die Gegner hatten nur eine Schwächephase, sie sollten wiederkommen. Der Kulturkampf um das, wofür 68 steht, war noch lange nicht gewonnen. Aber damals bekam die Chose Wind unter die Flügel, und sei es in den akademischen Milieus, aber eben nicht hauptsächlich unter diesen, um die autoritären Charaktere zur Seite zu fegen: Sie hatten moralisch ihre Legitimität verloren – sie konnten immer nur „Betreten des Rasens verboten“ lallen und andere Tut-man-nicht-Formeln. Das Wichtigste aber war: Autorität musste begründet werden, sie konnte nicht mehr sprachlos akzeptiert werden.

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1968 – ein Jahr, ein Mythos. Die taz blickt zurück auf die Bewegungen der 60er-Jahre.

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