Neue Eskalationsstufe in Istanbul

Polizei attackiert Ärzte

Den ganzen Tag über liefern sich in Istanbul tausende Demonstranten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Und zum ersten Mal betreten Erdogan-Anhänger den Protestort.

Die Polizei während der kleineren und mittleren Ausschreitungen am Sonntagnachmittag.  Bild: dpa

ISTANBUL taz | Am Sonntag herrscht auf dem Taksimplatz nach dem nächtlichen Großangriff eine gespenstische Leere. Die Polizei hat den Platz abgesperrt, nur Journalisten dürfen durch. Über den Platz patrouillieren Mitglieder der Sonderkommandos, an schattigen Eck sitzt ein Dutzend Männer auf Plastikstühlen und trinken Tee. Die meisten tragen zwar zivil, dennoch wirkt das hier wie der Feldherrenhügel. So führen sich Besatzer auf.

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Noch am frühen Nachmittag sind Müllwagen damit beschäftigt, die Hinterlassenschaften der Parkbesetzer wegzuräumen. Auch die Bagger sind noch nicht damit fertig, die Reste der Barrikaden abzutransportieren. Umso mehr hat man sich beeilt, alle Wandparolen und Graffiti rund um den Park zu übertünchen. Selbst die mit Sendemasten bestückten Busse der Telekommunikationsfirmen, die rund um den Park abgestellt waren, sind notdürftig überstrichen. Es ist, als wolle jemand sagen: Es ist nichts passiert.

Zum Gezi-Park durchzukommen ist schwer. Auf Bänken sitzen Polizisten, die harsch reagieren, wenn man dem Park zu sehr nähert. Nur einer ist gesprächig: „Die Terroristen, die diesen Platz besetzt hatten, haben alles so verdreckt, Sie können sich das nicht vorstellen“ sagt der schnauzbärtige Mittvierziger mit fettglänzendem Gesicht feist grinsend. Er wirkt wie der Bösewicht aus einem türkischen B-Movie der siebziger Jahre, ist aber echt. „Wir haben alles weggeräumt und mit Wasser durchgespült, dahinten werden gerade Blumen gepflanzt. Sie werden sehen, das hier wird ein wunderschöner Park werden.“

Die Istanbulerinnen und Istanbuler, die bis in den frühen Morgen trotz Polizeigewalt versuchten, zum Taksimplatz durchzukommen, nehmen nun in kleineren und mittleren Gruppen einen erneuten Anlauf. Für 16 Uhr ist dort eine Kundgebung angekündigt.

Taksim ist natürlich nicht überall

Dass der Aufruf dazu schon am Samstagnachmittag erfolgte, als der Gezi-Park noch nicht geräumt war, hält sie nicht ab. Sie skandieren zwar immer wieder „Taksim ist überall, Widerstand ist überall“, aber Taksim ist natürlich nicht überall. Taksim ist Taksim, und da wollen sie hin. Im Laufe des Nachmittags gibt es rund um den Platz zahlreiche Auseinandersetzungen mit der Polizei. Besonders heftig geht es diesmal auf der Einkaufsstraße Istiklal zu.

Eine Gruppe von etwa tausend Demonstranten – so bunt zusammengewürfelt wie die gesamte Protestbewegung, aber vereint in der Gegnerschaft zu Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan – versucht auf Höhe des Gebäudes des türkischen Staatsfernsehens zum Taksim-Platz durchzukommen.

Von einer Verbindungsgasse zur Istiklal aus schießen Polizisten Lärmgranaten und immer wieder Gasgranaten, die von den Demonstranten zurückgeworfen werden. Dann kommt vom Taksimplatz eine Gruppe von Polizisten mit Gasgewehren und Knüppeln – viele davon in Zivil – und treibt die Leute hinunter zum Tarlabaşı-Boulevard, einer mehrspurigen Straße, die zum Goldenen Horn hinunterführt.

Kaum ist die Polizei verschwunden, drängt die Menge an diese Ecke zurück. Einmal gelingt es den Demonstranten, am Tarlabaşı-Boulevard eine Barrikade zu errichten, die sie aber bald aufgeben müssen. Später errichten sie noch eine Barrikade, aber sie ist zu schwach für die Wasserwerfer. So geht es den ganzen Nachmittag lang.

Pfeffergaskartuschen als Geschoss

Polizisten schießen wie gewohnt große Mengen Pfeffergas auf die Menschen. Sie zielen auf Körperhöhe. Und geschossen wird nicht nur mit Gas. Einmal bleibt ein Einsatzwagen der Polizei an einer Gruppe von vier Menschen stehen. Aus dem Wagen richtet ein Polizist ein Gummigeschoss aus drei Metern Entfernung auf eine Frau und drückt ab. Die Frau bricht schreiend zusammen.

Aus etlichen Stadtteilen wird von Auseinandersetzungen berichtet. Aus Beşiktaş machen sich einige tausend Menschen auf dem Weg zum Taksimplatz, in Şişli und Kurtuluş wird gekämpft, und auch von der anatolischen Seite versuchen Menschen wie in der Nacht zuvor über die Brücke zu kommen. Aus Nişantaşı heißt es, Polizisten hätten einen armenischen Friedhof verwüstet.

Bestätigen lässt sich das zur Stunde nicht. Denn während Stadtbusse nicht nur für den Transport von Polizisten genutzt werden, sondern auch dafür, um Anhänger von Erdogans AKP zu dessen Kundgebung am westlichen Stadtrand zu transportieren, ist der übrige öffentliche Verkehr eingestellt.

Derweil holt die Erdogan-Regierung zum Racheschlag aus: Nachdem bei der Räumung des Platzes schon die meisten Hotels am Gezi-Park, die den Demonstranten Zuflucht geboten hatten, von Polizeieinheiten attackiert wurden, sind nun die Ärzte dran. Das Gesundheitsministerium will gegen alle ermitteln, die Verletzten geholfen haben. Meldungen machen die Runde, dass der AKP wohlgesinnte Unternehmer Mitarbeiter entlassen, die sich an den Protesten beteiligt haben.

Und Mitglieder von Çarşı, die Ultras des Fußballclubs Beşiktaş, die während der Straßenschlachten festgenommen wurden, sollen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt werden. Erdogans Rede nach zu urteilen, dürfte das erst der Anfang sein. Wie viel Angst diese Regierung trotzdem hat, zeigt eine Randnotiz von der AKP-Kundgebung: Nicht nur, dass dort Fahnen drei großen Istanbuler Fußballklubs sowie von Çarşı gehisst werden, der Moderator der Veranstaltung weist von der Bühne auch noch ausdrücklich darauf hin. Die Botschaft: Das Volk steht hinter uns. Und zur Not helfen wir eben etwas nach.

Als die Dunkelheit anbricht, betreten etwa 200 Erdogan-Anhänger den Tarlabaşı-Boulevard, dort wo die Demonstranten am Nachmittag die Barrikaden zu errichten versuchten. In der Nähe, im Stadtteil Kasımpaşa, ist Erdogan aufgewachsen. Seine Parteigänger greifen einige Demonstranten an, die Polizei direkt daneben handelt nicht.

 

Im Sommer 2013 begann es als lokaler Protest gegen eine Städtebau-Projekt im Gezi-Park in Istanbul. Bis heute kommt es zu regelmäßigen Demonstrationen und Polizeigewalt dagegen.

16. 06. 2013

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