Die Begrüßungsrede

Ein Maulwurfshügel der Zuversicht

Eröffnungsrede von Elke Schmitter, Kuratorin der taz Panter Stiftung

Elke Schmitter bei der Begrüßungsrede Bild: Hein-Godehart Petschulat

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde der taz und der Panter Stiftung: Der Journalismus besteht im Wesentlichen aus der Verbreitung schlechter Nachrichten. Es ist deshalb besonders erfreulich, dass sich aus dem Projekt der taz Einiges entwickelt hat, was angetan ist, die Laune zu heben. An erster Stelle ist das der fair gehandelte und ökologisch korrekte Kaffee, der nicht nur immer dafür gesorgt hat, dass eine ideenreiche und stellenweise muntere Zeitung erscheint, sondern auch dafür - jedenfalls meiner Erfahrung nach - , dass sie überhaupt erscheint.

Die Tatsache, dass Menschen bereit sind, für ein sozial und biologisch fortschrittliches Produkt mehr zu bezahlen, hat die taz vor etwa zwanzig Jahren auf die Idee gebracht, auch die Zeitung selbst in drei Preisklassen anzubieten, von denen die höchste - der sogenannte Politische Preis - ein direktes Sponsoring für all diejenigen ist, die wenig Geld haben und deshalb das Solidar-Abo in Anspruch nehmen. Ich erinnere mich an das Gespräch über die Frage, ob die taz dieses verbilligte Soli-Abo an irgendwelche Nachweise knüpfen soll - einen Studentenausweis oder irgendeine offizielle Bedürftigkeitsbescheinigung.

Es war keine lange Debatte, es war eigentlich überhaupt keine: Wir haben damals schnell entschieden, dass wir das nicht wollen. Die taz besteht aus Kommunikation - mit der Welt und ihren Lesern und untereinander - , und Kommunikation beruht auf Vertrauen, sie hat sonst keinen Sinn - es sei denn, man kommuniziert, wie derzeit mit Putin, um Krieg zu verhindern oder auszusetzen: Dann kommuniziert man ohne Vertrauen, aber natürlich auch ohne Vertrauen in die Kommunikation selbst; das kann das kleinere Übel sein, ist aber eine Ersatzhandlung. Etwa so wie das Kaffeetrinken, wenn man eigentlich einen Artikel schreiben soll. 

Es geht um Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Vertrauen

Wenn wir kommunzieren, müssen wir dem Anderen glauben und uns selbst, das heißt, wir brauchen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Immer dann, wenn wir das nicht erleben, funktioniert die Sache nicht, und sie hinterlässt ein schales Gefühl bei allen Beteiligten.

Das Prinzip Vertrauen trägt die Zeitung selbst, weil Sie glauben, was drinsteht, es trägt die Genossenschaft der taz, es trägt das große neue Projekt, den Bau eines neuen Seelengehäuses für die Redaktion und den Verlag - und es trägt das Modell „taz zahl ́ ich“, mit dem im Netz Artikel zu lesen sind, für die man anschließend etwas Geld überweist - wenn man will. In diesem kleinen und besonderen Kosmos ist Vertrauen also die Währung, in der jede Transaktion vonstatten geht. Was das Vertrauen in die Weltläufte betrifft, tun wir uns schwerer damit.

Der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling und sein Sohn Ole betreiben seit Jahren eine Art Vertrauensoffensive, indem sie die Menschen in der westlichen Hemisphäre mit Fragen zum Gang der Weltgeschichte traktieren - ob global die Armut abnimmt, ob die schulische Bildung für Mädchen weiter verbreitet ist als früher, ob die Kindersterblichkeit gesunken ist und so weiter. Etwas pauschal, aber im Kern zutreffend gesagt: Die allermeisten Menschen schätzen die Entwicklung nicht nur etwas schlechter ein, sondern schlicht falsch - und zwar in Richtung der prophylaktischen Depression. Sie gehen davon aus, dass alles immer schlimmer wird, obwohl es der Welt besser und ihnen selbst gut geht.

Noch paradoxer - oder vielleicht gerade folgerichtig, weil der Mensch ja ein waches und häufig schlechtes Gewissen hat: Je besser die äußeren Bedingungen in einem Land sind, um so deprimierender wird der Gesamtzustand anderswo eingeschätzt. Die Schweden und die Deutschen sind da folgerichtig Weltspitze.

"Wir stammen alle von den Angsthasen ab"

Für diesen Andreasgraben zwischen der Fakten und unserer Einschätzung gibt es mehrere Gründe.

Einer ist evolutionärer Natur: Unsere Wahrnehmung ist auf Gefahr geeicht, sonst gäbe es unsere Gattung nicht mehr. Wir stammen alle von Angsthasen ab. Also vergrößern wir intuitiv, was uns bedrohlich erscheint, zum Beispiel eine mögliche Inflation, die Scharia-Polizei in Wuppertal oder das Risiko, von einem Hai zerlegt zu werden. (Angriffe auf Haie sind die Spitzenmeldungen auf allen Nachrichtenportalen, vor allem in Regionen, in denen Forellen die größten Fische sind.) Wir müssen also gegen unsere Intuition und damit gegen uns selbst angehen, wenn wir eine Entwicklung zum Besseren überhaupt zur Kenntnis nehmen wollen.

Ein zweiter Grund hat mit unserer Presse zu tun, die eben im Wesentlichen von der Verbreitung schlechter Nachrichten lebt. Es gibt da heroische Ausnahmen, zum Beispiel die Website visionews, die über gelungene Initiativen und Entwicklungen weltweit berichtet und die von der ex-tazlerin Ute Scheub mitbegründet wurde, die auch im Kuratorium der Panter Stiftung für gute Ideen und Optimismus sorgt. Aber grosso modo konsumieren wir im Laufe unseres Lebens so viele deprimierende Nachrichten und düstere Analysen, dass ich die sprichwörtliche Altersdepression schon lange für eine Spätfolge dieses Prinzips der Negativ-Akkumulierung halte.

Ein kleines bisschen Zuversicht

Mitten in diesem großen, tiefen Andreasgraben zwischen den Nachrichten über die Welt und unserem Leben schaufelt die Panter Stiftung der taz jetzt im zehnten Jahr einen Maulwurfshügel der Zuversicht. Dafür gibt es mindestens einen politischen und einen anthropologischen Grund.

Politisch verhält es sich so, dass die Linke in Theorie und Praxis aus der Kritik an den Verhältnissen entstanden ist. Wenn es zuhause besser wird, geht sie in die weite Welt, und wenn die Verhältnisse besser geworden sind, nimmt sie sich die Strukturen vor. Das ist richtig und gut, verstärkt aber die Neigung zur Altersdepression.

Anthropologisch verhält es sich so, dass der Mensch dreierlei braucht, um sich in seinem Leben zurecht zu finden: Verstehen, Handlungsfähigkeit und Sinn. Er muss begreifen, was seine Situation ausmacht und er muss wenigstens ein Minimum von Gestaltungsfähigkeit haben - vor allem aber muss er das Gefühl haben, dass das, was er tut oder aushält, einen Sinn hat.

Ein drastisches Beispiel dafür sind die Berichte von Überlebenden aus Konzentrationslagern, die alle darin übereinstimmen, dass politische und religiöse Gefangene ein Gran höhere Chancen hatten die Torturen zu überstehen. Wer nicht nur am eigenen Leben festhielt, sondern wer einen Sinn darin sah zu überleben, weil er sich einer Gruppe oder einer Idee verbunden fühlte, der hatte dann zwar auch nicht mehr Gestaltungs- oder Kontrollmöglichkeiten im äußeren Sinne - aber die äußere Situation konnte im Inneren gestaltet werden, und zwar zu etwas, das trotz allem Leid erträglich war, weil es nicht als sinnlos empfunden wurde. 

Der Sinn kommt von uns selbst

Das war eine drastische Einleitung zu diesem Abend. Denn natürlich haben wir es bei dem, was wir gleich zu sehen und zu hören bekommen, mit kleineren Dimensionen zu tun. Glücklicherweise.

Entscheidend aber ist zweierlei: Was immer die Kandidaten für den taz Panter Preis tun, sie tun es hier und jetzt. Sie reagieren auf Missstände, die sich in unserem Nahbereich breit gemacht haben, mit der Urteilskraft des Unmittelbaren. Und sie gestalten damit den Dreischritt des menschlichen Lebens, wo es gelingt: Sie verstehen eine Situation, sie gestalten sie neu - und damit geben sie ihren Handlungen und ihrem Leben Sinn. Denn der kommt niemals von außen, der kommt nur von uns selbst. Und ganz nebenbei, was nicht zu unterschätzen ist, erneuern sie unser Vertrauen. In die Welt, und in uns selbst.