Die Domina gibt Auskunft

Genussvoll devot sein

Lady Velvet Steel denkt über problematische Männlichkeit und eine sexuell sprachlose Gesellschaft nach.

Die Domina Lady Velvet Steel in Arbeitsuniform: Manchmal mit großem Vergnügen, manchmal nur als routinierte Dienstleisterin. Bild: TomW

Sie arbeiten als Domina: Wie sind Sie zu Lady Velvet Steel geworden?

Fabienne Freymadl: Wie viele andere Sexarbeiterinnen auch: ich war jung und brauchte das Geld. SM ist zwar Teil meiner persönlichen Sexualität, aber ich habe nie darüber nachgedacht, das zu professionalisieren.

Davor war ich selbständig als Pyrotechnikerin und Feuerkünstlerin. Das lief auch ganz gut – bis zum Weihnachtsgeschäft, danach kam das grosse Loch, Januar bis März, April: Niemand braucht eine Feuershow, da sind keine Hochzeiten draussen.

Also meldete ich mich auf eine dieser blöden Anzeigen: „Mit Chatten unglaublich viel Geld verdienen“. Mit Dildo vor einer Kamera rumspielen ist nicht mein Ding, aber sie suchten eine Domina.

Wie sind Sie unabhängig geblieben?

Dass die Betreiber ziemlich viel Provision für Ihre „Dienstleistung“ – also Arbeitsplatz, Technik, Profilpflege und Buchhaltung – wollen, passte mir bald nicht mehr. Also kaufte ich mir eine Webcam, leuchtete mein Zimmer aus, hatte plötzlich schnelleres Internet.

Und: mir schrieb keiner mehr vor, wann ich arbeiten sollte. Unterdessen habe ich mich in einem Studio eingemietet, das ich stundenweise nutze. Denn virtueller SM genügte mir irgendwann nicht mehr: Wenn ich in SM-Rollenspielen von Strafe sprach, was sollte ich dann tun – den Chat beenden? 

»Männliche oder queere Prostitution etwa wird oft ausgeblendet, weil die Genderkonzepte da über Bord geworfen werden.«

Warum provoziert Ihr Beruf so sehr?

Sexualität ist in unserer Gesellschaft immer noch ein grosses Tabu – trotz der sexuellen Revolution. Sex ist zwar wahnsinnig präsent und auch der Kapitalismus weiss ihn für sich zu nutzen. Tatsächlich geredet aber, über Lustempfinden zum Beispiel, wird immer noch viel zuwenig.

Käuflicher Sex wird als Bedrohung für die bürgerliche Familie wahrgenommen.Aus Sicht vieler Feministinnen nutzen wir Beziehungsstrukturen aus. Weil wir Sexualität nach Bedarf anbieten, würden wir das Geschlechterverhältnis zementieren.

Wie sehen Sie das?

Anders – es gibt ganz viele verschiedene Formen von Sexarbeit und ganz viel Sexarbeit, die nicht gesehen wird, weil sie nicht ins Bild passt. Männliche oder queere Prostitution etwa wird oft ausgeblendet, weil die Genderkonzepte da über Bord geworfen werden. 

Stimmt das gängige Klischee, dass vor allem Manager Dominas besuchen?

Das dachte ich auch, aber tatsächlich ist das fast gar nicht so. Zu mir kommen auch Managertypen, aber genauso auch Bauerarbeiter, kleine Angestellte: Alle. Vielmehr bekomme ich zu spüren, dass in unserer Gesellschaft die männliche Sozialisierung meistens über Stärke und emotionale Distanz funktioniert.

Sie studierte Sozialarbeit und Design, arbeitet als Domina Lady Velvet Steel und ist Sprecherin des Berufsverbands „Erotische und sexuelle Dienstleistungen“.

 

Mit den taz.lab-BesucherInnen wird sie in individuellen Sitzungen persönliche und politische Sexfragen besprechen.

Das hat weniger mit dem Job zu tun, sondern ist ein Genderproblem, das wir in unserer Gesellschaft geschaffen haben. Devot sein ist für viele ein Ausweg, weil man zum Genuss gezwungen wird. 

Wie vermeiden Sie, dass sich Kunden selbst überschätzen?

Mit ausführlichen Vorgesprächen. Selbstüberschätzung erlebe ich oft. Viele haben ihre SM-Vorstellung aus Pornos: Sieht geil aus, tut einem selber nicht weh. Sobald sie selbst in einer Zwangsjacke stecken, merken sie: Oh, das tut tatsächlich weh.

Sobald es zur Sache geht, merkt man schnell ob jemand dem gewachsen ist, was er sich gewünscht hat. Je mehr jemand behauptet, er sei tabulos, umso weniger glaube ich ihm. Jeder hat Tabus.

Was passiert während der Arbeit mit Ihnen?

Ich ziehe tatsächlich ein grosses persönliches Vergnügen aus meiner Arbeit – wenn die Chemie stimmt. Natürlich habe ich auch ab und zu blöde Sessions oder schlicht langweilige Fantasien. Dann ist das eben eine Stunde Dienstleistung – so verdiene ich nun mal mein Geld.

Was zählt für Sexarbeiterinnen?

Dekriminialisierung und Entstigmatisierung. Wir brauchen mehr Rechte und Anerkennung. Um die Stigmatisierung gesellschaftlich abzubauen, brauchen wir ein politisches Signal.

Etwa dass die Sondergesetze wie die Sperrgebietsverordnung unserer Branche abgeschafft werden. Immerhin bekommen wir unterdessen in der Politik Gesprächstermine.

Was zählt für Sie persönlich?

So abgedroschen das klingt: Dass wir einen Weg finden mit unserer Umwelt im Einklang zu leben.

In mir schlägt ein Hippie-Herz, ich glaube fest daran, dass wir unsere Ressourcen auf diesem Planeten sinnvoll verteilen können, so dass wir uns nicht ausbeuten müssen und alle gleichberechtigt ihren Interessen und Freuden nachgehen können.

Das Gespräch führte Gina Bucher.