Die Kritiker der Bahn

Das geliebte Hassobjekt

Die Pannen bei der Bahn machen die Experten wütend. Ihre Kritik ist oft von gekränkter Zuneigung geprägt. Auf Besuch bei ihnen, einmal quer durch Deutschland. von PHILIPP GESSLER

Die Bahn, sagt Karl-Peter Naumann von "Pro Bahn", wecke eben Gefühle wie das Auto. "Der Kunde aber wird in seinen Emotionen nicht ernst genommen."  Bild:  dpa

Karl-Peter Naumann hat einen Humor der trockenen Art. Nach dem Interview hastet der Bundesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn in der "DB Lounge" des Hamburger Hauptbahnhofes an einer Kühltruhe vorbei. Sie ist gefüllt mit bunten Tüten voller Speiseeis, und alles ist gratis für die 1.-Klasse-Fahrgäste oder die Vielfahrer der Bahn. Naumann widersteht tapfer, er greift nicht zu, aber sagt: "Nehmen Sie sich ein Eis! Falls die Klimaanlage ausfällt."

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Die Deutsche Bahn, einst als Reichs- und Bundesbahn der Stolz des Volkes in der Mitte Europas, musste sich in den vergangenen Wochen wegen des Ausfalls von Klimaanlagen in ihren ICE-Zügen viel Spott gefallen lassen. Immer wieder gerieten dabei Männer wie Naumann ins Blickfeld: "Bahnkritiker" oder "Bahnexperten", die kenntnisreich den Medien erklären, wie und warum das alles geschehen konnte. Wie Prellböcke nehmen sie den Hass auf die Bahn auf, um ihn umzuleiten in das Erdreich politischer Forderungen. Aber ist das Wort vielleicht schon zu scharf: Hass? Und steht hinter der Kritik dieser Fachleute nicht viel mehr Liebe zur Bahn? Eine Hassliebe womöglich?

Pro-Bahn-Chef Naumann nimmt die Frage in den bahnroten Ledersesseln der "DB Lounge" elegant auf: "Es ist eher eine Liebe", sagt der 59-jährige Chemiker, dessen bordeauxrote Krawatte eine kleine Lok schmückt. Mit leuchtenden Augen schwärmt er von seiner Modellbahn Spur 1: "Das muss einfach sein", sagt er mit sanfter Ironie. Er erzählt von einer Nische in seinem Haus, in die perfekt ein 1.-Klasse-Abteil hineinpasste, weshalb er der Versuchung nicht widerstehen konnte. Und dann gebe es noch seine Kursbuch-Sammlung. Eines stamme sogar aus dem Jahr 1847! So ist es bei vielen Kritikern: den Kirchenkritikern etwa, den Parteienkritikern, den Medienkritikern: Ihre Kritik ist oft von Liebe zum kritisierten Objekt geprägt, von gekränkter Liebe vielleicht.

Karl-Peter Naumann (Pro Bahn)  Bild:  philipp gessler

"Wie tickt der Kunde?"

Pro Bahn: Der medial zuletzt sehr präsente Fahrgastverband Pro Bahn wurde 1981 in Köln gegründet. Er hat etwa 5.000 Mitglieder. Er tritt vor allem für die Interessen von Fahrgästen im öffentlichen Verkehr ein.

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Bahn von unten: Die Initiative Bahn von unten versteht sich als Basisorganisation innerhalb der Bahn-Gewerkschaft Transnet. Bahn von unten spricht sich vor allem gegen die Privatisierung der Bahn und gegen einen Arbeitsplatzabbau bei der Bahn aus.

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Bahn für Alle: Dem Bündnis Bahn für Alle gehören 18 Organisationen an - zu ihnen gehören unter anderem der BUND, die Jusos, Robin Wood und die IG Metall. Das wesentliche Ziel des Bündnisses ist es, die Bahnprivatisierung zu verhindern. Wichtige Koordinationsarbeiten für das Bündnis übernimmt Attac.

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BDEF: Der Bundesverband Deutscher Eisenbahn-Freunde (BDEF) wurde vor über 50 Jahren gegründet. Er ist mit seinen über 300 Vereinen und mehr als 12.000 Einzelmitgliedern nach eigenen Angaben der mitgliederstärkste Verband von Modelleisenbahnern und Eisenbahnfreunden in Europa (und der zweitgrößte weltweit). Er kümmert sich jedoch nicht nur um die Modelleisenbahner, sondern nimmt auch Stellung zu verkehrspolitischen Fragen.

Doch woher diese Hassliebe zur Bahn? "Bei der Bahn", sagt Naumann, ohne sich an dem harschen Wort zu stoßen, "ist es so ähnlich wie beim Fußball: Jeder ist ein Nationaltrainer - oder ein geeigneter Bahndirektor." Die Bahn sei eben "sehr präsent" in der Bevölkerung. Hinzu komme der Hass, er benutzt tatsächlich das Wort, der selbst im Konzern manchmal von Seiten einfacher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufkomme. Zum Beispiel wenn sich manche der 240.000 Mitarbeiter des privatisierten Staatskonzerns "im Stich gelassen fühlen", so Naumann, "weil sie nichts erfahren". Bei Störungsfällen beispielsweise. Oder wenn sie von der Spitze des Konzerns belogen würden.

Die Bahn, sagt Naumann, wecke eben Gefühle wie das Auto. "Der Kunde aber wird in seinen Emotionen nicht ernst genommen." Und Hass komme eben auf, wenn man als Pendler von der Bahn im Alltag abhängig sei und immer wieder die gleichen Fehler passieren, und seien es bloß leichte Verspätungen. Tue ihm die Kritik an der Bahn weh? "Das ist sehr ambivalent", sagt Naumann. Schließlich wisse er ja, dass ein großer Teil der Kritik berechtigt sei. Beispiel Klimaanlagenpanne: "Wie ihr darauf reagiert habt", ruft er imaginierten Bahnoberen zu, "das kann doch nicht wahr sein!" Einer wie der Bahn-Chef Rüdiger Grube, der müsste einfach mehr Bahn fahren, und zwar als ganz normaler Kunde. Also selber für Tickets anstehen, am Fahrkartenautomaten nichts raffen und nicht zuletzt im Nachtverkehr verstehen lernen: "Wie tickt der Kunde?"

Hans-Gerd Öfinger (Bahn von unten)  Bild:  philipp gessler

Mehr als fünfhundert Kilometer entfernt, in Wiesbaden, kommt Hans-Gerd Öfinger in die Halle des Hauptbahnhofs gerannt, direkt vom Urlaub. Das ist nett, wie überhaupt die Bahnexperten meist einer überaus freundlichen Spezies anzugehören scheinen. Öfinger ist Journalist und Sprecher der "Bahn von unten", einer Basisinitiative in der Bahn-Gewerkschaft Transnet. Seine Erklärung für den weit verbreiten Hass auf die Bahn: Die Bahn werde von etwa der Hälfte der Bundesbürger genutzt, sei also eine Sache, die viele angehe. Zugleich aber werde das Außenbild der Bahn in einer autodominierten Gesellschaft "ein bisschen von der Autolobby geprägt", so Öfinger. Zudem habe das immer noch nicht aufgegebene Ziel des Börsengangs die Bahn objektiv verschlechtert. Die Servicemängel etwa hätten viel mit den Vorgaben zu tun, dass möglichst Kosten zu sparen seien.

"Na klar", sagt Öfinger, "um das hier über Jahre zu machen, braucht man Herzblut." So vergieße er solches, wenn er erlebe, wie die Bahn "durch privatisierungswütige Manager auseinandergerissen wird". Früher, da sei die Rede von der "Familie Eisenbahn" doch alles in allem berechtigt gewesen. Nun aber tue vieles weh: Wenn man sehe, wie scharf das Fehlverhalten einzelner Bahnangestellten kritisiert werde, die doch "selbst Existenzängste" hätten. Wenn die Reserven im Betriebsdienst verringert würden und die Privatisierung statt weniger Bürokratie "noch mehr Wasserkopf" verursache. Überspitzt formuliert, sagt Öfinger, sei eine "Konterrevolution im Management" nötig.

Dann kommt der Zug, pünktlich auf die Minute fährt er ab, zurück nach Berlin. Im dortigen Ostbahnhof wartet am westlichen Ausgang Carl-Friedrich Waßmuth. Es ist ein smarter, selbständiger Bauingenieur, gerade mal 40 Jahre alt. Waßmuth ist der Bahnexperte von Attac, das die Außenkontakte für das Bündnis "Bahn für Alle" organisiert. Er ist etwas in Hetze, denn er muss noch eine Pressemitteilung zu den neuesten Pannen der Bahn rausschicken.

Woher der Hass auf die Bahn komme? Vielleicht läge es daran, überlegt Waßmuth, dass man sich in der Bahn, anders als etwa im Auto, bei Pannen schnell "ausgeliefert" fühle oder "fremdbestimmt". Er spricht von einem "Wandel in der Wahrnehmung": Noch vor 30 Jahren seien der Bahn viele Kunden entgegengetreten wie einer Behörde, der man einfach "unterworfen" sei. Nun aber finde man "auch Aufbegehren". Außerdem gebe es "stärkere Reaktionen", weil nach der Privatisierung das Gefühl vorherrsche: Probleme bei der Bahn dürfe es nun eigentlich nicht mehr geben. Nach einer repräsentativen Umfrage im Mai dieses Jahres zeigten sich nur 39 Prozent der Bundesbürger zufrieden mit der Deutschen Bahn - und das war noch vor dem Skandal um die Heizofen-ICEs.

Buhmannsuche

Ihn selbst, sagt Waßmuth, verbinde keine Hassliebe mit der Bahn. "Ich bin einfach ein politischer Mensch", begründet er sein Engagement für den Bahnverkehr, "ich bin kein Pufferküsser." Sicher, er könne auch mal "eine Bahnfahrt genießen". Insgesamt aber habe er ein "ausgeprägtes Misstrauen" gegenüber dem Unternehmen Deutsche Bahn AG - nicht zuletzt weil sie bei Pressemitteilungen "die ganze Zeit" schlicht und einfach lüge. Dann gibt Waßmuth noch eine gute Empfehlung, wie man ohne Umsteigen ans nächste Ziel kommt.

Hans-Werner Bürkner hat direkt an der Bahntrasse zwischen dem Berliner Ost- und Westkreuz seine Wohnung - sie gilt als eine der meistgenutzten Strecken in Deutschland überhaupt. Deshalb schließt der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Eisenbahn-Freunde (BDEF) die Fenster seines Büros, als es wegen eines ICE laut wird. Das Büro des 65-jährigen Rentners verhehlt seine Liebe zur Bahn nicht: Zwei große Vitrinen sind gefüllt mit wertvollen Dampfloks und Waggons in Spielzeuggröße - eine Pracht aber ist vor allem die mehrgleisige Modelleisenbahn-Landschaft, die an drei von vier Wänden des Büros montiert ist. Der BDEF kümmert sich nicht nur um die Modelleisenbahnfreunde der Republik, sondern auch um die Verkehrspolitik.

Den Hass auf die Bahn erklärt Bürkner mit der Suche nach einem Buhmann: "Nun sind die Missbrauchsfälle bei der katholischen Kirche abgeebbt, jetzt kommt die Bahn ran." Trotzdem sei er "nicht unkritisch". Man müsse über Missstände bei der Bahn reden, "aber auch nichts aufbauschen". Ein Grund für die Misere sei der Rückgang der Motivation bei vielen Mitarbeitern: "Das war 'ne Familie auch, und das ist ein bisschen abhandengekommen", sagt der Ingenieur.

Die größte Liebe gibt es in Familien. Und den größten Hass. Die Bahnkritiker wollen alle eine Bahn mit bleibender staatlicher Verantwortung, eine Bahn der Bürgerinnen und Bürger ohne absurde Renditeerwartungen der Politik. Pathetisch gesagt: eine Bahn der Bahner für das Volk.

Bürkner ist so freundlich und lässt eine Dampflok noch mal über die Schienen fahren. Ganz bei sich wirkt er da. Doch ab und zu stockt die Lok, wie er befürchtet hatte. Er hätte die Schienen doch vorher vom Staub säubern sollen, erklärt Bürkner. Aber schön ist die Lok schon.

PS: Für diese Reportage wurden mit der Deutschen Bahn etwa 1.700 Kilometer zurückgelegt. Die Fahrten, nach Wiesbaden und Hamburg und zurück, dauerten insgesamt etwa 13 Stunden. Addiert hatten die genutzten Züge rund eine Dreiviertelstunde Verspätung. Mit Bahncard 50 kostete alles zusammen - ohne Platzreservierungen - 189 Euro. Das macht etwa 11 Cent pro Kilometer. In einem ICE war eine Toilette kaputt. Aber alle Klimaanlagen funktionierten einwandfrei.

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